Aufnahme: 1975

Die wirtschafliche Entwicklung von Oberpleis bis um die Jahrhundertwende - von Wilhelm Weber

Das Handwerk ist uralt. Denken wir an die Gilden und Zünfte im Mittelalter. Tatsache ist, daß Handwerk, Handel und die Landwirtschaft seit alter Zeit die Erwerbsquellen unserer Vorfahren darstellten. Aus den überlieferten Unterlagen geht hervor, daß viele Familienväter in der Landwirtschaft tätig waren. Wir finden sehr oft die Berufsbezeichnungen Ackerer und Tagelöhner. Unter den Tagelöhnern wurden im landläufigen Sprachgebrauch diejenigen verstanden, die gegen Lohn in der Landwirtschaft arbeiteten. Auch kann angenommen werden, daß manche auf den Höfen und Rittersitzen unserer Heimat ihren Lebensunterhalt verdienten. Bedeutende Rittersitze und Höfe aus dieser Zeit waren: Bönnschenhof, Eisfeld, Niederbach, Kippenhohn und Bellinghauserhof. Daß die Gemeinde reich an Mineralien war, wurde schon früh erkannt. So wird das Tonvorkommen bei Oberpleis schon im 14. Jahrhundert in Verbindung mit der Siegburger Töpfergilde urkundlich erwähnt.

In den Jahren zwischen 1750 und 1780 hat man in der Nähe von Uthweiler Braunkohle gefördert. Die erste Tongrube wurde bei Uthweiler erschlossen. In den Jahren 1817 und 1818 wurde dort Ton gefördert, der mit Pferdefuhrwerken bis nach Mülheim am Rhein gebracht und weiter mit Schiffen nach den Niederlanden verfrachtet wurde. Interessant sind die Statistiken aus dieser Zeit. Sie geben uns Aufschlüsse, welche Handwerksbetriebe damals vorhanden waren. Im Jahre 1837 hatte die Gemeinde über hundert selbständige Handwerker, hauptsächlich Leineweber, Schuhmacher und Schneider. Daneben gab es Küfer, Nagelschmiede, Blaufärber und Gerber. In jenem Jahr waren 70 Webstühle in Betrieb. Von diesen Berufen kennen wir heute nur noch Schuhmacher und Schneider. Alle anderen sind der technischen Entwicklung zum Opfer gefallen. So ist bezeichnend, daß nach dem Kriege 1870/71 nur noch zwei Leineweber als selbständige Handwerksbetriebe nachgewiesen sind.

Im Jahre 1837 wurde bei Bockeroth ein größeres Braunkohlenvorkommen erschlossen. Das Kohlevorkommen muß ergiebig gewesen sein; denn zeitweise waren zwischen 40 und 50 Arbeiter dort beschäftigt. Um diese Zeit beginnt die industrielle Entwicklung. Um das Jahr 1850 war die wirtschaftliche Lage sehr schlecht, wie Bürgermeister Heuser uns in seiner Chronik berichtet. Er gibt an, daß viele Familienväter gezwungen seien, in Nachbargemeinden Beschäftigung zu suchen. Damals waren Einwohner aus der Gemeinde Oberpleis am Stenzelberg, in einer Baugrube in Seifen (Asbach), in den Eisensteingruben bei Dambroich (Rott?), in einer Ziegelei bei Birlinghoven und in den Steinbrüchen in Oberkassel beschäftigt.
        
Der erste Steinbruch in der Gemeinde ist wahrscheinlich der Limperichsberg gewesen. Eine Folge der schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse in diesen Jahren war die Auswanderung. Aus den Akten der Amtsverwaltung ist ersichtlich, daß auch aus unserer Heimat viele Familien auswanderten, die meisten gingen nach Nordamerika, eine Familie zog in die Schweiz. Bezeichnend ist, daß eine andere Familie nach Petersburg (Leningrad) auswanderte. In den Wintermonaten zwischen 1860 und 1870 ging mancher Familienvater in die Kohlenreviere, um dort den Lebensunterhalt für sich und seine Angehörigen zu verdienen. Wer die Jahre der großen Arbeitslosigkeit nach dem Ersten Weltkrieg miterlebt hat, wird ermessen können, welche Mühen die Tagelöhner damals auf sich nahmen, um nicht hungern zu müssen; denn Arbeitslosenunterstützung gab es nicht. Die im Gebiet der Gemeinde verspätet einsetzende industrielle Entwicklung kann nur auf das Fehlen guter Straßen und Wege zurückzuführen sein.

Der Aufschwung setzte erst ein, als in den Jahren 1853 bis 1856 die Niederdollendorf-Kircheiper-Straße und in den Jahren 1866 und 1867 die Pleistalstraße gebaut wurden. Nach diesen wichtigen Straßenbauten besserte sich die Wirtschaftslage erheblich. Ein wichtiger Erwerbszweig wurde die Grube bei Neuglück. Hier wurden Bleierz und Zinkblende gefördert. Die Grube erreichte ihre Höchstförderung im Jahre 1863. In diesem Jahr wurden 6000 t Zinkblende und 200 t Bleierz gefördert. Von großer Bedeutung waren auch die Baumschulen. Die erste wurde 1872 in Jüngsfeld gegründet. Nach 1870 wurden zahlreiche Steinbrüche, Ton- und Quarzitgruben eröffnet. Fast in jeder Gemarkung und Flur wurde gegraben und Bodenschätze gefördert. Der Bau der Rhein-Sieg-Eisenbahn im Jahre 1890 und später der Heisterbacher Talbahn schufen weitere Voraussetzungen für die wirtschaftliche Entwicklung.

Die industrielle Entwicklung hatte zur Folge, daß viele Handwerksbetriebe nicht mehr existieren konnten. Die Industrie ersetzte die handwerkliche Fertigung. So kam es, daß jahrhundertealte Handwerksberufe heute unbekannt sind. Diese Entwicklung brachte es aber auch mit sich, daß neue Handwerksbetriebe entstanden sind, die vor 1900 unbekannt waren. Denken wir an Heizungsmonteure, Elektriker, Autoschlosser, Radio- und Fernmeldetechniker u. a..

Das Handwerk hat bis in die Gegenwart noch nichts von seiner wirtschaftlichen Bedeutung verloren. Auch heute kann man sagen: Handwerk hat goldenen Boden.

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 43, vom 24.10.1975; Foto und Bericht: Wilhelm Weber
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Rudolf Pieper (SZ)
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