Aufnahme: 2003
Entlassfeier 2003 an der Gemeinschaftshauptschule Oberpleis
"R. In einer mit einem bunten Rahmenprogramm gestalteten Entlassfeier wurden jetzt im Beisein von Bürgermeister Peter Wirtz 87 Schüler-/innen der Hauptschule Oberpleis ins Berufsleben entlassen. Schulleiter Rainer Schiefer hielt eine nach unserer Meinung beachtenswerte Rede die wir hier nachfolgend bis auf die üblichen Begrüßungsformeln zitieren:
'Nun ist also der von manchen lang erwartete Tag gekommen, an dem die Hauptschule Oberpleis 87 junge Menschen entlässt. Freudige, doch auch gespannte Erleichterung glaube ich in euren Gesichtern lesen zu können. Denn 'Entlassung' heißt ja wohl Lösung von Bindungen, von einengenden Zwängen und ein Schritt hin zu neuer Freiheit. Frei sein vom Zwang der Schule, vom alltäglichen 'Du musst!', du musst aufstehen, du musst in die Schule gehen, du musst aufmerksam lernen, dich mit deinen Mitschülern vertragen, fleißig arbeiten usw....
Endlich, das hört auf! Wirklich?? War das alles nur unnötige Last?? In einem schon über 100 Jahre alten Buch steht der Satz: , 'Freiheit ist der Zweck des Zwanges, wie man eine Rebe bindet, dass sie statt im Staub zu kriechen, frei sich in die Lüfte windet.' Freiheit ist der Zweck des; Zwanges - beim Hören dieses Satzes sträuben sich die Haare des Widerspruchs, das kann doch nicht richtig sein, Zwang schließt doch Freiheit aus!.
Doch das weitere sprachliche Bild hilft uns, den Sinn dieses Satzes besser zu verstehen. Wir kennen das aus den Weinbergen am Rhein, jedes Jahr bindet der Winzer die neuen Triebe an, dass sie nach oben wachsen können, wo die Trauben das zur Reife nötige Sonnenlicht empfangen können. Sie sollen eben nicht unkontrolliert wild am Boden wuchern, wo die Früchte nicht reifen können und Gefahr laufen, beschmutzt und zertreten zu werden.
Dieses sprachliche Bild gefällt mir gut, wenn ich es auf Euch und Eure Situation in der Schule übertrage. Die Schule als Winzer hat euch den Schülern als Reben diese oft als lästige Zwänge empfundenen Bindungen auferlegt. Diese hatten jedoch einen Zweck, ihr Ziel ist eben die Freiheit, eure freie Entfaltung. Und wie der Winzer durch seine Maßnahmen auf eine reiche Ernte hofft, so erwarten auch wir von euch, dass ihr eure Freiheit nutzt, das Gelernte anwendet und sinnvoll handelt.
Das Gelernte, das meint nicht nur den Wissensstoff der einzelnen Fächer, sondern auch , alles das, was nicht auf dem Stundenplan steht wie z.B. mit anderen Menschen auskommen, sie respektieren und tolerieren, eine Pflicht zu erfüllen, die Verantwortung für eine Aufgabe übernehmen und eine Arbeit ordentlich zu Ende , führen, um nur einiges zu nennen. Ebenso habt ihr gelernt, Freiheit zu nutzen und eigene Entscheidungen zu treffen. Und selbst wenn ihr dabei Fehler produziert habt, vielleicht zu spät zum Unterricht gekommen seid, die Hausaufgaben vergessen oder mal eine ungeliebte Unterrichtsstunde abgehängt habt, so wusstet ihr doch, dass dies nicht in Ordnung war. Ihr habt gelernt, richtig und falsch zu unterscheiden. Das Thema der interreligiösen Abschlussfeier lautete: 'Die Welt begreifen, um sie in Verantwortung zu ergreifen.'
Viele Jahre habt ihr während dieser Schulzeit versucht, die Sachen und Verhältnisse dieser Welt zu durchschauen, zu begreifen. Die Zeugnisse, die wir euch gleich aushändigen werden, sind die Bescheinigung über das, was ihr geleistet habt. Eure Schulpflicht habt ihr erfüllt, was jedoch vor euch liegt, ist das verantwortungsvolle Ergreifen der Welt.
Die Freiheit, in die wir euch entlassen, schließt diese Verantwortung mit ein. Jetzt gilt es für euch, in der Praxis das Gelernte anzuwenden, Nägel mit Köpfen zu machen, zu dübeln statt zu grübeln!. Leute, die viel reden und über Probleme diskutieren statt zu handeln, haben wir schon genug. Eure Stärke ist das beherzte Zupacken!
So möge Euer Handeln erfolgreich sein, wo ihr euer Leben fortsetzen werdet, ob in einer anderen Schule, an einem Praktikums-, Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Ich gratuliere euch, liebe Entlass Schülerinnen und liebe Entlass Schüler zu dem, was ihr bis heute erreicht habt. Ich wünsche euch großen Mut, um Verantwortung zu übernehmen und ein starkes Durchhaltevermögen, damit euer Leben gelingt, sinnvoll und glücklich wird.'"
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