Aufnahme: 1999

Die alte Villa Meurer in Oberpleis - Architektur der „goldenen" 20er Jahre

R. Die Villa Meurer wurde 1928/29 von den Brüdern Hermann und Jean Meurer aus der Nonnenberger Mühle gebaut. Seit 1919 betrieben sie neben der Mühle einen Landhandel für Getreide, Mehl, Futter- und Düngemittel, die Gebr. Meurer OHG. Dazu gehörte eine große hölzerne Lagerhalle mit Gleisanschluß am Bahnhof Oberpleis. Mit der Währungsreform 1923 begannen die sogenannten goldenen 20er Jahre. Das Geld war wieder etwas wert, das Geschäft florierte. 1928 beauftragte man den Architekten Fritz Becker aus Siegburg mit der Planung der Villa im damals gerade modernen Art­ Deco-Stil. Sie wurde in der Nähe des Bahnhofs an der Siegburger Straße errichtet. Kurz nach dem Bau brach auch schon die Weltwirtschaftskrise herein. Es folgten Nationalsozialismus und der zweite Weltkrieg. Im Krieg blieb das Haus unversehrt, bis auf Fassadenschäden an der Westseite. Sie entstanden durch Granatbeschuß beim Vormarsch der Alliierten im März 1945.

Nach dem Krieg wurde der Landhandel der Gebr. Meurer in zweiter Generation noch bis 1953 weiter betrieben und dann aufgegeben. 1958 wurde die Villa an Maria Oehring, Handlungsagentin aus Beuel, verkauft. Sie richtete in dem Haus eine Pension ein. Dazu eignete sich das Gebäude sehr gut, denn es mußte kaum etwas geändert werden. Die Raumaufteilung blieb erhalten. Die Schlafzimmer und die Zimmer der Angestellten in den Obergeschossen waren schon beim Hausbau mit Waschbecken versehen worden. Zudem hatten die Gebrüder Meurer eine elektromagnetische  Anlage  installieren  lassen, um aus allen Zimmern in der Küche läuten zu können. Diese Anlage konnte jetzt von den Pensionsgästen für den Zimmerservice genutzt werden. Nach dem Tod von Maria Oehring kauften Beate und Werner Dahm Ende 1996 die Villa und renovierten sie zwei Jahre lang.

Auch dabei wurden Gebäude und Raumauteilung nicht verändert, dafür aber die Haustechnik auf einen aktuellen Stand gebracht' und viele schöne Details restauriert. So blieb diese Art­ Deco-Villa innen wie außen im Originalzustand erhalten. Nun sind zur Jahreswende Margret Neumann und Dr. Klaus Molitor eingezogen, die dort Wohnen und freiberufliches Arbeiten (Seminare, Beratungen) miteinander verbinden. Zum Baustil: Art Deco war in den 20er Jahren unseres Jahr­hunderts eine internationale Modeerscheinung in Design und Ar­ chitektur. Im Art Deco verschmolzen Einflüsse von Kubismus, Futurismus und vor allem von Expressionismus. Auch in der Architektur sollten die baulichen Formen den Gefühlen der Menschen entsprechen. Der Einfluß des Bauhauses ist ebenfalls spürbar. Das Gebäude unterscheidet sich vom „Omastil" der Jahrhundertwende durch moderne Elemente wie Eckfenster und an den Gebäudekörper unsymmetrisch angesetzte Kuben mit Flachdach oder Dachbalkon. Bei diesem Baustil wirkt das Gebäude mit sämtlichen Teilen als Ganzes. Bei Jahrhundertwendebauten hingegen wurde nur die Fassade als Hauptansicht herausgestellt.

Die heute altertümlich wirkende Villa war in den 20er Jahren ein absolut modernes Gebäude, das auch heutigen Wohnansprüchen noch ohne wesentliche Umbauten gerecht wird. Wie beim Art-Deco-Stil üblich wurden im Innern zweckmäßig und bequem einander zugeordnete Räume geschaffen. Es gab von vorneherein ein Bad, ein separates Gäste-WC und eine Zentral­heizung. Als Baumaterial benutzte man regionale bzw. traditionelle Baustoffe wie Ziegelsteine aus der Ziegelei in Niederpleis  für das Mauerwerk, auf dem Rhein geflößtes Holz für den Dachstuhl, aber leider auch den problematischen Basaltsplittbeton für die Kellerwände. Wenn auch mit der Renovierung der Villa Meurer ein Beispiel guter Architektur in Oberpleis erhalten worden ist, so steht sie zum Glück nicht alleine. Sie befindet sich in Gesellschaft einer  1Reihe schöner alter Häuser im Unterdorf, zum Teil in Fachwerkbauweise,  oder als Jahrhundertwendebau  mit  dekorativer Stuck- oder Ziegelsteinfassade.

Foto in der Siebengebirgs-Zeitung

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 10 vom 11. März 1999; Fotos: Werner Dahm; Bericht: R
Zur Verfügung gestellt von
Rudolf Pieper (SZ)
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