Aufnahme: 1999
Die Landwirtschaft im Siebengebirge Anno dazumal – Von Heinz Klein - 3. Teil
Nun stand die Heuernte bevor, die alle Kräfte des Hofes mobilisierte. Noch in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg mußten die Wiesen manuell mit der Sense gemäht werden, deren Schneide (Dengel) am Vorabend auf einem im großen Holzkloben eingeschlagenen, oben abgeflachten Eisenstock mittels Dengelhammer geschärft (gedengelt) wurde. Eine recht mühselige Arbeit erwartete die Sensenmänner. Die Bauern zogen mit Sense, die zwischendurch immer wieder mit dem Wetzstein geschärft werden mußte, Heugabel und Rechen und ihren Helfern bei Sonnenaufgang los. Man nutzte die Zeit, in der das Gras noch frisch vom Tau war, weil es sich dann leichter mähen ließ. Bei genügend Kräften mähte man in Dreierreihen. Um einen Morgen = 2500 qm zu ähen, benötigte ein Mann etwa vier Stunden. In späteren Jahren gab es Grasmäher mit einseitigem Mähbalken, der die Arbeit wesentlich erleichterte und beschleunigte.
Beim ersten Frühstück, das ihnen die Bäuerin oder ein Angehöriger brachte, lag schon ein umfangreiches Gemahd auf der Matte: Während die Männer sich stärkten, begannen die Helfer mit dem Ausspreiten des Gemahds, damit bei gutem Wetter das Gras schnell trocknete und nach Möglichkeit als Heu zwei bis drei Tage später eingefahren werden konnte. Bei zu früh einge brachtem Heu bestand die Gefahr der Selbstentzündung, die schon manchen Hof in Schutt und Asche legte. Gelegentlich eines aufziehenden Gewitters wurde das schon fast trockene Heu auf Holzböcken aufgekottet, damit durch den Regen nicht alles durchnäßte. Wieder ausgespreitet, konnte es schließlich nach dem Austrocknen in die Scheune eingebracht werden.
Nun stand die Getreideernte an, die mit der Einbringung der Gerste eingeläutet wurde. Die Gerste diente vornehmlich dem Eigenverbrauch und zu Futterzwecken für das heimische Vieh. (In den armen Zeiten diente sie auch gebrannt, genau wie Roggenkorn, als Kaffee-Ersatz, denn Bohnenkaffee war verpönt). Nachdem die Gerste abgeerntet war, säte man auf diese Fläche Stoppelrüben ein. Das war eine kleine, kinderfaust dicke, saftige Knolle, die im Herbst schon verfüttert werden konnte.
So folgt dann die Roggenernte, und erst zu einem späteren Zeitpunkt wurden Weizen und Hafer geerntet. Raps und Maisanbau waren zu dieser Zeit noch nicht aktuell. Nur ganz selten sah man erst in den sechziger Jahren einmal ein gelb blühendes Rapsfeld. Mais, der Anfang Mai angebaut und erst im Spätherbst geerntet wird, fuhr man in die erst in späteren Jahren gebauten Silos vornehmlich als Silage zur Verfütterung ein.
Die Getreideernte erforderte recht viel Aufwand. Wenn man bedenkt, daß erst nach dem ersten Weltkrieg die ersten Mähmaschinen (siehe Grasmäher) mit ebenfalls seitlichem Mähbalken zur Verwendung kamen, fragt man sich, wie haben die Bauern das alles ohne Maschinen geschafft? Das Getreide wurde zuvor noch von Hand mit der „Haue" geschnitten (gehauen). Dieses Handgerät war eine kurzstielige Sense (Seech genannt) und die Arbeit damit erforderte noch mehr Kraftaufwand, als das Mähen von Gras. Mit einem Spitzhaken, der Hööch, mußte der Hauer jeweils die Garben zum Binden ablegen. Hierbei waren zumeist Frauen im Einsatz, die die einzelnen Garben mit den schon beschriebenen Bendeln aus Kornstroh banden und mit je zehn zu „Haustern" (Husstere) aufstellten. Mitunter eine unangenehme Arbeit, sofern sich noch Disteln zwischen den Halmen befanden.
Eine große Arbeitserleichterung gab es schließlich, als in späteren Jahren die verbesserte Mähmaschine zum Einsatz kam. Sie besaß einen seitlichen Schneidebalken. Zunächst aber mußte noch ein Helfer mit aufsitzen, um jweils eine Garbe des Getreides zum Binden nach hinten abzuwerfen. Und wiederum später hatte die Maschine schon eine automatische Bindevorichtung mit Kordel. Damit erübrigte sich das Garbenbinden durch die Helferinnen. Aber das Aufstellen der Haustern hatte immer noch manuell zu erfolgen. Die Haustern blieben früher dann acht bis zehn Tage zum Trocknen auf dem Acker stehen. Das Getreide fuhr man auf hoch beladenen Wagen zur Dreschzeit in Hof und Scheune. Je besser die Ähren ausgetrocknet waren, um so besser war später der Ausdrusch.
Ein kleiner Teil zur Auffrischung des Vorrates wurde nach der Einbringung gedroschen. Nur die Kleinackerer brachten ihre Ernte zu einem Bauer, der sich auf das Lohndreschverfahren ein gestellt hatte und das angefahrene Getreide sofort ausdrosch. Bei den Bauern selbst wurde die gesamte Ernte Ende Oktober/ Anfang November mit der eigenen Maschine ausgedroschen. Motor- oder elektrogetriebene Dreschmaschinen gab es nach dem Ersten Weltkrieg noch nicht. Dazumal wurde sie über den vom Pferd oder einem Ochsen gezogenen Göpel angetrieben, der sich in der Nähe des Standortes der Dreschmaschine befand. Durch andauernden Umlauf des Zugtieres in einem Kreis von ca. fünf Meter im Durchmesser rotierte über ein Zahnrad eine Antriebswelle bis zur Dreschmaschine und setzte sie damit in Betrieb. In späteren Jahren erfolgte der Antrieb durch Dieselmotoren oder Elektroaggregate, was natürlich zu einer enormen Zeitersparnis führte. Die nunmehr modernen Maschinen konnten wesentlich mehr und schneller Garben aufnehmen. Trotzdem blieb es harte Arbeit, besonders für den Beschicker (Stopfer), der den ganzen Tag, Stunde um Stunde dem starken Staub ausgesetzt war. Das von der Maschine ausgestoßene Stroh mußte nun wieder gebunden werden, bis dann mit besser entwickelten Maschinen auch das automatisch geschah.
Da aber die Dreschmaschine in den wenigsten Fällen für den Eigenbedarf ganz ausgelastet war, half man auch den Kleinackerern im Lohndreschverfahren, vornehmlich aber als Gegenleistung für die Mithilfe bei Einsaat und Ernte. Es gab natürlichauch Kleinackerer, die Zeit und Muße hatten, das Getreide selbst zu dreschen, einerseits aus Ersparnisgründen und andererseits ihre Freizeit im Winter nutzend.
Auf der harten Lehmtenne legte man eine oder zwei Lagen Garben mit den Ähren nach innen in einem Rund auf den Boden. Dann droschen zumeist drei Personen, gelegentlich auch Hausfrauen, in einem bestimmten Rhythmus, dem Dreiertakt, auf die Ähren ein, bis sich alles Korn gelöst hatte. Sofern die Flegel aus hartem Holz (z. B. Kirschbaum) hergestellt waren, konnte man das Taktschlagen in der weiteren Nachbarschaft hören. Schienen die Ähren gut ausgedroschen, wurde das Korn nach Entfernung des Strohs zusammengekehrt und in der Handwanne oder noch bequemer in der Wannmühle durch Drehen der Windflügel von Grannen, Staub und Getreideschalen gereinigt. Bei der Dreschmaschine erfolgte dieser Vorgang automatisch.
Fortsetzung folgt
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