Aufnahme: 1991

Birnbaumallee - Herstellung von Birnenkraut

"Stattliche, hohe Birnbäume, wie diese an der Birnbaumallee zwischen Blankenbach und Söven, standen auch auf den Streuobstwiesen bei den Dörfern um Oberpleis. Sie hatten eine besondere Bedeutung: Aus den Birnen wurde – etwa bis in die 1950er Jahre – Birnenkraut gewonnen, im Pleese Platt meist „Krock“ oder „Kröckche“ genannt; das war in den ländlichen Haushalten der Brotaufstrich für den Alltag. Und so war in vielen bäuerlichen Anwesen ein „Krockes“ vorhanden, ein Schuppen oder Anbau, der die Gerätschaften zur Herstellung dieser Spezialität enthielt: Einen gemauerten, mit Holzscheiten zu befeuernden Ofen mit einem großen Kupferkessel, eine Kelter (wie man sie heute vielleicht noch im Heimatmuseum eines Weinbauortes finden mag), mehrere hölzerne Bottiche zur Aufnahme des gekelterten Birnensaftes, eine kupferne Siebwanne, „Durchschlag“ genannt, ferner kupferne Schöpf- und Schaumlöffel mit langen Stielen, hölzerne Rührlöffel etc. Schade, dass uns derzeit keine Fotos von diesen Geräten zur Verfügung stehen.

Die Herstellung des „Kröckche“ war Männersache und ging etwa so vor sich: Einige Zentner geringwertiger Sorten – Öllichs- (Zwiebel-) und Hohnder- (Hühner-) Birnen, aber auch Fallobst, beschädigte und von Wespen angefressene Birnen wurden in dem besagten Kupferkessel weichgekocht und in die Kelter gefüllt. Der Vorgang wurde mehrmals wiederholt, bis die Kelter voll war. Währenddessen fand in der Küche des Hauses das „Birreschälle“ (Birnenschälen) statt: Gute Birnen – etwa der Sorten Köstliche, Gellerts Butterbirne, Alexander Lukas – wurden geschält, entkernt und halbiert. Jeder, der mit einem Küchenmesser umgehen konnte, beteiligte sich an dieser Arbeit, denn auch hier wurden größere Mengen benötigt. Mitunter war das „Birreschälle“ eine heitere nachbarschaftliche Veranstaltung, bei der auch schon mal ein Schnäpschen getrunken werden durfte. Inzwischen war im „Krockes“ der gekelterte Birnensaft in den vorher gereinigten Kessel gefüllt und siedete so vor sich hin. Die geschälten Birnen wurden hinzugegeben und viele Stunden lang in dem Saft gekocht, bis sie schön rotbraun und weich und zu „Hutzeln“ geworden waren.

Ob sie gut waren, konnte durch Probieren festgestellt werden. Mehr als eine oder zwei Hutzeln zu genießen, war nicht ratsam, denn sie wirkten stark verdauungsfördernd. Die Hutzeln wurden jetzt aus dem Kessel geschöpft und in dem über einem Holzbottich platzierten „Durchschlag“ zu Mus verarbeitet. Dieses wurde in den im Kessel vor sich hin köchelnden Saft zurück gegeben und bei kleinem Feuer unter ständigem Umrühren eingedickt, bis es die richtige – streichfähige – Konsistenz hatte. Diese letzte Phase des Krautkochens zog sich über viele Stunden hin und war Nachtarbeit. Einschlafen war dabei nicht ratsam, denn unterlassenes Umrühren hätte unweigerlich zu einem Anbrennen des „Kröckchens“ geführt und einen Duft verbreitet, der sich dem ganzen Dorf mitgeteilt hätte. Doch so etwas ist sicher nie passiert. Am Morgen schließlich wurde das fertige Kraut in Töpfe aus gebranntem Ton („Döppe“) abgefüllt. Im zugebundenen Döppe blieb das Kraut – ohne Zusatz von Konservierungsstoffen – bis zur nächsten Birnenernte haltbar."

Quelle
Naturdenkmale im Rhein-Sieg-Kreis
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