Aufnahme: 2020
Kriegserinnerungen, Berghausen
Wir beide, der Krieg und ich, wurden im Frühjahr 1939 aus der Taufe gehoben. Während der Krieg niemals Verstand aufbringt, wuchs meiner von Tag zu Tag und Mitte des Jahres 1944 setzte dann auch meine kindliche Erinnerung ein.
Es begann damit, dass mein Vater im Juli 1944 einen Fronturlaub erhielt und ich ihn erstmals bewusst kennenlernte. Wegen möglicher Fliegerangriffe kam der von Siegburg kommende Zug erst spät in der Nacht in Oberpleis an. Vater trug mich auf den Schultern, auf denen ich selig einschlief, nach Hause. Es war eine schöne Zeit mit ihm, auch wenn ich während seiner Anwesenheit aus meinem „angestammten“ Bett neben Mama ins Kinderbett verlegt wurde.
Monate später, Vater war längs wieder in der Front, rückte dann der Krieg näher.
Als Erstes erinnere ich mich an ein brennendes und qualmendes Flugzeug, das über Quirrenbach, also im Süden, auftauchte und in geringer Höhe unseren Ort überflog, um dann hinter dem Sandscheider Wald in Frohnhardt abzustürzen. Natürlich mussten wir mit den älteren Geschwistern dorthin, um mit eigenen Augen das ausgebrannte Wrack und den noch darin sitzenden, verkohlten Piloten zu sehen.
Die männliche Jugend grub im Wald in einem Hang (Elshohn) einen Bunkerraum, in dem mehre Familien Platz gehabt hätten, der jedoch nie benutzt wurde.
Dann fielen ein paar Bomben, meist im freien Feld, die zwar größere Krater rissen, aber außer durch Druckwellen geplatzten Fensterscheiben keinen nennenswerten Schaden anrichteten, außer eine, die mitten im Dorf das Fachwerkhaus der Familie Scheer traf und die ganze Familie mit einem Schlag gänzlich auslöschte.
Dann traf es auch uns, als am heiligen Abend beim Warten auf das Christkind zwei Soldaten eintraten und uns mitteilten, dass unser Vater in Lettland gefallen sei.
Ich erinnere mich, die weinenden und aufgelösten Familienangehörigen getröstet zu haben mit den Worten, dass auch ich schon mal gefallen sei und die mir dabei zugezogenen Schrammen schnell wieder verheilt wären. Wie sollte ich auch bei meiner Vorfreude auf das Christkind und die Geschenke verstehen, warum Mama und meine größeren Geschwister schlurzten und weinten?
Dann im Frühjahr wurde in Hektik ein schweres Geschütz an den Waldrand „im Wehrwinkel“ aufgestellt und ein Lastwagen brachte große Mengen von in Kisten verpackter Munition, die wir Kinder halfen, zum Geschütz zu tragen.
Dieses würde, so die Großen, mit Hilfe eines auf dem Oelberg stationierten Richtschützen die auf der linken Rheinseite anrückenden amerikanischen Panzer abschießen, was auch in vielen Fällen gelungen sei.
Zum Schutze vor Tieffliegern wurde zusätzlich auf der anderen Straßenseite eine Vierlingsflak installiert. Da jedoch unser Dorf kein vorrangiges Krieggebiet war, kann ich mich nicht erinnern, daß dieses Geschütz jemals „gebellt“ hat.
Kurze Zeit später zogen die Geschütze, so unwillkommen, wie sie aufgebaut wurden, auch wieder ab in Richtung Westerwald. Es blieben jedoch etliche mit leichten Waffen ausgestattete Soldaten. Als die Amerikaner im Siebengebirge vorrückten, und über Quirrenbach und von Oberpleis kommend auch unser Dorf einzunehmen drohten, fällte unser „Volkssturm“ in der Pützgasse etliche große Eichen und errichtete somit Barrikaden, um damit Panzer aufzuhalten. Diese jedoch umfuhren die Hindernisse problemlos, wobei nur einer fast senkrecht stehend an einem kleinen Hang (auf dem Üelich) steckenblieb. Vermutlich waren seine Auspuffrohre durch Schlamm verstopft und damit dem Motor die Luft ausgegangen.
Uns wurde befohlen, die Zeit, in der Kampfhandlungen zu erwarten waren, im Keller zu verbringen. Ich erinnere mich an einen Soldaten, der mit seinem Gewehr am Wicharz Schuppen Wache schob und kurze Zeit später verwundet in unseren Keller gebracht wurde. Seine Schmerzensschreie und Rufe nach seiner Mama klingen heute noch in meinen Ohren. Sanitäter holten ihn dann ab, vermutlich um ihn draußen sterben zu lassen, denn das ihn getroffene Geschoß war an der Bauchseite wieder ausgetreten und hatte seine Därme zerfetzt.
Einen Tag später zogen die Deutschen Soldaten ab und wir konnten wieder an die Luft, wo wir die amerikanischen Panzer anrücken hörten. Dann sahen wir sie in einem weißen Fahnenmeer durch den Ort fahren und zum ersten Mal sahen wir schwarzhäutige Menschen, die ganz und gar nicht der bösartigen Sorte zuzuordnen waren, als die sie uns geschildert worden waren. Sie verteilten Schokolade und Büchsen mit Corned Beef, womit wir anfangs gar nichts anzufangen wussten, weil wir das nicht kannten und auch waren wir von der Propaganda verängstigt, dass man uns vergiften würde. Zwei belgische Soldaten schließlich bedrohten meine Schwester mit ihren Gewehren, weil diese sich hartnäckig gegen die Requirierung, die Plünderung und den Diebstahl unserer beiden letzten Hühner wehren wollte.
Wir Kinder sammelten Kippen oder erbettelten Zigaretten, die die Erwachsenen dankbar als Tauschmittel annahmen.
Dann jedoch kehrte Frieden ein, auch wenn wegen gelegentlicher Plündererbanden ein Nachbarschaftshilfsdienst eingerichtet wurde, der im Falle des Falles mittels Schlagen aufgehängter Messingkartuschen Alarm geben sollte.
An der Stelle, wo das große Geschütz gestanden hatte, fanden wir Behälter mit Stangenpulver, das man wunderschön dafür verwenden konnte, langsam abbrennen zu lassen. Es wurde beim Kühe hüten wie Weihnachtskerzen im Rund in die Erde gesteckt und wir mittendrin erfreuten uns an seinem Licht.
Als wir Kinder dann ein Jahr später eingeschult wurden, fand sich hier und da noch nicht explodierte Munition, so u.a. zwei Flügelgranaten, die im Igelsbach in Sandscheid im Wasser lagen. Hierauf haben wir gezielt mit Steinen geworfen.
Gott sei Dank sind sie nicht explodiert.
Jahre später erinnerte ich mit hieran, habe die Dinger, gutmütig aber leichtsinnig wie ich war, freigelegt, an einen sicheren Ort verbracht und die Polizei verständigt, woraufhin ein Räumkommando die Entschärfung vornahm.
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