Erntezeit in den „40ern“

Abgebildete Personen

Aufnahme: 1945

Erntezeit in den „40ern“

Hunger(!) war das häufigste gebrauchte Wort kurz nach Kriegsende und in den ersten Jahren danach. Besonders die Menschen in den Städten in ihren vielfach ausgebombten Häusern hatten außer den Lebensmitteln, die sie nach strengen Vorgaben auf ausgegebene Lebensmittelkarten kaufen konnten, wenige Möglichkeiten, abgesehen von Tauschgeschäften, sich ausreichend zu versorgen. Glücklich oder zumindest wesentlich besser dran waren da die Landbewohner, die, wenn sie  - wie zum Beispiel wir - zwei Ziegen, fünf Hühner und vier Kaninchen, einen kleinen Gemüsegarten und einen halben Morgen Land besaßen und ihr gerettetes Eigentum nennen konnten. Trotzdem waren die Lebensmittelkarten, in der Anzahl beschränkt wegen der „Selbstversorger-Situation“ unumgänglich zur Zubrot Beschaffung, zumal auch viel Selbsterzeugtes hergegeben werden musste, um die Handwerker zu bezahlen, damit das durch die in der Nähe niedergegangene Luftmine beschädigte Haus notdürftig wieder instand gesetzt werden konnte.

Den Begriff „Ernte“ möchte ich hier sehr weit gefasst betrachten, denn jede Art von Lebensmittelbeschaffung zählte damals dazu. Dazu gehörte dann auch das dem „Selbstversorger“ mögliche Schlachten eines Huhnes, eines Kaninchens oder jeweils zur Oberpleiser Kirmes das Schlachten eines jungen Ziegenlammes, was immer ein besonderes Fest war, zu dem die ganze (große) Familie zusammentraf. Ein Hochfest der ausgeprägtesten Art war dann natürlich der Herbst mit einsetzender Erntezeit für Feld-, Wald- und Wiesenfrüchte. Der Ertrag aus dem Gärtchen wurde, soweit nicht unmittelbar dem Verzehr zugeführt, eingelagert, in Gläsern „eingeweckt“ oder als Sauerkraut „Suere Kappes“ im Steintopf eingestampft und gesalzen und somit für den kommenden Winter als Vorrat verfügbar gemacht. An Waldpilze – außer Wiesenchampignons - traute sich meine übervorsichtige Mutter nie heran, aber Blaubeeren wurden gesammelt, die dann im Weidenkorb auf dem Kopf getragen und mit dem „feurigen Elias“ der Rhein-Sieg-Eisenbahn nach Siegburg zum Markt gebracht wurden, um dort verkauft zu werden. Unser kleines Stück „Land“ erbrachte eine kleine Menge Weizen, die dann nach dem Ausdreschen mit dem Fahrrad (!) zur Uthweiler Mühle gebracht wurde, damit er dort gemahlen und das Mehl dann zurückgebracht werden konnte, um es in der Truhe, der „Köss“, zur Verwendung aufzubewahren.

Die absolute Hochzeit der Ernte war dann das Kartoffeleinbringen. Hierzu gab es für uns Kinder extra Herbst-Kartoffel-Ferien und wir mussten alle auf den Feldern der größeren Bauernhöfe mithelfen. Die vom Bauern per Traktor und entsprechendem Gerät aus der Erde geschaufelten Kartoffel wurden in Weidenkörben gesammelt und auf die bereitstehende Schlagkarre (einachsiger kippbarer Wagen) geschüttet. Als „Lohn“ gab es dann Rheinischen Reibekuchen, eine Delikatesse der besonderen Art, aber nur für den, der zuvor einen Teller saure Bohnensuppe gegessen hatte. Igitt! Ich erinnere mich, dass die ersten Reibekuchen zwar sehr appetitlich aussahen, aber scheußlich schmeckten, weil die Köchin das verwendete Öl mit dem zur Bodenpflege vorgesehenen „staubfreien Öl“ verwechselt hatte. Obst wurde eingelagert oder auf der Darre getrocknet. An den Straßenrändern der den Gemeinden oder dem Land gehörenden Straßen wuchsen Birnenbäume, deren Früchte gesammelt und im gemeinschaftlichen großen Kochtopf zu Birnenkraut verarbeitet wurden. Die unangenehmste Tätigkeit der Ernte war dann zum Abschluss des Jahres das Bucheckern Sammeln im meist kalten November. Letztere wurden gegen Öl eingetauscht.

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Friedrich Müller Kartoffelernte heute - Rheinkiesel Seiten 6 und 7; Die Kartoffel
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