Aufnahme: 1999
Die Landwirtschaft im Siebengebirge Anno dazumal – Von Heinz Klein - 6. Teil
Ebenso wichtig wie die Schweineaufzucht war die Ergänzung im Kuhstall. Sofern der Bauer keinen eigenen Bullen hatte, trieb man die Kühe zum Dorfstier, für dessen Haltung der Bauer von Amts wegen eine besondere Vergütung bekam. Ein Stier mußte nach einigen Jahren ausgetauscht werden, um die Inzucht zu vermeiden. Wenn die Zeit zum Kalben war, schenkte der Bauer der Kuh besondere Aufmerksamkeit. Um Komplikationen zu vermeiden, mußte der Bauer schon dabei sein. Ergaben sich aber solche, dann war der Nachbarbauer zur Hilfeleistung stets bereit. Dies beruhte auf Gegenseitigkeit. War das Kälbchen da, fütterte man es zunächst so lange mit der Muttermilch, bis es normales Futter aufnahm. Ein kräftiges Kalb diente der Aufzucht zur Auffrischung im Kuhstall. Gelegentlich kam auch schon einmal ein Kalb oder ein solches bis zum Rind aufgezogen zur Schlachtung. So begegnete man der einseitigen Ernährung mit Schweinefleisch.
Bei der Haltung eines Pferdes war die Aufzucht eines Fohlens nicht gegeben. Das Pferd mußte natürlich eine gewisse Zeit bis zum Fohlen und auch noch danach eine ganze Weile geschont werden. Es blieb noch eine Zeitlang mit dem Fohlen auf der Weide. Beim Besitz mehrerer Pferde gab es schon eher die Möglichkeit, ein Fohlen aufzuziehen. Gelegentlich zog man auch einige Schafe auf, die das Gras auf der Wiese beim Hof klein hielten. Die um die Osterzeit geborenen Lämmchen kamen zumeist zur Schlachtung und blieben nur einzeln als Bestand erhalten. Die Wolle der Schafe kam natürlich gelegen. Sie wurde nach entsprechender Behandlung von der Altbäuerin auf dem Spinnrad verarbeitet.
Ein Hof ohne Hühnervolk war undenkbar. Eier waren ein unentbehrliches Nahrungsmittel zum Eigenverbrauch. Nur den Überschuß verkaufte man zumeist an die Dorfbewohner. Hühnerfutter gab es ja reichlich, und wenn die Hühner noch einen Auslauf auf der grünen Wiese hatten, waren die Eier besonders schmackhaft. Ein kräftiger Gockel war nicht nur des Bauern Wecker, sondern er sorgte auch für den Nachwuchs auf dem Hühnerhof. Die Glucke hatte ein Gelege von etwa zwölf Eier auszubrüten. Das geschah in 21 Tagen, bis sich dann die kleinen niedlich gelben Küken durch ihr kleines Gefängnis durchpickten. Natürlich blieben sie der Aufzucht erhalten, denn schließlich kam im Laufe des Jahres manches Huhn, das nicht mehr genug Eier legte, in den Kochtopf.
Zur Haltung von Gänsen und Enten war ein kleiner Weiher Voraussetzung. Zu St. Martin oder aber zu Weihnachten verkaufte man je nach Bestand Gänse, wogegen die Enten geschlachtet zum Eigenverbrauch kamen. Letztlich sollte auch der Hund, der Haus und Hof bewachte, erwähnt werden, wie auch die Katzen, die als Mäusejäger guten Dienst taten, denn Mäuse gab es in Scheune und Stall mehr als genug.
Außer der Viehzucht gab es noch reichlich andere Arbeiten, in die das eine oder andere Familienmitglied eingespannt war. Zum Beispiel war der zumeist unmittelbar am Hof gelegene Garten zu versorgen, in dem sich vornehmlich der Altbauer nützlich machte. Gelegentlich halfen die schon herangewachsenen Kinder ihm bei der Arbeit. Den Vorrang hatte die Hausarbeit, womit die Bäuerin reichlich ausgelastet war, denn mitunter saßen viele hungrige Mäuler am Tisch, besonders zur Saat- und Erntezeit. Die Altbäuerin half zuweilen so gut sie konnte. Da gab es die vielen Putz- und Flickstunden, die notwendig waren, um Ausgaben für neue Textilien im Rahmen zu halten. Das Stricken übernahm zumeist auch die Oma, die bei der Unterhaltung ihre flotten Finger spielen ließ. Und da wäre noch die Einweckzeit zu erwähnen, in der fleißig für die Bevorratung über den Winter und das Frühjahr gesorgt werden mußte. Da waren zig Einweckgläser mit allen möglichen Gemüsen und Früchten zu füllen. Weißkohl und Bohnen in große Steintöpfe einzubringen, die vergoren das herzhafte Sauerkraut und das saure Bohnengemüse ergaben.
Was wären diese Schilderungen, ohne einmal ganz besonders die Arbeit der Bäuerin zu würdigen, ohne aber die Leistung des Bauern zu schmälern. Sie war der Mittelpunkt der Familie, und alles Geschehen im Hof war von ihr geprägt. Tag für Tag war Leistung zu erbringen, denn Kinder mußten ja auch versorgt werden, bis sie sich als Halbwüchsige schließlich selbst helfen konnten. Ein wohlverdienter Urlaub war der Bäuerin wie auch dem Bauern zeitlebens nicht vergönnt. Den kannte man nur vom Hörensagen. So gesehen ist es nicht verwunderlich, daß sich in Anbetracht dessen und der nie enden wollenden Arbeit im Gegensatz zu heute die landwirtschaftlichen Betriebe bis auf wenige dezimiert haben.
Was wäre diese Schilderung auch, ohne die kleinen Landwirte, die sogenannten Nebenerwerbsbetriebe, zu erwähnen. In diesen kleineren Betrieben ging der Vater noch einer Beschäftigung nach, etwa im Steinbruch oder aber auch in der Industrie. Tagsüber hatte die Familie, die Gattin und die heranwachsenden Kinder, den kleinen Hof zu versorgen. Die schwerere Arbeit übernahm der Kleinbauer nach seinem Feierabend. Zumeist waren zwei bis drei Kühe und natürlich auch die Schweine zu versorgen. Bei der Anzahl der Kühe waren schon bis zu 12 Morgen Acker- und Weideland zu bearbeiten. Hierfür wurde in manchen Fällen ein Ochse als Zugtier gehalten. In diesem Fall war es ein Rechenexempel, denn der Ochse brachte beim Verkauf, sofern er über die Zeit gut gefüttert war, einen ansehnlichen Betrag in die Kasse. Dafür tauschte man ihn nach einigen Jahren gegen einen neuen aus. Gelegentlich wurden statt eines Ochsen auch Kühe als Zugtiere eingespannt. Das hatte natürlich den Nachteil, daß der Milchertrag gemindert war. Aber trotzdem reichte der Gesamtertrag für die Ernährung der zumeist kinderreichen Familie. Damit ist nun die gesamte Landwirtschaft von Anno dazumal erinnerungsgemäß erfaßt. ENDE
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