Aufnahme: 2019
Historisches Haus Neuglück in Königswinter-Bennerscheid
Königswinter-Bennerscheid, Neuglückstraße 37
Bennerscheid ist ein Ortsteil der Stadt Königswinter und gehört zur Gemarkung Oberpleis. Der Ort liegt drei Kilometer östlich des Ortszentrums von Oberpleis.
Bergbau, Altglück und Neuglück
Bergbauliche Aktivitäten fanden im Gebiet um Bennerscheid schon in vorrömischer Zeit statt, denn von Kelten wurde nach Bleierzen gegraben. Wissenschaftliche Grabungen in den Jahren 1995/96 in der Nähe von Haus Neuglück gelegenen Wallanlage ergaben, dass in römischer Zeit im Tagebau Bleierze gewonnen wurden. Im 12. Jahrhundert besaß die Benediktinerabtei Siegburg Berechtsame (Abbaurechte) in Bennerscheid. Diese Rechte wurden 1401 durch König Ruprecht von der Pfalz noch einmal bestätigt. Vom Anfang des 15. Jahrhunderts bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ruhte der Erzabbau weitestgehend Ab 1799 lebte der Bergbau in der Silberkaule und Johann-Petersgrube, der späteren Grube Altglück, wieder auf.
Die Bezeichnung Neuglück für die der Grube Altglück benachbarten Grube ist seit dem Jahre 1826 belegt. Die belgische Société des mines de zinc de la Vieille-Montagne besaß ab 1853 die Schürfrechte. Im Jahr 1865 arbeiteten 88 Beschäftigte unter Tage und 87 über Tage. Interessant ist die Auflistung der Tätigkeiten. Unter Tage arbeiteten ein Steiger, zwei Oberhauer, 59 Hauer, 13 Förderleute, fünf Stürzjungen (Hilfsarbeiter ab 14 Jahre), ein Schreiner, drei Zimmerleute, ein Schmied und drei Hilfskräfte. Über Tage arbeiteten ein Steiger, ein Aufseher, 21 Scheider (trennten Erz von taubem Gestein), acht Klaubemädchen (arbeiteten in der Scheidestube), 18 Walzarbeiter, 24 Wascharbeiter, zehn Stoßherdearbeiter und weitere drei Arbeiter in der Aufbereitungsanlage. 1863 wurden 2.957,10 t Zinkerze und 105.00 t Bleierze gefördert. Im Jahr 1875 endete der Erzbergbau in Bennerscheid. Überwachsene Halden und zerfallene Stollenmundlöcher sind Relikte des Bergbaus in Bennerscheid.
Das aufgelassene Bergbaugebiet steht mit der späteisenzeitlichen bis frührömischen Befestigungsanlage als Bodendenkmal LVR-ABR SU unter Denkmalschutz.
Haus Neuglück
Das ursprünglich für einen Steiger der Erzgrube am Rande von Bennerscheid erbaute Haus erwarb die reiche Kölner Kaufmannsfamilie Hölterhoff. Ab 1870 wurde das Fachwerkhaus im Stil des Historismus umgebaut.
Élinor Vicomtesse de Milhau und Haus Neuglück
Elinor Hölterhoff (*1865 in Köln), einziges Kind der vermögenden Eheleute Constantin und Maria Hölterhoff, heiratete den französichen Vicomte Gaëtan Gabriel de Milhau (*1862 in Paris). 1891 wurde dem Ehepaar das Töchterchen
Gabrielle geboren. Gaëtan Gabriel de Milhau starb 1899 in Paris. Élinor Vicomtesse de Milhau kehrte mit ihrem Töchterchen vom Hauptwohnsitz in Bernières-sur-Mer, einer französischen Gemeinde im Département Calvados in der Region Normandie, nach Deutschland zurück und bewohnte vor allem im Sommer Haus Neuglück. Elinor de Milhau regelte nach dem Tod ihres Onkels Otto Hölterhoff ab1899 die Besitzverhältnisse der Familie in Honnef. Die junge Witwe war für die damalige Zeit recht couragiert, denn sie fuhr ein kleines Auto der Marke ‘De Dion-Bouton‘. Es heißt, dass sie mit diesem Cabriolet die Strecke von Paris bis Bennerscheid zurücklegte.
Wilhelm Apollinaris Kostrowitzki und Annie Playden
Im Mai 1901 engagierte Élinor Vicomtesse de Milhau für ihr Töchterchen Gabrielle als Hauslehrer Wilhelm Apollinaris Kostrowitzki, der sich später Guillaume Apollinaire nannte, und als Gouvernante die Engländerin Annie Playden. Wilhelm Apollinaris (* 26. 08. 1880) war noch 20 Jahre und Annie (* 28. 01. 1880) gerade 21 Jahre alt. Apollinaris brachte auf der Familienfeier am Heiligen Abend 1901 in Neuglück sein für seine Schülerin Gabrielle verfasstes Gedicht ‚Les Sapins / Die Tannen‘ zum Vortrag. Gabrielle schenkte ihrem Hauslehrer ein signiertes Buch.
1902 unternahm die Vicomtesse mit ihrer Tochter Gabrielle, dem Hauslehrer Apollinaris und der Gouvernante Annie von der Villa Hölterhoff in Bad Honnef-Rommersdorf, der Villa Neu Glück in Bennerscheid und dem Gut Krayer Hof bei Andernach Reisen nach Köln, Hannover, Berlin, Dresden und München. Wilhelm Apollinaris verliebte sich in Annie Playden, die das Verhältnis nach langer Erwiederung endgültig abbrach.
Im Mittelpunkt der Dichtung des Guillaume Apollinaire steht ‚le paysage sentimental du Rhin‘ mit Anklängen an seine unglückliche Liebe zur englischen Gouvernante Annie Playden.
Haus Neuglück
Ab 1870 ließ die reiche Kölner Kaufmannsfamilie Hölterhoff das ursprünglich für einen Steiger der Erzgrube Neuglück erbaute Fachwerkhaus im Stil des Historismus umbauen. Élinor Vicomtesse de Milhau, geborene Hölterhoff, übernahm um die Jahrhundertwende das Haus und ließ es innen und außen höchst eigenwillig umbauen. So entstanden eine Hauskapelle, eine Kassettendecke mit Wappen aller französischen Provinzen und Bauelemente mit Symbolen der französichen Revolution. Élinor Vicomtesse de Milhau heiratete in zweiter Ehe und verlegte um 1912 ihren Wohnsitz nach Köln.
Von da an kam es zu mehreren Besitzwechseln und Haus Neuglück blieb Wohnhaus.
Eine neue Ära begann 1959 als Heinrich Pinnen, der vorher von 1948 eine Bäckerei im Haus Siegburger Straße 6 in Oberpleis gepachtet hatte, im historischen Waldschlösschen Neuglück ein Café-Restaurant eröffnete. Das Ausflugslokal war nicht nur in der Region beliebt, sondern viele Menschen kamen, um das Haus zu sehen, in dem der französiche Dichter Guillaume Apollinaire als Hauslehrer lebte und wo er sich in die engliche Gouvernante Annie Playden unglücklich verliebte. Nach dem Tod von Heinrich Pinnen gelangte Haus Neuglück im Herbst 1991 zum Verkauf. Nach umfassenden Umbauarbeiten wird das Anwesen privat und als Schulungscenter genutzt.
* Mit Copyright geschützte Fotos von Guillaume Apollinaire, Annie Playden, Gabrielle Milhau (Portrait photographique) und dem Auto De Dion-Bouton von 1901 finden Sie im Internet.
Haus Neuglück wurde am 14. Oktober 1985 von der Stadt Königswinter als Nummer A 38 in die Liste der geschützten Baudenkmäler eingetragen.
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