Aufnahme: 1999
Die Landwirtschaft im Siebengebirge Anno dazumal – Von Heinz Klein - 1. Teil
Hiermit soll einmal die Arbeit in Hof und Haus und von der Furche bis zur Ernte aufgezeichnet werden, wie sie zu alten Zeiten, ja noch bis einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, vonstattenging. Die damalige Mühe und Arbeit läßt keinen Vergleich mit der heutigen maschinellen Abwicklung zu. Viele Menschen, selbst in ländlichen Gebieten, wissen heute nicht, wie mühevoll der Arbeitstag des Bauern war. Es gab keinen Traktor, keine an ihn anzuschließenden modernen Geräte und Maschinen, wie auch keine Melkmaschine, die der Bäuerin und ihren Hilfen die Arbeit erleichtert hätten. Ebenso wenig gab es einen Wagenpark mit Be- und Entladegeräten, die Heu oder Stroh und einiges mehr automatisch auf- und abladen. Nur auf einem etwa 350 bis 400 Morgen großen Gut bediente man sich eines Lanz-Bulldozers, der auch als Antriebsgerät für die Dreschmaschine und die Kreissäge Verwendung fand. Die nachfolgenden Aufzeichnungen sollen einen Einblick in das bäuerliche Leben anno dazumal geben.
Von der Furche bis zur Ernte
Voraussetzung für die Feldbestellung im Herbst mit der Einsaat des Wintergetreides und der Frühjahrsbestellung war das Pflügen der abgeernteten Felder, auf die zuvor noch Mist als Naturdünger ausgestreut worden war. Eine Arbeit, die noch vor dem Wintereinbruch getan werden mußte. Zusätzlich streute man Kalk zur Auflockerung und Gare des Bodens. Das Pflügen der Felder kostete viel Kraft. Tagelang hinter dem Pferde- oder Kuhgespann, auf holprigem Feld mit dem Pflug die Furche in Richtung halten, war wahrlich kein Vergnügen. Diese Arbeit brauchte ihre Zeit. Es kam einmal auf die Stärke der Zugtiere und zum anderen auf die Art des Pfluges an. Während der Schälpflug weniger tiefe Furchen zog, war der Kipp-Pflug oder auch der Balancepflug für das tiefere Pflügen gedacht. Den Kipp-Pflug konnte man über ein Zahngestänge auf die gewünschte Breite der Furche einstellen. Er konnte aber nicht gewendet werden, was eine Erleichterung für den Pflüger war. Allerdings bedeutete das für das Gespann einen größeren Kraftaufwand, was sich gelegentlich auf den Zeitaufwand auswirkte. Mehrscharige Pflüge erforderten allerdings ein Gespann mit zwei Pferden und kam gelegentlich auf größeren Höfen zum Einsatz.
Von einem Achtstundentag konnte keine Rede sein, denn es waren täglich mindestens zehn bis 12 Kilometer hinter dem Gespann zurückzulegen, und das, wie schon erwähnt, über den holprigen Acker, wobei der Pflug noch von Hand in die Erde gedrückt werden mußte. Einen Morgen mit zwei Pferden zu pflügen war etwa das Tagespensum, wogegen man heute die gleiche Arbeit mit einem Traktor in einer Stunde schafft. Daraus mag man ersehen, wie mühevoll in früheren Zeiten das Pflügen vonstatten ging. Ein Teil des frisch gepflügten Ackers diente der Einsaat des Wintergetreides, nachdem dieser mit der Egge (Ääch) bearbeitet worden war. Die Aussaat erfolgte noch per Hand mittels der „Säät", einer nierenförmigen Saatschüssel, die an einem über der Schulter liegenden Gurt vor dem Bauch getragen wurde und jeweils für eine bestimmte Fläche immer wieder mit der entsprechenden Menge Saatgut aufgefüllt wurde. Nach erfolgter Aussaat war für den Rest des Jahres die Arbeit in Feld und Flur getan. Eine ruhige Zeit nach diesen Arbeiten gab es aber nicht, denn nun stand Lohnarbeit auf dem Plan. Den gelegentlichen Hilfskräften aus der Nachbarschaft, die dem Bauer während des Jahres zur Verfügung standen, mußte der Acker gepflügt werden. Danach begann für den Bauer die Aufarbeitung am Hofe, der vom Frühjahr bis in den Herbst keine Aufmerksamkeit geschenkt werden konnte.
Vor allen Dingen die Instandsetzung der Geräte, der Wagen, des Zaumzeugs und vieles mehr. Werkzeuge hierfür befanden sich in einer kleinen Hofschmiede. Das Beschlagen der Pferde blieb allerdings dem Dorfschmied überlassen, wie auch größere Reparaturen an Haus und Stallungen gab es auch immer kleinere oder etwas größere Reparaturen, die man selbst vornahm. Auch wenn die Geräte an ihrem Standplatz untergebracht waren, gab es für den Bauer ganz selten einen Ruhetag. Als Saatgut mußte die erforderliche Menge vorab gedroschen werden. Das restliche Getreide wurde im Herbst gedroschen. Ein Teil des Roggengetreides wurde noch auf der Tenne mit dem Dreschflegel gedroschen, um bei der nächsten Ernte genügend Bendel für die Garbenbinderinnen zur Verfügung zu haben. Die Versorgung mit Winterbrand stand auch auf dem Plan. Im eigenen kleinen Waldstück oder auch vom Forstamt zugewiesene Bäume mußten gefällt werden oder wurden von den Waldarbeitern der Forstverwaltung gefällt, auf Klafter gestapelt und mußten nach Hause gebracht werden. Das geschah nicht nur für den Eigenbedarf, sondern auch für die Dorfbewohner, die sich im wesentlichen mit Holz versorgten, denn mit schwarzem Brand wie Kohlen und Brikett wurde zur damaligen Zeit noch sehr sparsam umgegangen. Ein Zentner kostete nämlich 1,- Mark, etwa zwei Stundenlöhne.
Reisig ließ man nicht im Wald liegen und vermodern, sondern zerkleinerte es auf eine Länge von etwa 70 bis 80 Zentimeter. Man band es in Bürden (Schanzen). Das auf Ofenlänge zerkleinerte Reisig diente dann zum Anfachen der Glut im Herd oder Ofen. Brikett und Kohlen mußten herangefahren werden. Sie kamen per Güterzug in Niederdollendorf zum Verladen an. Im Auftrag der Landesprodukten- und Baustoffhändler, die noch nicht über einen LKW verfügten, brachten die Bauern dieses Heizmaterial per Schlagkarre, die mit 15 bis 20 Zentner Brikett beladen war, zum Verbraucher. Bestenfalls konnten am Tag pro Gespann drei Fahrten (z. B. nach Heisterbacherrott) stattfinden. Die Anfuhr von Baustoffen wie Kies, Sand und Bausteine gehörte natürlich auch zu den Lohnfahrten. Beim Straßenbau oder Ausbesserungen, die bei Makadamstraßen öfter anfielen, karrte man Schotter und Kies aus den Steinbrüchen heran und gelegentlich transportierte man aus den naheliegenden Ton- und Quarzitgruben Material zu den Werken am Rhein. LKW für diese Transporte gab es bis Ende der zwanziger Jahre ganz selten. Die Fuhrkosten brachten den Bauern natürlich bares Geld in die kargen Kassen.
Fortsetzung folgt
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