Aufnahme: 1900
Jugend- und Schulerinnerungen, erzählt von Johann Bennerscheid, X.Teil
Kirche und Friedhof
Nach Aussagen alter Leute war früher das Gewölbe unter dem Turm durch eine Mauer von der Kirche abgetrennt. In diesem Gewölbe hingen die Glockenseile und von dort aus führte eine Tür in die Kirche. Der Kirchenboden lag einige Stufen tiefer, als der Boden des Turmgewölbes, ähnlich wie in der Bonner Münsterkirche. An den Pfeilern in der Kirche sind unten noch gehauene Kapitelle, die bei Höherlegung des Kirchenbodens bedeckt worden sind. Weshalb die Anschüttung erfolgt ist, ist heute nicht mehr bekannt. Vielleicht war die Kirche feucht und kalt durch die Tiefenlage, und da man damals die Technik der Trockenlegung noch nicht so wie heute kannte, wurde einfach angeschüttet.
Der heutige Kirchplatz, vom Turm bis an die Dorfstraße, war früher als Friedhof angelegt. Von der Turmtüre aus ging ein Weg bis an die Straße und auf beiden Seiten dieses Weges wurden die Toten bestattet, südlich sogar bis dicht an das frühere Propsteigebäude, heute Niederstein. Bei der Renovierung unserer Kirche 1948, haben die Maurer dicht am Gebäude eine Kalkgrube ausgehoben; ich habe selbst gesehen, dass dort noch menschliche Überreste zu Tage kamen. Der damalige Friedhof lag aber höher wie der jetzige Kirchplatz und war gegen die Dorfstraße durch eine Mauer mit einem aufstehenden Eisengitter abgetrennt. Der Weg, der von der Straße über den Friedhof führte, war nur über einige Stufen von der Dorfstraße aus zu erreichen. Später wurde der Friedhof abgetragen und in gleiche Höhe mit der Dorfstraße gebracht. Die Stufen und auch das Eisengitter entfielen damit. Mit der Abtragung des Friedhofes hatte es folgende Bewandtnis: Die Straße, die von Oberpleis nach Siegburg führte, fiel schon von Bürling an stark ab. Erkennbar ist das heute noch an dem tiefer liegenden Hof Bürling, auch das alte Haus Schneider, heute Braun lag tiefer. Die Straße führte dann den Berg hinunter durch den Ortsteil Niederbach, am Hause Pütz, heute Reuter vorbei, der Trasse der Rhein-Sieg-Eisenbahn folgend, die damals aber noch nicht existierte und heute schon wieder verschwunden ist, mitten durch den Hof der Wahlfeldermühle und weiter über Jüngsfeld-Uthweiler auf Siegburg zu.
Früher hörte das Dorf Oberpleis mit dem Hause Gossen, ehemals Müller, praktisch auf. Von da führte ein besserer Feldweg durch „die Lütz" weiter nach Wahlfeld und mündete dort auf die vorhin beschriebene Siegbnrger Straße. Die darunter liegenden Häuser, einschließlich des Bahnhofes sind erst später entstanden. Als dann die Siegburger Straße in der heutigen Richtung gebaut wurde, fanden am „Flenksberg" bei den Häusern Gossen, Bürling und Braun große Erdaufschüttungen statt. Hierfür wurde die Erde benutzt, die bei der Abtragung des Friedhofes anfiel. Bei der Tieferlegung des Friedhofes kamen natürlich noch viele menschliche Überreste zu Tage, die man nach Möglichkeit sammelte und in einem Massengrab auf dem Friedhof beisetzte. Trotz größter Vorsicht ließ es sich aber nicht vermeiden, dass noch „Teile" mit aufgeladen und am „Flenksberg" angeschüttet wurden. Bei der Auferstehung des Fleisches am jüngsten Tage werden es diese armen Seelen besonders schwer haben, sich durch die harte Straßendecke nach oben zu arbeiten. Der heutige Rasenplatz vor dem Hochkreuz war früher ebenfalls als Friedhof angelegt, aber nur bis zum Hochkreuz. Die unterhalb des Hochkreuzes liegende dreieckige Fläche, heute auch Friedhof, lag damals höher und zwar in gleicher Höhe mit dem nebenan liegenden Pfarrgarten und er war auch, gleich diesem, durch eine Mauer von dem darunter liegenden Feld, damals noch Ackerland, abgetrennt
Auf unserem Photo (es ist übrigens der wertvollen Sammlung des Arbeitskreises für Heimatkunde im Oberpleiser Volksbildungswerk entnommen) ist links ein Teil der alten Schule erkennbar. Direkt daran anschließend beginnt die Einfassungsmauer des ehemaligen Friedhofes, heute Ehrenmal-Anlage. Allerdings war zu jener Zeit der Kirchvorplatz längst abgetragen und mit Bäumen bepflanzt. Als der alte Friedhof zu klein wurde, kaufte die Gemeinde ein Stück von dem tiefer gelegenen Feld an. Vom Hochkreuz ab wurde dann das Dreieck abgetragen und dadurch ein Zugang von dem alten zu dem neuen Friedhof geschaffen. Später hat man diese dreieckige Fläche auch als Friedhof benutzt; als erster wurde dort im Jahre 1900 Herr Pfarrer Schmitz beerdigt.
Die ersten Streichhölzer
Im Zusammenhang mit der vorhin erwähnten Wahlfeldermühle möchte ich noch folgendes bemerken: Meine Großmutter mütterlicherseits stammte aus der Wahlfeldermühle. Diese erzählte oft, dass, wenn sie von der Wohnung in die Stallungen wollte, die mitten durch den Hof führende Straße überqueren musste. (Man stelle sich das bei dem heutigen Verkehr vor!)
Damals waren Streichhölzer noch unbekannt, wenigstens auf dem Lande. Die gebräuchlichste Form Feuer zu erzeugen, war Stahl, Stein und ein Schwamm. Der Stahl wurde solange gegen den Stein gerieben, bis ein Funke in den darüber liegenden Schwamm sprang und diesen entzündete.
Wenn Großmutter morgens aufstand, ging sie zuerst in den Hof, um zu sehen ob aus einem Kamin der Nachbarhäuser Rauch aufstieg. War dies der Fall, so ging sie sich mit einem Eisentopf etwas Feuer „ausleihen". Waren aber alle Kamine noch rauchlos, dann musste sie sich mit Stahl und Stein abmühen. Bald wurde dieses aber anders. Von Wahlfeld ging ab und zu ein Mann nach Siegburg und holte für die Leute auf Bestellung Ware, weil es zu damaliger Zeit in Oberpleis noch kaum ein Geschäft gab. Eines Tages, als dieser Mann auch wieder von Siegburg kam, rief er die Leute in der Wahlfeldermühle alle in die Küche, stieg auf einen Stuhl, holte aus seiner Kiepe eine Schachtel, nahm aus dieser Schachtel ein kleines Hölzchen, rieb es an seiner Hose vorbei und das Hölzchen begann zu brennen. Das waren die ersten Streichhölzer und die Leute staunten sehr über die Neuerung. Fortan brauchte meine Großmutter morgens !
nicht mehr ins Dorf zu gehen, um Feuer zu holen. Ich habe in meiner frühen Jugend, als es schon lange Streichhölzer gab, noch alte Männer gekannt, die ihre Pfeife trotzdem mit Stahl und einem Schwamm anzündeten, sie behaupteten, die Pfeife schmecke dann besser. Unser Nachbar, der alte Weber, Großvater von Pfarrer Franz Weber, der abends viel zu uns „nopern" kam, wie das früher so Sitte war, gebrauchte : auch gerne Stahl und Schwamm. Eines Abends hatte sich der alte Weber mal wieder seine Pfeife mit Stahl angezündet und paffte genüsslich große Rauchwolken vor sich her. In den Pfeifengeruch mischte sich aber plötzlich ein penetranter Brandgeruch. Als Großvater Weber die Ursache dieses seltsamen „Duftes" ergründen wollte, stellte er zu seinem Schrecken fest, dass der Schwamm, den er arglos in seine Hosentasche gesteckt hatte, wohl nicht ganz gelöscht war und ihm nun munter große Löcher in seine Hose brannte. Von diesem Tage an gebrauchte der alte Weber auch die neuartigen Streichhölzer.
Der "Junen Tönn" und seine Streiche
In Eisbach lebte früher ein Junggeselle namens Anton Jonen, allgemein unter dem Namen „Junen Tonn" bekannt. Im Jahre 1870 geboren, ist er während des letzten Krieges gestorben. Der „Tönn" war voller Streiche, die aber nicht immer ganz harmlos waren. Eine große Untugend hatte der „Tönn", er konnte kein Geld in seiner Tasche leiden. Sobald er welches hatte, war er bemüht, es baldmöglichst unter die Leute zu bringen, wobei ihm seine Freunde gern behilflich waren. An einem schönen Sonntagnachmittag machte er mit seinem Freund Franz aus Oberpleis einen Bummel durch Bonn. Nachdem die beiden schon verschiedene Kneipen von innen besichtigt hatten, kamen sie in angeheitertem Zustand über den Adolfsplatz. Dort hatte die Heilsarmee ihr Feldlager aufgeschlagen. Auf einem kleinen Podium saß eine Musikkapelle und spielte fleißig Märsche unter kräftiger Bearbeitung der dicken Trommel.
Davor stand eine Bank und die Vorübergehenden wurden von dem General und einigen Chargierten eingeladen, auf der Bank Platz zu nehmen und sich aus dem Sündenpfuhl dieser Welt retten zu lassen. „Tönn" und Franz von ihrem alkoholischen Bummel müde geworden, ließen sich auf der Bank nieder, fragten aber zuvor den General, ob das Sitzen auch was kosten würde, worauf ihnen dieser versicherte, das koste nichts, im Gegenteil, sie könnten dabei nur gewinnen. Dann wurde die „Heiligung durch den Erlösungsmarsch, den die älteren Leser noch kennen werden, eingeleitet: „Herein, herein, in die Heilsarmee herein, schon wieder eine Seele, gerettet von der Heilsarmee, schon wieder eine Seele gerettetetetet." Dann legte der General den beiden angesäuselten „Heilsbeflissenen" die Hände auf den Kopf und murmelte Gebete, die niemand verstand. Zwischendurch fragte der General wiederholt, ob sie in ihrem Innern noch keine Umwandlung verspürten, so einen gewissen Drang zum Lichte. Die beiden Schelme verspürten noch nichts. Als nach einer Weile der General, schon leicht ungeduldig, wiederum fragte, ob sie noch immer nichts spürten, so eine Umwälzung im Innern und einen starken Drang nach Erlösung, da sagte Toni, jetzt verspüre er aber deutlich eine Umwälzung in seinem Innern und . . . Der General ließ ihn aber nicht ausreden, Trommelwirbel, Tusch, dann rief er: „Herbei ihr lieben Mitmenschen, ihr sollt jetzt alle Zeugen sein, wie sich eine Seele aus dem Sündenpfuhl dieser Erde empor zum Lichte rettet, es ist dieses ein Beispiel, dem ihr alle nachahmen solltet."
Schnell strömten die Leute zusammen. Dann sagte der General salbungsvoll zu Toni: „Lieber Mitbruder, jetzt sage hier den Leuten einmal, wie Du den Drang nach dem Lichte und 'die Sehnsucht nach Erlösung verspürst." Alles war gespannt, was der Toni jetzt sagen würde, und der platzte in die Stille hinein: „Ech glöven, ech moß es op et Häuschen." Darauf großes Gelächter der Umstehenden. Die „Heiligung" wurde ab sofort unterbrochen und die beiden Sünder verdrückten sich in die Menge, der General rief ihnen noch nach, dass sie dereinst für diese Sünde schwer büßen müssten. Dann wurde das Feldlager abgebrochen, um es an einer anderen Stelle wieder aufzuschlagen.
Wenn ich diese Geschichte hier wiedergegeben habe, so liegt es mir fern, die Heilsarmee und ihr segensreiches Wirken lächerlich zu machen, nur ihr Aufzug wirkte manchmal zu komisch.
Noch eine andere Schandtat von Toni und Franz möchte ich den Lesern nicht vorenthalten: In einem benachbarten Dorf wohnte eine brave und bescheidene Arbeiterfamilie. Der Mann arbeitete im Steinbruch, hatte nebenbei aber noch eine Kuh und eine Ziege, die von der Frau versorgt wurden. In alten Zeiten hatten die Haustiere alle einen Namen, in diesem Falle wurde die Kuh mit „Rosa" und die Ziege mit „Griet" benannt. Nicht weit davon ab wohnte ein älterer Rentenempfänger mit seiner Frau. Im Stalle hatten sie zwei Ziegen und ein Ziegenböcklein, letzteres wurde gemästet, um zum Kirmesfest geschlachtet zu werden, da dann die erwachsenen Kinder zu Besuch kamen. Die Frau des 'Steinbrucharbeiters melkte ihre Ziege abends immer um die gleiche Zeit. Im Sommer war das kein Problem, aber im Winter, wenn es schon früh dunkel wurde, musste die Ziege da es noch kein elektrisches Licht gab in der Dunkelheit gemolken werden.
An einem Winterabend, kurz bevor die Frau zum Melken in den Stall kam, wechselten die beiden Sünder die Ziege gegen den Ziegenbock, den sie aus dem Nachbarstall holten, aus. Dann legten sie sich hinter dem Stall auf die Lauer und warteten der Dinge die da kommen mussten. Gleich darauf kam auch die Frau mit einem Topf, um ihre Ziege zu. melken. Im Dunkeln hatte sie die Auswechslung nicht bemerkt. Das Böcklein aber, welches nicht wusste, wie ihm geschah, war mit den „Annäherungsversuchen" der Frau nicht einverstanden und sprang hin und her. Die Frau wollte ihre vermeintliche Ziege brühigen: „Lev Griet, brav Limm, nu bliev doch stohn". Als es dem Ziegenbock zu toll wurde, stieß er die Frau derart in den Rücken, dass diese samt ihrem Topf weit in den Stall kullerte. Die Frau krabbelte sich hoch, ging zu ihrem Mann, der sich in der Küche am Ofen wärmte und sagte: „Mechel, komm es met der Löch en den Stall, us Griet stenk wie die Pest un well sech garnet melken loßen". Der „Mechel" war nicht sehr erbaut von dem Ansinnen seiner Frau, er zündete aber trotzdem eine alte Laterne an und ging mit in den Stall.
Inzwischen hatten die beiden Bösewichter Ziege und Ziegenbock wieder an ihre alte Stelle gebracht und als die Frau mit dem „Mechel" in den Stall kam, meckerte die Ziege ganz freundlich und ließ sich ruhig melken. Der „Mechel" brummte: „domm Fraulöck" und ging wieder in die Küche hinter den Ofen. Die Frau aber geriet wegen der Halsstarrigkeit ihrer vermeintlichen Ziege derart in Wut, dass sie dem armen Tier eine gehörige Tracht Prügel verabreichte. Die Sünder hinter dem Stall lachten sich halbtot. Ein Nachspiel hatte die Schandtat doch noch. Toni und Franz konnten den Mund nicht halten, es kam unter die Leute und wurde auch dem „Mechel" wieder zugetragen. Dieser lachte aber nicht darüber, an einem dunklen Abend lauerte er dem Toni auf und dieser, als Hauptsünder, erhielt die Prügel, die die arme Ziege unschuldigerweise erhalten hatte mit Zins und Zinseszinsen zurück und zwar in solch verbesserter Auflage, dass Toni einige Tage seine Mahlzeiten stehend einnehmen musste.
Fortsetzung folgt.
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