Aufnahme: 2018
Gewitter über Bergkausen
Wie wir in den 1940-er Jahren ein Gewitter erlebten. Eine Jungenderinnerung von Paul Winterscheidt.
Ein Gewitter kündigt sich immer vorher an. Mal ist es die Luft, die sich allmählich von schön-warm nach schwül verändert, dann wieder sind es schwarze Wolken, die sich am Horizont gewaltig rollend auftürmen und einem Kind wie mir angst machte und bange werden ließ. Oder es ist ein Wetterleuchten zu sehen. Das sind Aufhellungen weit weg am Himmel, ohne dass man es bereits donnern hört. Aber auch die Knochen von Opa und Oma ließen - wie sie uns Kindern berichteten – ganz differenziert, je nachdem wie sich die Schmerzen äußerten, erkennen, ob und dass es ein Gewitter geben würde.
Kurz vorher wurden plötzlich die Vögel ganz still und zwitscherten nicht mehr; vermutlich verkrochen sie sich in eine geschützte Ecke. Die Schwalben, die uns zuvor in größerer Anzahl mit ihren Haken schlagenden Flugbewegungen hoch am Himmel erfreuten, wechselten dann zu akrobatischen Tiefflügen knapp über der Vegetation, wo sich die Mücken und sonstigen Insekten vor den erwarteten Regengüssen in Sicherheit wähnten. War so ein Gewitter zu erwarten, waren eine ganze Reihe von Vorbereitungen zu treffen: Zuerst wurde mal geschaut, woher das Gewitter kommt und wohin es vermutlich ziehen würde. Meistens kam es aus westlichen Richtungen und zog östlich. Dann war es vom hoch gelegenen Berghausen aus mit Blick Richtung Oberpleis und Kölner Raum frühzeitig auszumachen und dann gab es drei Möglichkeiten:
Entweder wir hatten Glück, dann zog es rechts „die Sieg aufwärts“, der dortigen Hochspannung folgend, oder es bog links hinter dem Siebengebirge ab den Rhein hinauf, oder drittens, es kam direkt auf uns zu.
Im letzteren Fall wurden als Erstes die Ziege und das Schaf, die an einer langen, dünnen Eisenkette auf der Wiese festgemacht waren, hereingeholt und im Stall von ihren Fesseln befreit und – soweit nötig – mit einem Strick (ohne Eisenteile) angebunden, damit sie nicht vom Blitz getroffen würden, wenn dieser in die Wände des Stalles einschlagen sollte. Dann achtete Opa darauf, ob es ein nasses oder ein trockenes Gewitter werden würde. Die trockenen, das sind die, bei denen es nicht regnet, stufte er als besonders gefährlich ein, denn die löschen sich bei einem eventuell ausbreitenden Feuer nicht von selbst. Ein paar Eimer Wasser mit aus Kriegszeiten übrig gebliebener Handpumpe waren in jedem Fall gefüllt und bereitgestellt, um auf alle Fälle vorbereitet zu sein.
Dann nach einem letzten Blick auf die erwartete Gefahr verkroch man sich ins Haus. Selbst der Hofhund wurde von seiner Kette befreit und durfte dann ins Haus. Im Haus versammelte sich die ganze Familie in der Küche um den Herd. Es wurden Kerzen und Streichhölzer parat gelegt und, wenn man hatte, eine Petroleumlampe. Die Sicherungen wurden herausgedreht, damit das ganze Haus stromlos war und somit die Wirkung eines Einschlages gemildert würde. Und das alles, obwohl man damals noch kein Fernsehgerät, keinen Elektroherd, keine Spülmaschine, keine Waschmaschine und schon gar keinen Trockner, besaß, von einem Computer ganz zu schweigen.
Dann, wenn das Gewitter näher kam und der Donner lauter wurde, scharten wir uns alle im Dunkeln um den Herd. Das Ofentürchen wurde aufgemacht, und das flackernde Feuer erhellte spärlichst das Zimmer. Es war verboten, etwas zu Essen, etwas zu Trinken oder auch nur auf das Plumpsklo zu gehen. Oma holte den Rosenkranz hervor und alle beteten, dass der Herrgott es einrichten möge, dass wir und unser Haus verschont würden. Dazu wurden noch einige Zweiglein des im Sommer gesammelten "Krockwösch" in den Herd gelegt, und zwar im Rauchabzug zwischen dem Feuer und dem obligatorischen „Wasserschiff“, damit der Rauch durch den Kamin aufstieg und unserem Herrgott ein Zeichen sei, dass hier fromme Menschen zusammensitzen, die darauf vertrauen, verschont zu werden.
Und dann ging das Geknalle los, dass man sich die Ohren zuhalten musste, so laut war das, wenn dann ein Blitz mit einem Donnerschlag in der Nähe einschlug. Wir hatten ja noch nicht, wie heute üblich, schalldämmende Doppel- oder gar Dreifachglasscheiben. Schlimm war es auch, wenn das Gewitter bei seinem Zug von West nach Ost am „Braunen Stuhl“, so nannte man die höchste Erhebung am Willmerother Berg, hängen blieb, umdrehte und wieder zurückkam und das ganze Spiel wieder von vorne losging.
Besondere Angst hatte man vor dem Kugelblitz, den es zwar gar nicht gibt, der aber besonders im Siebengebirge immer wieder gesehen worden sein soll. Dann wurden die Fenster in den Zimmern, in denen sich kein Mensch aufhielt, geöffnet und auf Durchzug gestellt, damit der Blitz ungehindert an einer Stelle hinein und an anderer Stelle wieder austreten konnte und somit keinen Schaden anrichtete.
Aber wir sind immer verschont geblieben.
Ob das nun unsere „Bravheit“ war, ich weiß es nicht, aber ich bin dankbar, dass der Blitz bei uns nie eingeschlagen hat.
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