Aufnahme: 1924 (ca.)
Das „Ungetüm“
Oder: Faulheit ist der Antrieb des Fortschritts
Aus gelegentlichen Dokumentationen wissen wir, wie zum Teil heute noch in Teilen Afrikas und Südasiens auf für uns primitiv erscheinende Weise Getreide gedroschen wird.
Bei uns war das in der Vergangenheit natürlich alles viel besser, einfacher und schneller!
Denkste!!!
Genau so oder so ähnlich wie zuvor beschrieben wurde auch bei uns das Korn von der ihm umgebenden Hülle befreit. Die vom Schnitter mit der Sichelsense (Seech) abgeschlagenen Halme wurden zu Garben gebunden und zum Trocknen zu Häuschen (Huustere) aufgestellt und dann auf dem Dreschplatz oder in der Scheune (der Tenne) mittels Dreschflegel, das ist eine etwa zwei Meter lange Stange mit am Ende mittels Oese und Kette befestigtem Kurzholz (Schlegel), so lange geschlagen, bis das Korn aus seiner Hülle befreit war. Dann musste noch die „Spreu vom Weizen“ getrennt werden, um brauchbare, weiterverarbeitbare Kornfrüchte zu erhalten.
Später wurden dann zur Arbeitserleichterung kleine, mittels Handkurbel betriebene Dreschmaschinen erfunden, die bereits ein Gebläse hatten, um auch gleich die leichteren Kleinteile (Kaaf u.a.) wegzublasen. Diese waren natürlich nicht für landwirt-schaftliche Großbetriebe geeignet, und deshalb wurden die Dreschmaschinen größer und größer. Aber wer sollte diese Geräte antreiben? Etwa im Kreis laufende Ochsen, Esel oder Pferde? Da kam die Dampfmaschinen-Erfindung des James Watt, die 1769 zum Patent angemeldet wurde, gerade recht, und so traten Maschinen in den Dienst des Menschen. So ein auf schweren Eisenrädern installiertes Ungetüm, offiziell Lokomobil genannt, konnte sich natürlich nicht jeder Landwirt leisten, und so wurde es entweder genossenschaftlich beschafft oder von einem Großlandwirt zur Eigennutzung und - wegen der kurzen Erntesaisonzeit - zur besseren Ausnutzung auch an kleinere Landwirte vermietet.
Wenn das auf Huusteren stehende Getreide auf den Feldern genügend getrocknet war, begann die Zeit des Dreschens. Wie lief nun so etwas unter Zuhilfenahme einer Dampfmaschine ab?
Morgens in aller Herrgottsfrühe musste die Maschine hergerichtet werden. Der Kessel wurde von Schlacken befreit, es wurde Wasser in den Tank gefüllt und es wurde mit Kohle, Koks oder Holz eingeheizt. Das alleine dauerte so seine zwei Stunden, bis der Dampfdruck so weit stieg, dass die Maschine einsatzbereit war. Dann fauchte, schnaubte und spie sie Dampf- und Rußwolken aus und „scharrte mit den Hufen“ wie ein gereizter Stier. Über eine aus Lederband bestehende Transmission erfolgte der Antrieb der Dreschmaschine. Für die Durchführung der Arbeiten wurden Knechte des landwirtschaftlichen Hofes oder überwiegend Tagelöhner angeheuert und eingesetzt. Wie viele Personen zur Bedienung beider Geräte erforderlich waren, um einen optimalen Arbeitsablauf zu garantieren, ist auf dem Bild zu erkennen.
Hatte der Bauer und Eigentümer seine Arbeit erledigt, wurde entweder auf seinem Hof die Ernte anderer Landwirte verarbeitet oder aber das auf Rädern aufgebaute „Ungetüm“ wurde ggf. samt Dreschmaschine mittels Pferden oder Ochsen zum nächsten Einsatzort hingezogen.
Das Bild zeigt das Lokomobil, (s. Link unten), die Dreschmaschine und die Arbeiter auf dem Bönnschenhof, auf dem der Landwirt Theodor Raths, Thomasberg, um die Jahrhundertwende im Lohnunternehmereinsatz tätig war.
Wir wissen nicht, von wann bis wann bzw. wie viele Jahre das Gerät seine Dienste getan hat. Jedenfalls wurden erst Jahrzehnte später die schwerfälligen Dampfmaschinen durch dieselgetriebene Traktoren wie z.B. den berühmten Lanz-Bulldog und wiederum später durch Elektromotoren und in unserer Zeit durch selbstfahrende vollautomatische, nur von einer Person zu bedienende Ernte- und Dreschmaschinen abgelöst.
Leider ist das auf dem Bild gezeigte Lokomobil nicht mehr erhalten, so dass wir nicht wissen, welche Firma es wann hergestellt hat und welche Leistungen es schaffte. Es ist jedoch erfreulich, dass einige Exemplare der Gattung Dampfmaschine die Abwrackzeit für die Nachwelt überlebt haben. Sie sind in technischen Museen und landwirtschaftlichen Freilichtausstellungen zu besichtigen.
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