Die Baugeschichte der neuen Realschule in Oberpleis

Aufnahme: 1967

Die Baugeschichte der neuen Realschule in Oberpleis

"Eine Betrachtung über Planung und Verlauf des Realschulbaues von Heinz Wicharz

Über die noch recht kurze geschichtliche Entwicklung der Realschule in Oberpleis ist an anderer Stelle dieser Sonderausgabe ausführlich berichtet worden. Aufgabe des nachfolgenden Beitrages soll es sein, den recht mühevollen Werdegang, von der 1. Planung bis zur Fertigstellung des Realschulgebäudes aufzuzeichnen.

Fassen wir noch einmal kurz zusammen:
Als der Rat der Gemeinde Oberpleis sich 1964 entschloß, eine weiterführende Schule einzurichten, stand natürlich über allem das vordringliche Problem eines eigenen Schulgebäudes. Schon im Frühjahr 1965 hatte man ein geeignetes Grundstück an der Dollendorfer Straße erwerben können, das am 14. April 1965 von Regierungsvertretern auf seine Eignung überprüft wurde. Einige Monate später, am 9. Juli 1965, erfolgte die Grundstücksgenehmigung durch den Regierungspräsidenten in Köln. Nun konnten sich die Oberpleiser Ratsherren an weitere Aufgaben heranwagen. Zunächst ging es darum, ein geeignetes Schulmodell zu finden. Aus diesem Grunde besichtigten Gemeinderat, Verwaltung und Lehrerkollegium in der näheren und auch weiteren Umgebung von Oberpleis Realschulbauten, die entweder gerade fertiggeworden waren oder sich noch im Rohbau befanden.

Auf einer dieser Exkursionen gefiel dem vorhin genannten Gremium die gerade fertiggestellte Realschule in Waldbröl. Architekt dieses Schulbaues war der Kölner Baurat, Herr Anton Goergen. Am 8. November 1965 beschloß daraufhin der Gemeinderat mit Herrn Goergen in Verbindung zu treten, um von ihm den Waldbröler Schulentwurf käuflich zu erwerben. Baurat Goergen aber erklärte, daß sich der Waldbröler Entwurf nicht so ohne weiteres nach Oberpleis „verpflanzen" ließe. Er sei gerne bereit, den örtlichen Verhältnissen angepaßt einen neuen Entwurf für Oberpleis auszuarbeiten. Der Gemeinderat akzeptierte die von Baurat Goergen vorgetragenen Bedenken und beschloß auf einer Sitzung am 8. Dezember 1965 ihm Planung und Entwurf einer Realschule in Oberpleis zu übertragen,

Wenige Monate später, am 4. März 1966, konnten die Pläne von Baurat Goergen bereits der Regierung vorgelegt werden, nachdem sie der Oberpleiser Gemeinderat einen Tag zuvor genehmigt hatte. Diese Pläne sahen einen Realschulkomplex vor, der in drei Bauabschnitten erstellt werden sollte. Die Gesamtbaukosten sollten demnach DM 2 170 000,— betragen. Für den 1. Bauabschnitt wurden 1 250 000,— DM veranschlagt. Während dem Kölner Architekten, Herrn Baurat Anton Goergen Entwurf und Bauplanung übertragen worden war, beschloß der Gemeinderat, Herrn Bauingenieur Erich Lehmacher aus Thomasberg mit der technischen und geschäftlichen Oberleitung und Bauführung sowie der Massen- und Kostenermittlung zu beauftragen.

Am 3. Mai 1966 wurden die Landeszuschüsse für den 1. Bauabschnitt bewilligt und gleichzeitig die Schulbaugenehmigung für den Entwurf erteilt. Im Juni wurde dem Kreisbauamt das Baugesuch vorgelegt und einige Monate später erhielt die Gemeinde den Bauschein. Damit konnte der Bau der neuen Realschule nach überaus kurzer Vorbereitungszeit beginnen.

Verlauf der Bauarbeiten

Am Freitag, dem 7. Oktober 1966, einem strahlendschönen Herbsttag, mit fast sommerlichen Temperaturen um 20 Grad, begann auf dem vorgesehenen Baugrundstück an der Dollendorfer Straße - etwas außerhalb des Ortszentrums - eine rege Geschäftigkeit. Schwere geländegängige Lastkraftwagen brachten pausenlos Baumaterial. Bautrupps schlugen ihre Holzhäuser auf und Architekten und Statiker begannen mit Vermessungen und Nivellierungen. Schon zwei Tage später wurde der „erste Spatenstich" getan. Allerdings ohne übliche Feier, ohne große Zeremonie und ohne viel Aufhebens. Kraftvoll und wuchtig grub sich die Schaufel eines mächtigen Hydraulikbaggers in das Erdreich — die Bauarbeiten hatten begonnen. Die Ausschachtungsarbeiten gingen zunächst sehr gut voran. Vorausgegangene Bodenprüfungen hatten ergeben, daß eventuell mit Treiblett gerechnet werden müsse; man stellte sich dementsprechend darauf ein. Zum großen Entsetzen der Architekten stieß man jedoch, je tiefer man in das Erdreich vordrang, nicht nur auf Treiblett sondern auf regelrechte Wasserquellen.

Hinzu kam, daß etwa Mitte Oktober tagelange, wolkenbruchartige Regenfälle einsetzten, die ein Weiterarbeiten zunächst unmöglich machten. Es mußte eine statische Umrechnung erfolgen, die eine völlig neue Disposition mit sich brachte. Ergebnis: Es wurde tiefer ausgeschachtet (teilweise bis zu 7,50 m) und die Gründung anders zusammengesetzt (50 cm Rollkies und darauf eine 40 cm starke Fundamentplatte). Rund 26 t Stahl waren notwendig, um den Baugrund ausreichend zu befestigen. Nach diesem unvorhergesehenen „Zwischenfall" gingen die Bauarbeiten jedoch zügig weiter. Täglich trafen neue Baukolonnen ein. Den Tiefbauarbeitern folgten die Kanalbauer und diesen wieder die Maurer. Alle Arbeit standen unter einer gewissen Zeitnot; der Winter war nicht mehr fern. Bis zum Eintreten der Frostperiode sollten aber möglichst noch recht viele Betonarbeiten erledigt sein. Ungewöhnlich früh fiel zum Schrecken der Architekten und Bauarbeiter schon Anfang November der erste Schnee. Am Morgen des 4. November 1966 war die Baustelle in eine dichte weiße Decke gehüllt und die Temperaturen sanken weit unter den Gefrierpunkt.

Glücklicherweise schien der Winter sich aber nur einen „bösen Scherz" erlaubt zu haben, denn tags darauf strahlte die Sonne vom Himmel und machte dem winterlichen Spuk rasch ein Ende. Die Temperaturen blieben auch überraschenderweise, von einigen Ausfalltagen abgesehen, den ganzen Winter über durchaus geeignet, die Bauarbeiten flott und zügig weiter durchzuführen. Wollte man einen weiteren historischen Augenblick in der Baugeschichte der Realschule festhalten, so müßte man den 23. Januar 1967 erwähnen. An diesem Tage hätte eigentlich die Grundsteinlegung erfolgen müssen, als die Maurer den ersten Stein im Keller des Verwaltungstraktes einsetzten. Aber auch dieser Tag verging wie jeder andere, ohne Feier, ohne Ansprachen, ohne Blitzlicht der Photographen etc. etc.

Mitte Februar zeigte der Winter noch einmal seine Krallen. Bei Temperaturen von minus 10 Grad und mehr mußte tagelang jegliche Arbeit ruhen. Dann setzten orkanartige Stürme ein, die besonders in der Nacht vom 20. auf den 21. Februar 1967 erhebliche Schäden anrichteten. Der Sturm tobte mit solcher Wucht, daß eine frischgemauerte Giebelwand und eine Mittelwand einstürzten sowie verschiedene eingeschalte Stützen umgeworfen wurden. Als der Frühling ins Land zog, hatte sich das Bild an der Baustelle Dollendorfer Straße völlig verwandelt. Immer wieder blieben unbeteiligte Passanten stehen, um voll des Staunens zu sehen, was hier innerhalb von fünf Monaten entstanden war. Verwaltungstrakt, Treppenhaus und Klassentrakt waren im Rohbau fertig, die Dächer aufgesetzt, die Außenwände verklinkert und verputzt, und in den Räumen hämmerte und pochte es ununterbrochen.

Zu dieser Zeit waren oft 50 bis 60 Handwerker der verschiedensten Berufssparten tätig. Die Installateure für Heizung, für sanitäre Anlagen, die Elektriker, Glaser, Schreiner, Fußbodenleger, Isolierer, Putzer, Maler, Dekorateure usw. taten den ganzen nachfolgenden Sommer über ihr Bestes, um das gesteckte Ziel zu erreichen: Zum Schulbeginn im September 1967 fertig zu sein. Und das schier Unglaubliche wurde Wirklichkeit: Am Donnerstag, dem 7. September 1967, nach einer sensationell kurzen Bauzeit von nur knapp 11 Monaten, konnte im neuen Realschulgebäude der Unterricht aufgenommen werden. Eine wirklich außergewöhnliche Leistung der Planer, Architekten, Unternehmer und Handwerker.

Ein Besuch in der neuen Realschule

Wir stehen auf der Dollendorfer Straße vor der neuen Realschule. Auf den ersten Blick wirkt der flachgehaltene, zweigeschossige, parallel zur Straße verlaufende Verwaltungstrakt recht schlicht und einfach. Ja, man ist versucht zu sagen, er sei etwas zu klein geraten. Von hier aus läßt sich nämlich gar nicht so recht ermessen, welch umfangreicher Baukomplex sich darunter und dahinter verbirgt. Zunächst ist da einmal die Tatsache, daß das Baugelände von der Straße aus erhebliches Gefälle nach Weiler zu hat. Man brauchte also überhaupt nicht aufzustocken, da man nach unten genügend Raum zur Verfügung hatte. Hinzu kommt, daß der verantwortliche Planer, Herr Baurat Anton Goergen, den Verwaltungstrakt dem übrigen Straßenbild anpassen und den gegenüberliegenden Hausbesitzern nicht die Sicht nehmen wollte.

Wir treten durch die verglaste Aluminiumdoppeltür des Hauptportals und gelangen in einen Vorflur. Linker Hand befindet sich die Hausmeisterloge, der sich eine Putzkammer anschließt. Im rechten langgestreckten Teil des Verwaltungstraktes sind das Schulsekretariat, das Schulleiter-zimmer, die Garderoben und Toiletten, das Elternsprechzimmer und die vorbildlich aufgebaute Lehrerbibliothek untergebracht. Abschluß des Verwaltungstraktes bildet der 50 qm große geschmackvoll gestaltete und eingerichtete Konferenzraum, der zur Straßenseite hin mit einer aluminiumverglasten Fensterwand versehen ist. Alle vorgenannten Räume sind von einem durchgehenden Flur getrennt erreichbar.
 
Das Untergeschoß des Verwaltungstraktes

Unter dem Konferenzzimmer befindet sich im Untergeschoß des Verwaltungstraktes ein Fahrradraum. Daran schließt sich die Haupttoilettenanlage an. Die für Jungen und Mädchen getrennten Anlagen sind durch jeweils einen Vorraum, der mit 4 Waschbecken ausgestattet ist, zu erreichen. Unter dem Hauptportal des Verwaltungstraktes liegt der Tagesraum, auch „Kleine Aula" genannt. Dieser ca. 100 qm große Raum hat zur tragenden Funktion zwei Rundstahlbetonsäulen. Der Boden ist mit Waschbetonplatten ausgelegt, die Wände teilweise verglast, teilweise mit Holz verkleidet und die Decke ziervoll mit abgehängter Akustikdecke, als Kassettendecke ausgeführt.

Klassentrakt und Treppenhaus

Dem Verwaltungstrakt genau rechtwinklig angegliedert ist der zweigeschossige Klassentrakt, mit dem dazwischenliegenden Treppenhaus. Im Erd- und im Untergeschoß befinden sich je zwei rund 70 qm große Klassenräume und jeweils ein 60 qm großer Klassenraum. Zwischen der 2. und 3. Klasse ist in jedem Geschoß ein
Lehrmittelraum zwischengeschaltet. Bei dem in Stahlbetonskelettbauweise errichteten Gebäude dominieren die großen Aluminium-fenster. Schlicht und einfach, aber trotzdem reizvoll, wirken die in farbigem Klinker (Herbstwald-
mischung) abgesetzten Mauerausfachungen.

Auf der Nordostseite des Klassentraktes liegt der Klassenflur, der in jedem Geschoß seine Belichtung durch Lichtbänder und je vier Fenster in voller Geschoßhöhe erhält. Auch hier wieder die Ausfachung aus farbigem Klinker. Das Kellergeschoß des Verwaltungstraktes nimmt neben einer elektrischen Wasseraufbereitungs-anlage zwei getrennte Luftschutzräume mit besonders verstärkten Stahlbetondecken und einen Öl- tankraum mit zwei 56 000 Litertanks auf. Daran anschließend befindet sich der Heizungsraum, bestückt mit zwei Stahlheizkesseln, die je 280 000 Wärmeeinheiten pro Stunde erzeugen. Die Heizungsanlagen wurden in dieser Größenordnung erstellt, um von hier aus später den 2. und 3, Bauabschnitt beheizen zu können.
 
Das Treppenhaus

Zwischen Verwaltungstrakt und Klassentrakt liegt das Treppenhaus, das eine Verbindung zwischen beiden Trakten darstellt, Nach Nordosten zur Schulhofseite nimmt es den Haupteingang für die Schulkinder auf. Dieser Haupteingang erhält ein imposante Wirkung durch seine vollaluminium-verglaste Fensterfront. Ein vorgeschalteter Windfang schützt den geräumigen Klassenflur vor unangenehmer Zugluft. Abschließend ist zu sagen, daß der gesamte umbaute Raum des 1. Bauabschnittes rd. 7 050 cbm beträgt, und daß trotz der entstandenen baulichen Situation (Gründung) die veranschlagte Gesamtkostensumme eingehalten wurde.

Ein Wort des Dankes

Die in dieser Sonderausgabe angeführten Baubeschreibungen wären selbstverständlich ohne die fachmännische Beratung der verantwortlichen Architekten nicht durchführbar gewesen. Darum danken wir an dieser Stelle Herrn Baurat Anton Goergen aus Köln-Junkersdorf, dem Entwurfsarchitekten, für seine Bemühungen recht herzlich. Unseren ganz besonderen Dank möchten wir dem örtlichen Architekten, Herrn Bauingenieur BDB Erich Lehmacher, Thomasberg, und seinem Mitarbeiter Herrn Bauingenieur Hans Bernards, Architekt BDB, aus Oberdollendorf, aussprechen. Dem Architekturbüro Lehmacher oblag die technische und geschäftliche Oberleitung und Bauführung.

Ohne die freundliche und zuvorkommende Mitarbeit dieser beiden Herren, die uns in zahllosen Gesprächen und in der Zurverfügungstellung von wichtigen Unterlagen und von Filmmaterial einen Einblick in die Technik des Bauwesens gewährten, wäre eine bauliche Beschreibung nur schwer möglich gewesen."


Quelle
Sonderausgabe der Siebengebirgs-Zeitung, Nov. 1967 (Redaktion)
Zur Verfügung gestellt von
Paul Winterscheidt: Siebengebirgs-Zeitung; Fotograf unbekannt
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