Aufnahme: 1993

Kalk-Kur per Helikopter für übersäuerte Waldböden

Eudenbacher Forst wird gegen „Sauren Regen" gewappnet. Von Christoph Lüttgen

Eudenbach. Seit Jahren setzt der „Saure Regen" den Wäldern gehörig zu. In manchen Gegenden Deutschlands, wie im Harz oder in Bayern, starben ganze Wälder. Auch bei uns, im Siebengebirge und im Westerwald, sind die Bäume krank. Um das Waldsterben zu stoppen, bedienen sich die Forstbehörden moderner Technik: Der Wald wird per Helikopter gekalkt. Vor Jahren noch standen selbst Ökologie-Experten dem Waldsterben hilflos gegenüber.

Hektar für Hektar drohte dahingerafft zu werden. 1984 wurde das „Waldhilfsprogramm" ins Leben gerufen. Mit Hilfe von Kalk sollte das gefährdete Öko-System Wald landesweit geschützt werden. Ausschlaggebend für diese Maßnahme war die Erkenntnis, daß durch die Schadstoffe, die mit dem Regen niedergehen, die Waldböden immer stärker übersäuern. Messungen ergaben im Staatswald Eudenbach ph-Werte von 3,5 bis 4: „beträchtliche Versauerung".

Mit dem „Sauren Regen" kommen nicht nur Schadstoffe in den Boden, es werden auch für die Bäume lebenswichtige Nährelemente aus den oberen Bodenschichten gelöst und in tiefere gespült. „Die Nährstoffe gehen verloren", erklärt Harald Rothermel, Forstamtmann des Forstreviers Eudenbach. Die Folgen, so Rothermel, sind überall zu beobachten: Blätter und Nadeln verfärben sich, die Bäume verlieren an Widerstandskraft. Nachdem in den vergangenen Monaten bereits die Wälder der Forstämter Monschau, Schleiden, Siegburg und Waldbröl per Helikopter-Einsatz gekalkt wurden, darf sich jetzt auch der Eudenbacher Wald einer „Kalk-Kur" erfreuen.

Seit vergangener Woche sind Pilot Helmut Brehmer und sein Bodenmann Karl-Günther Schütz vom „Helicopter-Service Hannover" damit beschäftigt, insgesamt 750 Tonnen Kalk vom Helikopter aus auf den Eudenbacher Wald zu verteilen. Rund 250-mal am Tag steigt und landet der verwegene Hubschrauber-Pilot, um die Kalk-Container mit einem Fassungsvermögen von 15 Zentnern aufzunehmen und wieder abzusetzen. Während Helmut Brehmer mit seinem turbinengetriebenen, wendigen Kleinhelikopter geschickt den von Karl-Günther Schütz gefüllten Trichter — nur wenige Meter über dem Boden schwebend — aufnimmt, ist Schütz mit seinem Klein-Bagger bereits dabei, den zweiten Behälter mit Kalk zu beladen. An einem Arbeitstag, nur von einer Brotzeit unterbrochen, setzt das Team gut 150 Tonnen Kalk um.

Brehmer („Ich kann mit meinem Hubschrauber sogar in einem Vorgarten landen.") leistet bei der Ausbringung des Kalks absolute Präzisionsarbeit. Ein imponierendes Bild bietet sich, wenn Brehmer mit seinem Luftgefährt mit einem ohrenbetäubendem Getöse direkt über den Baumwipfeln auftaucht, um am Ladeplatz den leeren Container abzusetzen und gleich wieder den gefüllten Behälter aufzunehmen. Dabei schrammen die neun Meter langen Rotorenblätter oft nur zwei Meter an den nächsten Baumkronen vorbei.

„Vordringliches Ziel der bislang durchgeführten Bodenschutzkalkungen ist es", so berichtet Harald Rothermel, „den Versauerungsprozeß zu verlangsamen und möglichst zum Stillstand zu bringen.“ Da sich in absehbarer Zeit „bei realistischer Einschätzung" der Schadstoffausstoß in Europa nicht drastisch verringern werde, blieben die Bodenkalkungen als Überbrückungsmaßnahme notwendig. Denn nur so ließen sich Schäden für Waldböden und Grundwasser mindern.

Zur Vermeidung von Risiken für das Waldökosystem wurden im Eudenbacher Staatsforst sowohl das Areal der Bergwerkhalde „Altglück" als auch das Naturschutzgebiet Komperheide von der Kalkung ausgeschlossen. Trotzdem bleibt immer noch eine Fläche von rund 260 Hektar, die mit dem gemahlenen Naturkalk überzogen werden müsse. „Der gemahlene Naturkalk ist für Mensch und Tier völlig harmlos", beruhigt Rothermel die Anwohner in Eudenbach.

Die Helicopterkalkung ist mit rund 350 Mark pro Hektar auch die kostenintensivste, gleichzeitig aber auch die leistungsfähigste Art des Bodenschutzes. Sie bietet sich vor allem in den nicht oder nur befahrbaren Lagen der Mittelgebirge an. Die Kalkung per Helicopter ist neben der Handkalkung die umweltverträglichste Lösung. Nach den bisherigen Erfahrungen gehen die Forstexperten davon aus, daß die ausgebrachten Kalkmengen von drei Tonnen pro Hektar ausreichen, die Wirkung von Schadstoffen auf den Waldboden für sieben bis zehn Jahre zu kompensieren. Harald Rothermel schätzt, daß die Kalk-Kur im Eudenbacher Staatsforst frühestens in sieben Jahren wiederholt wird.

Quelle
General-Anzeiger vom 07.04.1993; Fotos: Groote; Bericht: Christoph Lüttgen
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