Unterrichtsstunde zum Thema Asyl im Rathaus

Aufnahme: 1993

Unterrichtsstunde zum Thema Asyl im Rathaus

st. „Ich habe heute eine Men­ge von Euch gelernt und wäre froh, wenn manche Erwachsene so reagieren würden wie Ihr hier", meinte Bürgermeister Herbert Krämer als Fazit einer „Unterrichtsstunde in Asylpoli­tik", zu der die Stadt Königswinter zwei Klassen 10 der Haupt-schule in den Sitzungssaal des Rathauses Oberpleis eingeladen hatte. Der Zweck dieses Treffens: Nach den vielen und oftmals kontroversen Diskussionen der Erwachsenen um Asylpolitik und die Unterbringung der Asylsuchenden im Stadtbereich wollten der Bürgermeister und der Erste Beigeordnete Erich Lich­tenberg einmal hören, wie Jugendliche diese Thematik sehen. Das Ergebnis war recht eindeutig: Offensichtlich gibt es für Jugendliche weit weniger Berührungsängste wie für Erwachsene. Es könne „kein Problem" darstellen, wenn Kinder bereits im Kindergarten mit Kindern von Asylsuchenden Kontakt finden.

So lernten sie rechtzeitig andere Sitten und Kulturbereiche kennen und „vor allem das Miteinander leben". Was die Unterbringung der Asylanten betrifft, votierten die Hauptschüler für kleine Gruppen („da fallen sie auch nicht so auf"). Große Lager böten zwar den Vorteil eines besseren Schutzes, brächten aber sicher Probleme mit den Anliegern. Die Stichworte für die Diskussionsstunde gab der Bürgermeister: Weltweit 18 Millionen Flüchtlinge unterwegs, in Deutschland zurzeit etwa 1,4 Millionen, dazu 5,5 Millionen Gastarbeiter. In Königswinter über 3200 ausländische Mitbürger, acht Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Stadt beherbergt derzeit 650 Asylbewerber und rund 600 Aussiedler. Königswinter baute und baut Aussiedlerheime und hat für eine menschenwürdige Unterbringung der Asylbewerber zu sorgen.

Staunen erregte bei den Schülerinnen und Schülern der Hauptschule unter Lehrer Heinz Kretz und Lehrerin Heidrun Martenson die große Zahl der Herkunftsländer: Indien, Türkei, China, Syrien, Bosnien, Rumänien, Afghanistan, Ukraine, Lettland, Marokko, Algerien, Moldawien, Elfenbeinküste, Kamerun, Bulgarien, Iran, Libanon, Zaire, Somalia und noch einige kleinere Staaten der Dritten Welt. Die Ursachen des Flüchtlingsstromes waren den Schülern klar: Kriege und Hungersnot. Um diesen Zustrom nach Deutschland zu stoppen, müßte nach ihrer Ansicht „der Zustand der Welt verändert", „der Unterschied zwischen arm und reich abgebaut" und „den armen Ländern mehr geholfen werden". Denn: „Für die, die uns Kaffee und Bananen liefern, bleibt nichts".

Gestellt wurden Fragen zur Betreuung der Asylanten im Stadtgebiet, zu den finanziellen Belastungen, wie schnell künftig Asylanträge bearbeitet werden und - ob was jetzt grundsätzlich möglich ist - Asylbewerber eine Arbeit aufnehmen dürfen. Krämer und Lichtenberg verwiesen in diesem Zusammenhang auf die  bei Ausländern bestehenden    Sprachprobleme. Das gelte auch für Aussiedler, denen vor einer Arbeitssuche ein elfmonatiger  Förderkurs in Deutsch angeboten werde. Ohne deutsche Sprachkenntnisse bleibe es sehr schwierig, einen „Job" oder eine bessere Arbeit zu finden.

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 1, vom 07.01.1993; Foto und Bericht: Günther Steeg
Zur Verfügung gestellt von
Rudolf Pieper (SZ)
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