Aufnahme: 2010
Aus der Geschichte von Oberpleis und der Umgebung, 10. Teil
"Der romanische Marienaltar in der Propsteikirche in Oberpleis
Es ist nicht mehr viel Raum, die Einzelheiten der Kirche zu besprechen, doch bei dem schönsten Kleinod wollen wir noch eine kurze Zeit verweilen. Es ist der alte romanische Altar der Anbetung der Hl. Drei Könige. Ursprünglich war dieses Altarbild an der rechten Seite des Chores in der Wand eingelassen. Bei der Renovierung der Kirche 1882 hat man es herausgenommen und als Altarbild auf den rechten Seitenaltar gesetzt, sodann mit einem Rahmen umgeben, der allerdings nicht für das Bild geeignet schien. Später hat man ihn wieder entfernt, und bei dieser Gelegenheit ist der Stein von einer Schicht Farbe befreit worden, die dem Bild nicht entsprach und aus einer späteren Zeit stammte. Eine neue Polychromierung wurde von Frau Brabender (Bonn) in neuerer Zeit ausgeführt. Das Altarbild besteht aus drei Tafeln, wovon die mittlere aus Marmor und die beiden seitlichen aus Tuffstein sind. Die Arbeit stammt aus der Mitte des 12. Jahrhunderts und wohl auch aus der Hand eines rheinischen Meisters.
Das Mittelfeld zeigt die Madonna mit dem Kinde in einem einfachen Sessel mit gedrehten Stollen sitzend. Zur Rechten die hl. Drei Könige und zur Linken drei Engel. Wir begegnen hier noch jener Starrheit der Darstellung, die den Plastiken dieser Zeit vielfach eigen ist, und trotzdem können wir uns des Eindrucks betonter Hoheit und Würde nicht erwehren. Die Madonna strahlt in ihrer Fronthaltung und Unbeweglichkeit sowie der Art, wie sie das göttliche Kind, auf dem Knie sitzend, vor sich hält, eine königliche Unnahbarkeit aus. Das vollrunde Gesicht mit den herabgesenkten Augenlidern drückt eine verhaltene innere Freude ihrer königlichen Mutterschaft aus, die an der Huldigung der Menschen und der Engel für ihr Kind teilnimmt. Das Haar ist in der Mitte einfach gescheitelt und mit einer breiten Krone gehalten. Durch einen schlichten breiten Rundkragen ist der Kopf in eine gewisse Ruhe hineingedrückt, doch von diesem nach unten beginnt ein köstlicher Faltenwurf, der die ganze Figur auflockert und lebendig macht.
Die Gewandfalten streben von der Mittellinie der Figur, oben im Halbrund nach außen herunter, in der Mitte unterbrochen durch einen einfachen breiten Gürtel. Von den Knien streben die Falten wieder in der umgekehrten Richtung, so dass das Christkind durch ein Oval der Faltenlinien umschlossen und so herausgehoben scheint. Betont ist diese Bewegung durch den Faltenwurf der Ärmel bei der Madonna und dem Kinde, der immer die Gegenbewegung ausführt. Die das Kind leicht umschließenden Hände der Madonna sind ruhig auf die Knie gelegt und vermögen so das Zeremoniell der Handlung zu unterstützen. Die Figuren der Könige nähern sich in der Halbfrontalstellung der Mittelgruppe. Zu einer fast höfischen Kniebeuge ist das rechte Bein des ersten Königs nach hinten gestellt. Das Gesicht der Figur ist zu der heiligen Gruppe gewandt.
Durch die fast kniende und dadurch herabgesenkte erste Figur erhält die Anbetung und Huldigung der Gruppe der Könige ihren betonten Ausdruck. In den Händen tragen die Huldigenden ihre Gefäße mit Gold, Weihrauch und Myrrhen. Durch die gleiche Anordnung der Handhaltung und die Art, wie sie ihre Gefäße halten, ist die Form der Feier unterstrichen. Aus der Ursache, die Feier zu heben, sind wohl auch die tragenden Hände der nachfolgenden Figuren von der Gewandung umschlungen. Geschickt ist die Länge der Kleidung mit Rücksicht auf die zu der Madonna hinlaufenden Bewegungen stufenweise geordnet. In der Mitte sind die Gewänder geschürzt, doch im Faltenwurf etwas grober gehalten als wir die Gewänder der Himmelsgestalten sehen und dies besonders bei den drei Engeln. Hier finden wir drei fast ganz gleiche Darstellungen. Doch ist auch in dieser Engelgruppe eine gewisse Lebendigkeit zu spüren. Sie sind von einer viel größeren Zartheit wie die der Königsgruppe. Ihre Haltung und Bewegungen zeigen, dass sie aus einer anderen Welt kommen.
Dies ist allein dadurch zum Ausdruck gekommen, dass die aufrechte Linienführung der Königsgestalten mehrfach durch waagerechte Anordnung der Glieder und Faltenwürfe unterbrochen wird. Bei den Engeln hingegen fließen die leichten Gewänder fast ungestört nach unten, wo sie kurz über den Füßen besonders schöne Falten bilden, die feine Unterschiede zwischen den drei Figuren aufweisen. Die breiten Säume der Oberkleider sind schräg über die Brust geführt und schlingen sich im Halbkreis von unten her über die Unterarme. Die untere Grenze dieser Bögen bilden eine etwas zu der Madonna abfallende Linie, wodurch auch bei der Engelgruppe eine leichte fast unmerkliche Neigung zu der Gottesmutter zustande kommt. Die Hände der ersten Engelsfigur haben eine etwas andere und tiefere Stellung als die beiden anderen Figuren, derselben Bewegung nachgebend. So weiß der Meister wohl einen Unterschied zu machen zwischen der Form der Huldigung bei den Menschen, die durch die deutliche Geste des Kniens zum Ausdruck kommt und der Form der sehr viel höher stehenden Engel, bei denen auch die zarteste Andeutung genügt.
Es ist der Rhythmus des Zusammenspiels dieser drei Tafeln besonders reizvoll, doch in ihrem Zusammenklang vermag uns der Altar den Eindruck einer wirklich sakralen Feier sehr schön zu vermitteln, die wohl zur Andacht stimmen kann, das Geheimnis der Menschwerdung des Gottessohnes zu feiern. Es kommt uns etwas von der Lieblichkeit einer strengen gregorianischen Choralmelodie in den Sinn, wenn wir in Andacht dieses Bild betrachten.
Mit der Würdigung dieses Altares wollen wir unseren Rundgang beschließen. Es sind noch eine Reihe schöner Dinge einer näheren Betrachtung wert.
Da ist das schöne alte Lavacrum (Gefäß zur Händewaschung) hinter dem Hauptaltar, eine schöne spätromanische Steinmetzleistung, welche wohl die wenigsten Leute der Pfarre gesehen haben. Das feine Taufbecken aus dem Jahre 1702. Die alte Glocke aus dem 14. Jahrhundert, unter den alten Platanen des Friedhofes die Kreuzigungsgruppe aus dem 17. Jahrhundert und eine Reihe Dinge mehr. Doch hier ist nicht mehr der Raum dazu, alle diese Leistungen, die wir sehen und bewundern konnten, darzustellen. Ersehen wir doch, dass die Oberpleiser auch vor vielen Jahrhunderten fein überlegt haben und jede Anordnung mit gutem Geschmack prüften. Sie haben Anspruch darauf, dass wir diese ihre Leistungen beachten und die Neugestaltung des Dorfes immer ausrichten nach dem feinen Kunstsinn der Gestalter unserer Kirche. Fleiß und Gottesfurcht, Kraft und Treue, Beherrschung und Innigkeit, rücksichtsvolle Liebe zur Heimat und handwerkliches Können, alles das sind hohe Tugenden der Meister, die uns durch das betrachtete Kleinod unseres Dorfes überkommen sind. So mögen sie weiter in die nun anbrechende neue 1000jährige Geschichte unseres Kirchspiels hineinleuchten, und es soll unsere schöne alte Kirche, die nun in neuem Gewande vor uns steht, Wegweiser sein zu dem ewigen Reiche der Herrlichkeit Gottes.
Die Propsteikirche nach dem 2. Weltkrieg
Unser Archivphoto zeigt den Turm der St. Pankratiuskirche im Jahre 1945. Im obersten Geschoss und in der Glockenstube klaffen große Löcher, die Folge heftigen Artilleriebeschusses. Kurz vor Kriegsende hatten zurückweichende deutsche Truppen trotz heftigster Proteste des damaligen Pfarrers am Hochkreuz eine Funkstation aufgeschlagen und die Antenne auf dem Kirchturm befestigt. Natürlich wurde der Standort von den Alliierten angepeilt und sofort mit Granaten belegt. Die schwere Beschädigung des Turmes, des alten Kreuzganges und die Zerstörung der Vikarie ist wohl nur auf diese Funkstation zurückzuführen. Der Kirchturm wurde damals nur notdürftig renoviert. Die Arbeiten reichten jedoch nicht aus, so dass der Turm mit der Zeit immer baufälliger wurde.
Die durch Einschläge und Splitterwirkung entstandenen nicht unerheblichen Schäden an der Propsteikirche wurden kurz nach dem Kriege notdürftig ausgebessert. Besonders die Südwestecke des Turmes war schwer beschädigt worden. Zugleich aber erhielt die Kirche eine über Jahre sich erstreckende umfassende Wiederherstellung. Das Innere wurde ganz verputzt und neu ausgemalt. Ferner wurden u. a. die Dächer neu gedeckt und der Dachreiter z. T. verändert. (Das Dach des nördlichen Seitenschiffes erhielt den gleichen Neigungswinkel wie ursprünglich.) Bei der Instandsetzung wurden an den Rippen, Arkaden sowie den Kapitellen im Chor die Reste der ursprünglichen farbigen Ornamentbemalung festgestellt, freigelegt und ergänzt. 1952 erfolgte die Wiederherstellung der spätgotischen Deckenmalerei im nördlichen Seitenschiff. An die Stelle des früheren Hochaltares wurde die Mensa aus dem Seitenchor gesetzt; sie nahm das bekannte romanische Rotabel auf. Außen wurden das Nordschiff und Nordquerschiff neu verputzt. Ebenfalls wurde eine Heizungsanlage zum Austrocknen der Kirche eingebaut.
Fortsetzung folgt"
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