Aufnahme: 1955

Bahnhof von Oberpleis

„Die Erschließung der Sieg - Seitentäler durch Kleinbahnen begann bald nach dem Bau der Köln-Gießener Eisenbahn. Die durch Naturschutzbestimmungen aus dem Rheintal verdrängte Steinindustrie hatte im Hinterland neue Steinbrüche angelegt und benötigte Transport-möglichkeiten, um ihre Erzeugnisse an die Kunden zu bringen. Aber auch Handel und Gewerbe hatten Vorteile von einer Bahn. zudem wurde damit auch ein geregelter Personenverkehr geschaffen. Nach dem Bröl- und Hanftal wurde in den Jahren 1893-94 auch eine Kleinbahn (Spurweite 78,5 cm) durch das Pleistal bis nach Rostingen gebaut, von Siegburg etwa 17 km lang, dazu kamen noch steinbrucheigene Nebenstrecken zum Himberg und zum Dachsberg. Und 1937 noch eine Abzweigung zum Autobahnbau ins Logebachtal. Oberpleis, als zentral gelegenes Kirchdorf mit Schule, Post und Verwaltung, Geschäften und Handwerksbetrieben und schon Straßenverbindungen in "alle Welt", erhielt durch den Bau der Bahn nicht nur eine Haltestelle an den Schienen, sondern einen richtigen Bahnhof. 

Im Bahnhofgebäude waren Büro, Fahrkartenausgabe, Warteraum, eine Wirtschaft und darüber die Wohnung für den Stationsvorsteher, etwas abseits waren Wartungsgebäude für Lok und Wagen gebaut worden, dazu kam noch ein kleiner Güterschuppen. Alle Gebäude stehen heute noch. Mit der Zeit bauten die Vereinigten Stahlwerke als Betreiber der Tongruben noch eine Hochrampe zum Verladen des Tons, die nach dem letzten Krieg auch von den Bauern zum Verladen von Zuckerrüben genutzt wurde. Am Ende des Bahnhofs standen noch einige Lagerhallen, in denen "Landesprodukte" verkauft wurden. 

Alle Gebäude waren durch sechs oder sieben Schienenstränge mit dem Hauptgleis verbunden. In der damaligen Zeit war die Bahn für das ganze Pleistal ein Vorteil. Durch die Personenbeförderung konnten viele aus Oberpleis und Umgebung eine Arbeitsstelle in den Fabriken in Siegburg und Troisdorf erhalten. Für die "Höheren Schüler', war Gelegenheit gegeben, das Gymnasium in Siegburg zu besuchen. Sechsmal, später viermal täglich wurde die Strecke im Personenverkehr von Siegburg nach Rostingen gefahren. 1945 kostete eine Fahrkarte Oberpleis - Siegburg retour 1.10 RM, eine Schüler-Monatskarte 6,90 RM. 

Erbauer der Kleinbahnen in den Sieg-Seitentälern war die Bröl-Talbahn A.G., welche die Strecke bis nach Beuel ausbaute. 1895 übernahm diese Gesellschaft auch die Heisterbacher Talbahn und 1921 wurde die Bröltalbahn A.G. in Rhein-Sieg- Eisenbahn A.G. umbenannt. Hauptaktionär war die Linzer Basalt A. G., die aber nach den Schließungen vieler Steinbruchbetriebe und nach dem  Aufkommen leistungsfähiger und beweglicher LKW-Transportmöglichkeiten ihr Interesse an der Bahn verlor und sie an den Rhein-Sieg-Kreis verkaufte (1973). Schon 1925 wurden von der Rhein-Sieg A.G. auch Omnibusse zur Personenbeförderung eingesetzt, sie waren bequemer und konnten auch die Orte im Hinterland anfahren. 1951 wurde der Personenverkehr auf der Schiene eingestellt und 1962 auch der Güterverkehr. Die Schienen wurden abgebaut und das Gelände mit den Gebäuden zur gewerblichen Nutzung verkauft.“

Text und Recherche: Bernhard Gast
Veröffentlicht in: Der ökumenische Arbeitskreis: FRIEDEN. GERECHTIGKEIT. BEWAHRUNG DER SCHÖPFUNG, Oberpleis Juni 1997

Quelle
Foto: Karl Balensiefen / Klaus Reinecke
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