Aufnahme: 1978

Chronik des St. Konstantia-Hauses

Am 2. April 1978 vollendete das St. Konstantia-Haus in Oberpleis sein 75-jähriges Bestehen.
Ein Gedenken daran drängt sich desto stärker auf, weil niemand sich erinnert, dass weder das 25-jährige Jubiläum noch das 50-jährige aus dem Ablauf des Alltags herausgehoben wurde, noch auch das 75-jährige sich auch nur so leise wie ein Schneeglöckchen eingeläutet hat. Das soll uns aber nicht hindern, wenigstens den Anfängen des St. Konstantiahauses nachzugehen und sie in Erinnerung zu bringen.
 
Der erste Anstoß zur Gründung eines Schwesternkonvents in Oberpleis erfolgte seitens des emeritierten Pfarrers Jakob Schmitz. Er war der Bruder des im Jahre 1900 in Oberpleis verstorbenen Pfarrers Friedrich Schmitz, der auf dem Oberpleiser Friedhof in einer Reihe mit Vorgängern und Nachfolgern bestattet ist. Kurz vor seinem Hinscheiden hatten beide Brüder zusammen sich miteinander für ihre alten Tage eine Ruhestandsvilla gebaut, jetzt Dollendorfer Straße 35. Wie sie zu dem Titel „Konstantiahaus“ gekommen ist, jedenfalls noch auf Beschluss der Bauherren, läßt sich nicht mehr feststellen. Der überlebende jüngere Bruder Jakob, inzwischen 70 Jahre alt geworden, wünschte die Villa einem karitativen Orden durch Schenkung bei Lebzeiten zu übereignen, um einen Stützpunkt für ambulante Krankenpflege im Kirchspiel Oberpleis zu schaffen. Aber welchem Orden? Pfarrer Schmitz wusste, dass bereits in den Nachbarorten Geistingen und Uckerath kleine klösterliche Niederlassungen der karitativen Betreuung der Bevölkerung dienten. Es waren Franziskanerinnen aus dem Mutterhaus Olpe in Westfalen.
 
Unter dem 14. März 1902 wandte sich Pfarrer Schmitz schriftlich an die Generaloberin Mutter Maria Theresia Bonzel. Sie war die Stifterin der „Genossenschaft der „Armen Franziskanerinnen von der ewigen Anbetung zu Olpe“. Dem Ideal der Gründerin entsprechend widmete sich ein Teil ihrer Schwestern der ewigen Anbetung des Allerheiligsten Sakramentes, soweit eine sorgsame Auslese sie dafür fähig hielt; der weitaus größere Teil stellte sich für die Caritas gerade bei der weniger bemittelten Bevölkerung zur Verfügung. Noch zu Lebzeiten der Mutter M. Theresia erweiterte sich das Arbeitsfeld ihrer geistlichen Töchter in immer neuen Filialen und griff auch mit Erfolg auf Nordamerika über, als der Kulturkampf die Grenzen der Heimat enger ziehen wollte.

Am 8. Januar 1903 kam der offizielle Schenkungsvertrag zustande. Am 2. April 1903 zogen die ersten drei Schwestern Beatrix, Anselma und Theodata ins St. Konstantia-Haus ein. Ihnen folgten noch im gleichen Jahre vier Mitschwestern. Sie fanden, was bei Filialgründungen selten zutrifft, ein neues, geräumiges, für jene Zeit sogar stattliches, schuldenfreies Haus mit acht Wohnzimmern und zwei Mansarden, ganz unterkellert, mit Wasserleitung aus eigenem Brunnen, dazu einen zwei Morgen großen gepflegten Garten. Das Gartengelände hat seine Grenzen im Laufe der Zeit durch Tausch und Abgabe von Baugrund, so z. B. für den jetzigen Kindergarten, geändert, ist aber immer noch ansehnlich. Man musste aber doch in der Villa, die zuerst nur für zwei ältere Herren gedacht, jetzt aber für eine klösterliche Familie und ihr Mini-Krankenhaus bestimmt war, einige Umbauten und Zubauten durchführen.

Ein regelrechtes Krankenhaus nach städtischem Zuschnitt, wofür man doch eine viel breitere Basis an Personal und Raum und technischer Einrichtung benötigt hätte, war nicht beabsichtigt und angesichts der leistungsfähigen Spitäler in Bonn und Siegburg auch nicht dringlich. Wohl aber bestand Bedarf für eine Art Hilfsstation mit ambulanter Pflege. Insbesondere wünschte man auch ein Heim für Wöchnerinnen. Für diese Zwecke wurde schon bald rechtwinklig zur Villa neben der heutigen Bürgermeisterei das sogenannte Josefshaus aufgeführt, gleichfalls mit zwei Stockwerken in einfachstem Stil mit weiß getünchten Außenmauern. In Verlängerung dieses Bauwerks nach Süden entstand auch eine kleine landwirtschaftliche Okonomie; man brauchte einige Milchkühe für den Haushalt und besonders für die Säuglinge. Ein paar Schweine sorgten für Verwertung der Küchenabfälle. Der Garten lieferte hinreichend Kartoffeln und Gemüse; zeitweise waren 6 Schwestern in der Garten- und Viehwirtschaft beschäftigt. Die Küche befand sich im Keller, wo jetzt die Waschküche untergebracht ist.
 
Die ärztliche Obhut verantwortete mustergültig Medizinalrat Dr. Frings, der St. Konstantia gegenüber auf der anderen Straßenseite wohnte und jederzeit erreichbar war. Außer ihm stellte sich auch der praktische Arzt Dr. Janssen zur Verfügung. Das im Bombenkrieg total zerstörte Anwesen Frings wurde später von Schreinermeister Bellinghausen angekauft und von Grund auf neu gebaut. Vor allem benötigte das St. Konstantia-Haus, das ja für die Ordensfrauen auch Kloster sein musste, ein Oratorium, wo die Schwestern zum gemeinsamen Beten ihres Offiziums zusammenkommen konnten. Man wählte das bestgelegene Zimmer im oberen Stock, das räumlich heute noch vorhanden, jedoch in zwei kleinere Zimmer mit zugehörigem Flur aufgeteilt ist; das war möglich geworden, als der große Neubau nach dem zweiten Weltkrieg auch eine neue geräumigere Kapelle einbrachte.
 
Dem genannten Oratorium fehlte noch fast zwei Jahre lang das eigentliche Herzstück, nämlich ein Tabernakel. Die hl. Messe besuchten die Schwestern, soweit sie sich freimachen konnten, in der Pfarrkirche. Dort erhielten sie ihren eigenen reservierten Platz. Indessen war der tägliche Besuch der Pfarrmesse, wie die Ordensregel vorschrieb, für die Schwestern auf die Dauer sehr unbequem und wegen der häuslichen Verpflichtungen niemals für alle zugleich möglich.

Im Februar 1905 erbat und erhielt die Ordensgemeinschaft vom eb. Kölner Ordinariat die ersehnte Genehmigung zur Aufbewahrung des Allerheiligsten Sakramentes. Nur stellte Köln die üblichen Bedingungen, dass für das ewige Licht Sorge getragen, der Tabernakelschlüssel gewissenhaft aufbewahrt und — das war der Hauptpunkt — wenigstens einmal wöchentlich in der Kapelle die hl. Messe gefeiert werde; im übrigen sollten die Pfarr-Rechte gewahrt bleiben. Das Recht des Pfarrherrn bestand eben darin, dass ihm als zuständigem Seelsorger die priesterliche Obsorge auch für St. Konstantia anvertraut war. Dazu gehörte u. a. die Taufe der Neugeborenen, die geistliche Versorgung der Kranken, schließlich auch die Bestattung der Verstorbenen. Insofern machten sich diese Rechte eher als Pflichten fühlbar. Dazu gehörten auch die vom eb. Ordinariat nur für die Hausinsassen bewilligten sakramentalen Andachten an jedem ersten Monatssonntag sowie an neun Feiertagen: Weihnachten, Pfingsten, Herz-Jesu-Fest, Immaculata, St. Joseph, Antonius, Klara; Franziskus und Elisabeth.

Die wöchentliche Messfeier ist, angefangen von Pfarrer Robert Lemmen, von allen seinen Nachfolgern sehr gewissenhaft eingehalten worden. Es kam sogar vor, dass zufällig ein Fremder, besuchsweise anwesender Priester in der Kapelle zelebrieren wollte, aber der Pfarrer erschien in eigener Person, schickte den Fremden in die Pfarrkirche und übernahm selbst die Feier der hl. Messe. Freilich war die einmalige Messe in der Klosterkapelle nicht allzu schwierig, da (bis 1970) stets ein Kaplan dem Pfarrer von Oberpleis zur Seite stand. Die ausführliche Begründung des erwähnten Ansuchens der Schwestern um Genehmigung zur Aufbewahrung des Heiligsten Sakramentes in der Hauskapelle eröffnet interessante Einblicke in den Betrieb des St. Konstantia-Hauses während der ersten zwei Jahre.

Da wird angeführt:
 
1. „Unser Krankenhaus, welches nunmehr zwei Jahre besteht und in rascher Entwicklung begriffen ist, pflegt seit einem Jahr täglich zwischen 20 und 30 Kranke.“ Jedenfalls sind auch die ambulant betreuten Fälle mitgerechnet, und zwar mit Recht. Das Krankenhaus verfügte nur über maximal 10 Betten; in den größeren Zimmern konnten 3 Betten eingestellt werden.

2. „Wir beherbergen in den Sommermonaten eine große Anzahl von Rekonvaleszenten". — Es dürfte sich um erholungsuchende Mütter handeln, wie später nach dem zweiten Weltkrieg in größerem Stil betrieben wurde, als außer der ambulanten Behandlung das Mini-Krankenhaus nicht mehr existierte. Schade, dass aus den ersten zwei Jahren keine Statistiken vorliegen.
 
3. „ Wir haben eine Reihe kleiner Kinder (der Wöchnerinnen) in beständiger Pflege." — Auch hier mangeln leider feste Zahlen.

4. „Wir unterhalten einen Kurs in weiblichen Handarbeiten, der besonders in den Wintermonaten von ungefähr 20 hiesigen erwachsenen Mädchen besucht wird.“
 
5. „Der Weg zur Pfarrkirche ist ungefähr 10 Minuten weit und besonders im Winter schmutzig.
Die alten schwächlichen Personen und die Kranken entbehren bis jetzt fast vollständig des Gottesdienstes. Wir sieben Schwestern verlieren bei dem öfteren Besuch der Pfarrkirche viel Zeit." Der beklagte Mangel an Gottesdienst für Ältere und Schwächliche rührt sicher daher, dass gerade am Sonntag niemals in der Hauskapelle, sondern nur in der Pfarrkirche Gottesdienst gehalten wurde; das war nicht anders möglich wegen der großen Zahl der zur ausgedehnten Pfarre gehörenden Gläubigen, die Pfarrer Schmitz mit 4000 angibt. Außer den kleineren Filialen gehörten damals noch die schon ansehnlichen Ortschaften Thomasberg und Eudenbach zur Pfarrei Oberpleis.
 
6. „Außerdem liegt die erste Messe am Sonntagmorgen, weil viele Gläubige weite Wege machen müssen, schon so spät, dass die Schwestern an der Teilnahme auch schon der ersten Messe durch die Arbeiten in der Krankenpflege und im Haushalt sehr behindert sind."
 
7. Zuletzt betonen die Schwestern, was ihnen offenbar sehr am Herzen liegt: „Die Gegenwart des Allerheiligsten Sakramentes würde uns mit heiliger Freude erfüllen und uns in unserer Andacht fördern, und mancher Kranke könnte sich umso mehr Trost und Hilfe erflehen. "

Auf diese triftigen Gründe hin konnte das Ordinariat die erbetene Gunst, die ohnedies längst fällig war, unmöglich abschlagen; wohl aber wurde sie zunächst nur auf ein halbes Jahr zugestanden, dann auf weitere 5 Jahre bis 1910 und schließlich ohne zeitliche Begrenzung verlängert. Damit hatten die Schwestern von St. Konstantia, die ihrem vollen Ordenstitel nach sich „Arme Franziskanerinnen von der Ewigen Anbetung" nannten, alles erreicht, was vorläufig möglich war. Mit dem Herzen konnten sie vor dem Tabernakel weilen und mit ihren Händen den vielfältigen Arbeiten der Caritas dienen. Die heutigen Schwestern des St. Konstantiahauses wünschen nicht, dass die übergangenen Jubiläen von 25 und 50 Jahren durch das 75-jährige ausgeglichen werden. Doch müssen sie Sich wenigstens die kurze Rückschau auf die Anfänge gefallen lassen.
 
Das Haus ist eine der letzten der von der ehrwürdigen Stifterin Mutter Maria Theresia zwei Jahre vor ihrem Hinscheiden angenommenen Filialen. Daher sollten hier gerade diese zwei Jahre des Anfangs ein wenig ins Licht gestellt werden. Es geschieht mit Dank vor Gott, dem Geber alles Guten, und in respektvollem Gedenken an die Gründerin des Mutterhauses in Olpe. Einschließen in dieses Gedenken dürfen wir auch die bis jetzt 35 Schwestern von St. Konstantia, die nach einem erfüllten Leben auf dem Friedhof von Oberpleis in vier zusammengefassten Grabparzellen ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

P. Johann Kraus SVD

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 21 vom 26.05.1978; Fotograf unbekannt
Zur Verfügung gestellt von
Heimatverein Siebengebirge e.V. Königswinter; Foto: Fritz Karl Birkhäuser
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