Aufnahme: 1999

Die Landwirtschaft im Siebengebirge Anno dazumal – Von Heinz Klein 2. Teil

Daß die Versorgung des Viehs tagein tagaus Vorrang hatte, versteht sich von selbst. Und daß der Bauer wintertags auch hier noch der Bäuerin beistand, bedarf keiner Frage. So war ihm letztlich auch einmal ein Ruhetag zu gönnen. Das war schließlich dem Martinitag (Sankt Martinstag) vorbehalten. An diesem 11. November eines jeden Jahres überbrachte man dem Verpächter eines Ackers den fälligen Pachtzins, wobei es gelegentlich bei ei­nem Schnäpschen noch einen gemütlichen Klaaf gab. Zu manchem Bauernhof gehörte auch noch das „Sackes", der steinerne Backofen, der aus Steinplatten (gebrochen in den Kö­nigswinterer Backofenkaulen) errichtet war. Besonders in Herbst- und Winterszeit hat man das urwüchsige Schwarzbrot noch selbst gebacken. Ohne irgendwelche chemischen Zusätze war es so haltbar, daß man einen Vorrat auf einige Wochen anle­gen konnte.

Roggenmehl wurde mit Sauer, den man sich vom Bäcker besorgte, in einer Holzmole angesetzt. Eine Maschine zum Durch­kneten gab es nicht, das besorgte der Bauer und einer seiner erwachsenen Söhne. Nachdem die Füße gebadet waren, stieg man in die Mole und knetete tretend ein- bis eineinhalb Stunden den sehnigen und klebrigen Teig, bis er zum Formen des Brotlaibes fertig war und in den vorgeheizten Ofen geschoben werden konnte. Schon alleine der feine Geruch des fertigen Brotes animierte zu einer kräftigen Brotzeit, sobald das Brot abgekühlt war. Natürlich buk die Bäuerin am Samstag vom feinen Weizenmehl unter Zusatz von Milch, Butter und Zucker den leckeren Blatz oder bei größerer Familie auch mehrere. Lediglich Mischbrot wie Graubrot und Eifeler Brot wurde zugekauft, und selbstgebacke­nen Kuchen gab es an Festtagen anstelle des gekauften Feingebäcks.

Das „Sackes" diente gelegentlich auch noch als „Krockes" (Krauthaus), in dem im Spätherbst das nicht winterfeste Obst, wie Äpfel und Birnen, zu einem wohlschmeckenden Kraut als Brotaufstrich, auch wieder ohne jeden chemischen Zusatz, ge­kocht wurde und so über den Winter und das Frühjahr genügend Vorrat bildete. Das Krautkochen geschah in einem etwa 100 bis 150 Liter fassenden Kupferkessel, worin das Obst gegart wurde. Schon von weitem gab es einen angenehmen Duft, der die nachbarlichen Rentner anzog, dem Kocher, im Regelfall dem noch rü­stigen Altbauer, bei der langwierigen Arbeit Gesellschaft zu lei­sten. Die Pfeife schmauchend erging man sich dabei zu einem ausgedehnten Klön über das Dorfgeschehen, Gott und die Welt, nicht ohne hin und wieder eine kleine Kostprobe aus dem Kessel zu nehmen.

Im Monat März mahnten die ersten Sonnenstrahlen schon zum Aufbruch ins landwirtschaftliche Jahr, denn das eine oder andere, wie die Vorbereitung der Felder für die Frühjahrsbestellung, konnte schon in Angriff genommen werden. Mittlerweile war das Wintergetreide so kräftig, daß zusätzlich Kleesamen ein­gesät werden konnte. Der Klee war nämlich nicht nur das zusätz­liche kräftige Grünfutter zur Herbstzeit, sondern eingepflügt auch natürliche Düngung des Ackers. Und schließlich benötigte der Boden auch noch Kunstdünger, der ebenso wie das Saatgut von Hand gestreut wurde und in späteren Jahr mehr und mehr Verwendung fand. Dabei waren wieder einmal viele Kilometer über den Acker abzuschreiten.

Die Einsaat des Sommergetreides hatte nun Vorrang, und mit dem Fortschreiten des Frühjahrs gab es für den Bauern keine freie Stunde mehr. Die nach dem Pflügen noch nicht bearbeiteten Felder wurden mit dem Kultivator (Frößelplooch) aufgelockert, mit der Egge (Ääch) zerkleinert und dann in der Zeitfolge mit Sommerweizen, Hafer und Sommergerste eingesät. Zwischenzeitlich galt es, die schon im kräftigen Wintergetreide wachsenden Disteln auszustechen. Das geschah mit einem geschärften Distelstecher, ähnlich einer schmalen Spachtel, allerdings mit einem entsprechend langen Stiel. Nun mußten die Saatkartoffeln in die Erde gebracht werden, und das geschah manuell und nicht mit einer Maschine. Lediglich die Furchen wurden mit dem Pflug gezogen, in die dann von fleißigen Hilfskräften, Familienangehörigen und Helfern aus der Nachbarschaft die schon angekeimten Kartoffeln (zum größten Teil eigenes Saatgut) in einem bestimmten Abstand gesetzt wurden. Es war schon eine mühselige Arbeit, die Kartoffeln Stück für Stück in die Furche einzubringen. Mit den Jahren wechselte man die üblichen Sorten mit neu auf den Markt kommendem Saatgut aus. Wer erinnert sich z. B. nicht an die blauschaligen Frühkartoffeln?

Anschließend mußte der Rübensamen in die Erde, nachdem das dafür bestimmte Feld vorbereitet war. Der gepflügte Acker wurde mittels Kultivator geebnet. Der nächste Arbeitsgang er­folgte mit der Egge und anschließend mit der Stein- oder Eisen­walze, damit der Boden platt und eben wurde. Dann kam der Reihenzieher zum Einsatz. Das Gerät, vom Bauer selbst herge­stellt, war ein Holzbalken von etwa 1,5 m Breite, in dem im Ab­stand von ca. 35 cm nach unten zugespitzte Holzzähne angebracht waren. Mittels dieses Gerätes wurden dann geradeaus verlaufende Rillen über die Länge des Feldes gezogen, in die mit der Drillmaschine, einem kleinen pflugartigen Gerät, vom Pferd gezogen und von Hand geführt, der Rübensamen eingebracht wurde. Dabei rieselte der Samen aus einer Box, die eine nach un­ten auslaufende Öffnung hatte, in die Saatspur.

Der Kartoffelacker verlangte nun einen weiteren Arbeitsgang. Mit der Hacke mußte der Boden aufgelockert werden, damit das sprießende Unkraut ausdörrte, bevor die Kartoffeln behäuft wurden. Zwischen der mittlerweile 15 bis 20 cm hohen Pflanzenreihe zog man eine Furche, damit das Saatgut Luft hatte und kräftig wachsen und gedeihen konnte. Das geschah mit einem hierzu bestimmten kleinen pflugartigen Gerät, dessen schmale Scharte nach zwei Seiten die Erde aufwarf. Schon bald zeigten sich die zarten Rübenpflänzchen, die zunächst aussortiert werden mußten. Das war eine mühselige Arbeit. Auf den Knien rutschend wurden die weniger kräftigen Pflanzen ausgezogen, und im Abstand von etwa 20 bis 25 cm ließ man die kräftigeren stehen. Anschließend erfolgte das Auf­lockern des Bodens mit der Hacke (Schachel). Das geschah zu­ meist Mitte bis Ende Juni. Es war eine Arbeit, zu der man sich auch älterer Schüler bediente, die sich damit einen kleinen Obo­lus verdienten.   

Fortsetzung folgt




 Die nach dem Pflügen noch nicht bearbeiteten Felder wurden mit dem Kultivator (Frößelplooch) aufgelockert.

Zur Galerie „Landwirtschaft Anno dazumal" – siehe Link unten.

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 19 vom 12.05.1999; Fotograf unbekannt; Bericht: Heinz Klein
Zur Verfügung gestellt von
Rudolf Pieper (SZ); Friedrich Müller: Fotos
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