Aufnahme: 1994 (Bericht)
Das Werden des „Gymnasiums am Ölberg" in Oberpleis
Von Dipl.-Volkswirt Walter Christoffel, Vorsitzender der CDU-Fraktion im Gemeinderat Oberpleis von 1960 bis 1969
Das „Gymnasium am Ölberg" in Oberpleis wird 1994 25 Jahre alt. Das ist - im Hinblick auf altehrwürdige Gymnasien eine kurze Zeit. Aber ein solches Jubiläum ist auch ein Anlaß, einen Rückblick in die Vergangenheit und damit in die nicht alltägliche Entstehungsgeschichte dieses Gymnasiums zu werfen, die beispielhaft zeigt, was Energie, Tatkraft und Einsatzbereitschaft einzelner Bürger zustande bringen können. Wie sahen die schulischen Verhältnisse nach dem letzten Weltkrieg aus? Wer aus der damaligen Gemeinde Oberpleis eine weiterführende Schule besuchen wollte, war darauf angewiesen, nach Siegburg, Oberkassel, Königswinter, Bad Honnef (über Dollendorf!) oder Bonn-Bad Godesberg zu fahren. Weite Schulwege mit Bus und Bahn mußten also in Kauf genommen werden. Ich erinnere mich an meine Schulzeit vor und im Krieg, daß ich morgens um 5.45 Uhr aufstehen mußte und gegen 14.15 Uhr vom Gymnasium in Siegburg nach Hause zurückkam - ein langer Schultag! So ist auch zu erklären, daß nur wenige Schüler aus unserem Raum eine Realschule oder ein Gymnasium besuchten. Durch das Anwachsen der Bevölkerung in den fünfziger und sechziger Jahren und die damit steigenden Schülerzahlen wurde der Ruf der Eltern nach weiterführenden Schulen immer lauter. Da trafen die Einsatzbereitschaft einer Frau und glückliche Umstände zusammen und schufen gute Voraussetzungen für eine Verbesserung der Ausbildungsmöglichkeiten für die Kinder unserer Region. In Oberpleis gab es einen Gemeinderat, der sehr schulfreundlich war und 1964 den Beschluß zur Errichtung einer Realschule in Oberpleis faßte, die 1990 ihr 25-jähriges Bestehen feiern konnte. Wohl gingen damals dem einen oder anderen Ratsmitglied Gedanken über ein Gymnasium durch den Kopf, aber die Gemeinde Oberpleis war nicht reich und viele Probleme warteten auf eine Lösung: Straßenbau, Kanalisation, Neubau einer Kläranlage, Erschließung neuer Wohngebiete u.a.
Auch eine Hausfrau, Mutter von vier Kindern, machte sich Gedanken über die schulischen Möglichkeiten für die heranwachsenden Kinder. Sie hatte gehört, daß die weiterführenden Schulen der Umgebung die Kinder aus dem Bergbereich nicht aufnähmen, weil die Kapazitäten erschöpft wären, und sie überlegte, wie man dies ändern könnte. Sie fuhr zum Kreisschulamt in Siegburg, besorgte sich die Schülerzahlen für die ersten bis vierten Volksschulklassen und die bisherigen Übergänge zu Realschulen und Gymnasien und stellte fest, daß die Zahl der schulpflichtigen Kinder in den folgenden Jahren stark steigen würde. Günstige Voraussetzungen für weiterführende Schulen. Dann konnte sie einen Professor - Experte für Wirtschafts- und Verkehrspolitik an der Universität Bonn - für ihre Ideen gewinnen. Ihre Recherchen, Berechnungen und die ermittelten Daten überzeugten ihn, und gemeinsam gingen nun Frau Dr. Brigitte Mohr und Prof. Dr. Dr. h.c. Fritz Voigt - beide in Thomasberg wohnend - ans Werk. Das Projekt hieß Gymnasium, und der Standort sollte Oberpleis sein, weil hier die Straßen und Buslinien aus sämtlichen Nachbarorten zusammenlaufen. Außerdem gab es hier neben zwei Volksschulen und einer Förderschule eine kommunale Realschule. Der Stein, den Frau Dr. Mohr angestoßen hatte, kam ganz langsam ins Rollen. Die Sterne für ein Gymnasium schienen günstig zu stehen. Im Rahmen dieser Darstellung reicht der Platz nicht aus, um die ungeheure Arbeit und die aufgewendete Energie von Frau Dr. Mohr und den unterstützenden Einsatz von Prof. Dr. Voigt aufzuzeigen.
Die Familie Mohr war in Thomasberg zugezogen. So ist es verständlich, daß der Neubürger Dr. Wolf Mohr, Ehemann von Frau Dr. Mohr, sich für seine neue Heimat interessierte. Er lud das Thomasberger Gemeinderatsmitglied Christoph Minten und dessen Frau zu sich ein und ließ sich die Geschichte von Thomasberg und den Menschen hinter den Sieben Bergen erzählen. Im laufe dieser Unterhaltung wurden viele Fragen angesprochen, so auch die schulische Lage in Thomasberg und Oberpleis. Dabei erläuterte Dr. Mohr die Pläne seiner Frau für die Gründung eines Gymnasiums hinter dem Siebengebirge und bat Herrn Minten, die Meinung des Rates zu dieser Idee zu erkunden. Trotz gewisser Bedenken unterrichtete Christoph Minten in einer Sitzung die Mitglieder der CDU-Fraktion über die Gründungspläne. Da war guter Rat teuer! Woher sollte die Gemeinde das Geld für Bau und Unterhalt eines Gymnasiums nehmen? Die Gemeinde für ein Gymnasium stark zu verschulden, ging nicht. Was also tun? Nach eingehender Diskussion wurde ich beauftragt, mit Frau Dr. Mohr Verbindung aufzunehmen. In einem Leserbrief mit der Überschrift „Wie gründet man ein Gymnasium?" berichtet sie 1967 u.a. darüber mit den Worten: „Die Telefone standen nicht mehr still. Einer der erste Interessenten, die sich meldeten, ist ein Gemeinderatsmitglied aus Oberpleis. Hausfrau und Professor werden eingeladen vor einer Fraktion zu referieren". Dieses Gespräch fand am 19. Oktober 1966 im Hotel Söntgen in Oberpleis statt. Frau Dr. Mohr und Prof. Voigt erläuterten ihre Gründungspläne und überzeugten die Fraktionsmitglieder, wenn auch viele Fragen offen blieben.
Die Finanzkraft der Gemeinde reichte nicht aus, um die Schule selbst zu bauen und zu tragen. Ein Schulzweckverband mit den Nachbar gemeinden schied aus, weil diese Gemeinden gleichfalls an Geldnot litten oder den Amtsverbänden Königswinter oder Oberkassel angehörten, die selbst Probleme mit ihren Schulen zu bewältigen hatten. Die Neugründung eines staatlichen Gymnasiums war durch einen Landtagsbeschluß gestoppt. Bemühungen um einen privaten Schulträger erwiesen sich als aussichtslos, und im Schulentwicklungsplan von Nordrhein-Westfalen war eine Neugründung von Gymnasien für das Hinterland des Siebengebirges nicht vorgesehen. Wir haben dann umgehend die anderen Fraktionen von den Gründungsplänen unterrichtet, mit ihnen die Probleme analysiert und gemeinsam überlegt, wie die Schwierigkeiten gelöst werden könnten. Nach langen und intensiven Beratungen waren sich alle Ratsmitglieder einig, die Gründung eines Gymnasiums zu unterstützen und zu fördern. Die Gemeinde Oberpleis sollte ein Grundstück kostenlos zur Verfügung stellen - eine gewaltige Anstrengung einer kleinen, mit Geld nicht gesegneten Gemeinde. Weiter wurde vereinbart, daß alle Parteien zu einem Informationsgespräch einladen sollten, um die interessierten Bürger über das Projekt „Gymnasium am Ölberg" zu informieren und darüber zu diskutieren.
Diese Versammlung fand am Mittwoch, dem 30.11.1966, in der Gaststätte Daas im Auel statt. Fast 200 Personen waren gekommen, um die Ausführungen von Frau Dr. Mohr und Prof. Voigt zu hören - trotz Schneegestöber, Kanzlerrede und der Übertragung eines Fußball-Europapokalspieles im Fernsehen. Mit solch großem Besuch hatte niemand gerechnet. Die vom Bürgermeister Anton Weber bekanntgegebene Zusage der Gemeinde, kostenlos ein Grundstück bereitzustellen, wurde mit großer Genugtuung und Anerkennung aufgenommen. Alle Teilnehmer bejahten die Gründung eines Gymnasiums hinter dem Siebengebirge und erklärten sich bereit, die Pläne zu unterstützen. Die Versammlung wählte einen Elternausschuß, dessen Leitung Ministerialrat Bönsch aus Thomasberg übernahm. Dieses Gremium sollte einen Elternverein gründen, der die Vorarbeiten für die Errichtung des Gymnasiums vorantreiben
und die Dringlichkeit für den Bau eines staatlichen Gymnasiums gegenüber den zuständigen Behörden vertreten sollte. Kaum eine Woche nach dieser Versammlung kamen am 8.12. 1966 zwei leitende Beamte des Schulkollegiums Düsseldorf nach Oberpleis, um die örtlichen Gegebenheiten für die Errichtung eines Gymnasiums zu begutachten. Die zentrale Lage von Oberpleis, die von der Gemeinde angebotenen Grundstücke und die Möglichkeit, für die Aufbauphase Schulräume im Neubau der Realschule zur Verfügung zu stellen, hinterließen einen guten Eindruck. Die Gemeinde wurde aufgefordert, einen offiziellen Antrag auf Errichtung eines Gymnasiums zu stellen und mit amtlichem Zahlenmaterial nachzuweisen, daß im Herbst 1967 mit zwei Sexten begonnen werden könnte. Ferner wurde der Nachweis gefordert, daß die zukünftige Bevölkerungsentwicklung die Gewähr dafür böte, daß für die nächstfolgenden Sexten genügend Schüler vorhanden wären, um einen mindestens zweizügigen Aufbau des Gymnasiums zu gewährleisten. Noch bevor eine von Prof. Voigt und Frau Dr. Mohr eingeleitete Fragebogenaktion abgeschlossen war, meldeten die nächstgelegenen Volksschulen 82 Jungen und Mädchen als geeignet für ein Gymnasium. Die damalige und zu erwartende Bevölkerungsentwicklung errechnete in mühevoller Kleinarbeit Dr. Wolf Mohr, Statistiker von Beruf. Die Fragebogenaktion belegte auch, daß die Eltern im Einzugsgebiet voll hinter dem Antrag der Initiatoren und der Gemeinde Oberpleis standen.
Bei der am 17.12. 1966 stattgefundenen Versammlung des Elternausschusses kam es dann zur Gründung des Vereins: „Verein zur Errichtung eines Gymnasiums am Ölberg", zu dessen Vorstand Prof. Dr. Voigt, Ministerialrat Bönsch und Dr. Wolf Mohr gewählt wurden. Aus der Initiative einer Hausfrau zur Gründung eines Gymnasiums in Oberpleis war durch die Unterstützung eines Professors und der Mithilfe des Oberpleiser Gemeinderates eine Elterninitiative entstanden, die sich von nun an mit aller Kraft für die Errichtung des Gymnasiums einsetzte. Wenn in den folgenden Jahren auch noch viele Hindernisse vom Vorstand, bereitwilligen Helfern, der Elternschaft, Bundes- und Landtagsabgeordneten und von Rat und Verwaltung der Gemeinde Oberpleis aus dem Weg geräumt werden mußten: im Herbst 1969 konnte mit dem Schulbetrieb begonnen werden. Ich habe diese Chronik zur Entstehungsgeschichte des Oberpleiser Gymnasiums geschrieben, um Frau Dr. Brigitte Mohr zu danken für ihre Initiative, ihren Mut und ihre Einsatzbereitschaft für dieses Gymnasium und auch, damit diese tatkräftige Frau nicht in Vergessenheit gerät. Ohne sie, ohne Prof. Dr. Fritz Voigt und ohne die Mithilfe des damaligen Gemeinderates würde es heute kein Gymnasium hinter dem Siebengebirge geben. Dafür gebührt Frau Dr. Brigitte Mohr Dank und Anerkennung der ganzen Stadt Königswinter, insbesondere aber der Schüler des „Gymnasiums am Ölberg" in Oberpleis. Möge dieses „Gymnasium am Ölberg" wachsen, blühen und gedeihen.
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