"Schaffende Hände dienen der Heimat" - Ausstellung der Kolpingsfamilie zur Tausendjahrfeier 1948

Abgebildete Personen

Aufnahme: 1948

"Schaffende Hände dienen der Heimat" - Ausstellung der Kolpingsfamilie zur Tausendjahrfeier 1948

Die späteren Gründungsmitglieder der "Interessengemeinschaft für Handel, Handwerk und Gewerbe", des späteren Gewerbevereins, bei ihrem Ausstellungsbesuch.

Fritz Neuhöfer über die Entwicklung des Handwerks im Oberpleiser Raum:

"Im Jahre 1929 war das Oberpleiser Land ein überwiegend landwirtschaft- und handwerklich orientiertes Gebiet, in dem die Industrie erst später Fuß fasste. Es bestanden viele Handwerksbetriebe, die Bedürfnisse der ansässigen Bevölkerung zufriedenstellen mussten. Im Ort Oberpleis waren zur damaligen Zeit folgende Betriebe ansässig:

2 Huf- und Wagenschmieden
1 Schlosserei und Dreherei
2 Bauunternehmen
2 Dachdeckerbetriebe
2 Installateur- und Elektrobetriebe
1 Druckerei
2 Maler- und Anstreicherbetriebe
5 Bau- und Möbelschreinereien
5 Schuhmacherwerkstätten
2 Sattler- und Polstereien
1 Uhrmacher und Goldschmied
5 Friseure
5 Metzgereien
3 Bäckereien

In den umliegenden Orten von Oberpleis waren ebenfalls Handwerkszweige angesiedelt. So waren Jüngsfeld, Uthweiler und Wahlfeld Zentren der Gärtner und Baumschulisten; in Boseroth und Berghausen gab es unter anderen Handwerkern die Stellmacher. Besonders im Treppenbau waren einige Betriebe in Oberpleis und auch in Bellinghauserhohn weit über die Grenzen unserer Heimat bekannt.

Die Anforderungen an die meisten Handwerker waren damals teils größer als heute. Ein vielseitiges Fachwissen und solide Handwerksarbeit waren Grundvoraussetzungen eines jeden Betriebes. So wurden in den Werkstätten zum Beispiel Ersatzteile für Landmaschinen selbst angefertigt und eingebaut. Schreiner bauten Küchen und Schlafzimmer nach Wunsch. Polstermöbel stellten die Polsterbetriebe von Grund auf selbst her. Die Schmiede hatten täglich 6-8 Pferde zu beschlagen und auf Wagenräder, die von den Stellmachern angefertigt wurden, Eisenreifen aufzuziehen. Der Schuhmacher lebte nicht nur von Reparaturen, gute Schuhe wurden selber nach Maß gearbeitet. Später entstandene Betriebe (Autoreparatur) konnten ebenfalls noch nicht auf Ersatzteile zurückgreifen. Streikte ein Motor, so wurde er zerlegt, Zylinder ausgeschliffen, Kolben neu eingesetzt, Ventile nachgeschliffen usw., bis das Fahrzeug wieder fahrtüchtig war.

Um neue Arbeitsmethoden kennenzulernen, wechselten damals die Handwerksgesellen öfter ihre Arbeitsplätze. Viele junge Handwerker gingen deshalb auf "Walz", d.h. sie wanderten durch deutsche Lande, sprachen beim Meister um Arbeit vor, blieben einige Zeit, manchmal nur ein paar Tage, zogen dann weiter und lernten so Land und Leute kennen und sammelten neue Erfahrungen und Fertigkeiten, die ihnen später einmal im eigenen Betrieb zu Gute kamen. Übernachtungsmöglichkeiten fanden die Wandergesellen entweder beim Meister, in den Familien der Kolpingsöhne oder in den Vereinshäusern. Der Oberpleiser Gesellenverein hatte in seinem Vereinslokal Jakob Lichtenberg ein Dachzimmer bereit, wo mancher durchwandernde Geselle kostenlos nächtigen konnte. Jeder "Walzbruder", wie man die wandernden Gesellen nannte, besaß ein Wanderbuch, in dem die Übernachtung eingetragen wurde.

Aber nicht nur auf der Wanderschaft, sondern auch im Ortsverein suchten die Gesellen Weiterbildung, Schon kurz nach der Gründung bildeten sich im Oberpleiser Gesellenverein 5 Fachgruppen. Schreiner übten sich in Intarsia - Arbeiten, Schlosser und Elektriker experimentierten mit Motoren und Radios, Gärtner fachsimpelten und machten Bindearbeiten, Maler und junge Kaufleute übten sich in Plakatschrift. Erfreulicherweise hatten sich auch viele Jungbauern dem Verein angeschlossen, die sich in einer bäuerlichen Fachabteilung zusammenfanden.

Dreimal trat der Gesellenverein (später Kolpingfamilie) mit Ausstellungen an die Öffentlichkeit. Schon 1 Jahr nach der Gründung, am 28. und 29. September 1930, fand im Saale Lichtenberg die "Werkschau des jungen Handwerks" statt. 3 Jahre später, am 24. und 25. September 1933, konnte man an gleicher Stelle bewundern, "Was Kolpingsöhne schaffen". Anlässlich der Tausendjahrfeier von Oberpleis 1948 veranstalteten Handwerker und Bauern wieder eine Ausstellung: "Schaffende Hände dienen der Heimat". Die Besucher konnten sich bei dieser Gelegenheit selbst über Leistungsstand und Neuerungen im Handwerksberuf überzeugen.

Bis heute haben die Handwerksbetriebe im Oberpleiser Raum einen großen Stellenwert behalten. Sie entwickelten sich zum Teil zu beachtlichen Betrieben und geben vielen Menschen Arbeitsmöglichkeiten am Ort. Dies wirkt sich auch positiv auf Familienleben und Freizeitgestaltung aus."

(s. Josef Neuhöfer: Das Handwerk zur Gründungszeit der Kolpingfamilie Oberpleis, in: Festschrift „50 Jahre Kolpingfamilie Oberpleis 1929 – 1979“, S. 107f.)

Quelle
Josef Neuhöfer
Zur Verfügung gestellt von
Hans Hillen
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