Stolpersteine zur Erinnerung an die jüdische Familie Cohn

Abgebildete Personen

Aufnahme: 2008

Stolpersteine zur Erinnerung an die jüdische Familie Cohn

Die Cohns

Die Rede ist immer von Millionen von Juden, die dem Antisemitismus im 3. Reich zum Opfer fielen. Zahlen – nichts weiter. Wir wollen dem Ausmaß dieses begangenen Verbrechens ein Gesicht geben, indem wir Ihnen vom Schicksal einer jüdischen Familie aus unserer Region berichten: der Familie Cohn.

David Cohn, der 1888 in Oberpleis geboren wurde, und seine zwei Jahre jüngere Frau Sophia, die aus Lich stammte, hatten 9 Kinder. Rosa und Toni wurden 1914 und 1915 in Lich geboren, während ihr Vater für sein Vaterland im 1. Weltkrieg kämpfte.

Nach dessen Rückkehr zog die Familie Cohn nach Sassenberg. Dort wurden Hugo (1919), Alfred (1925), Egon (1926), Benno Balduin (1928) und Aloys Leo (1929) geboren. 1930 zog die Familie Cohn dann nach Quirrenbach, wo sie von der Gemeinde ein Haus zur Verfügung gestellt bekam, welches allerdings nicht ihr Eigentum war.

Meine Oma berichtete mir, dass es sich um ein kleines Haus mit Schrägdach handelte. Es war durch einen Fußweg von dieser Straße, die früher „auf den Plätzen“ hieß, erreichbar. Zum Haus der Cohns gehörten ein paar Nebengebäude, wo Schafe und Ziegen gehalten wurden, sowie ein Garten und ein Brunnen. 1931 und 1933 wurden in diesem Haus Paul Max und die jüngste Tochter Frieda geboren. Die Familie Cohn war nach Aussagen von ehemaligen Nachbarn zurückhaltend und politisch unauffällig.

Es gab nie Anlass zu Beschwerden der Behörden. Ebenfalls wurde uns berichtet, dass die Cohns arm waren. Sie übten ihre jüdische Religion gemäßigt aus und wurden trotz des aufkommenden Antisemitismus von ihren Mitbürgen toleriert und akzeptiert.

Auch in der Schule, der Volkschule Eudenbach, wurden Alfred, Egon und Benno Balduin von den Mitschülern wie ganz „normale“ Kinder behandelt. Allerdings wurden die drei Söhne der Cohns 1935 für zwei Wochen dem Unterricht entzogen. Aus einer Schrift des Bürgermeisters von Oberpleis geht hervor, dass es „im Sinne nationalsozialistischer Jugenderziehung“ wünschenswert sei, „dass arische Kinder unterrichtet werden, ohne dass der Unterricht durch die Anwesenheit jüdischer Kinder beeinträchtigt wird.“

Gegen dieses Schreiben ging der Landrat des Siegkreises vor, der darauf hinwies, dass die Kinder der Familie Cohn nicht an der Erfüllung der Schulpflicht gehindert werden dürften, falls es nicht möglich sei, alternativ zur Volkschule Eudenbach die jüdische Privatschule in Siegburg zu besuchen.

Am 9. November 1938 wurden in der Reichspogromnacht viele Synagogen niedergebrannt – auch die Synagoge in Oberdollendorf. Die Cohns gehörten jedoch schon seit 1928 zur Synagogengemeinschaft Hennef/Geistingen. Trotzdem waren sie vom Reichspogrom betroffen, da alle männlichen Juden vom 18. bis 50. Lebensjahr in der Nacht vom 9. auf den 10. November auf den Befehl der Geheimen Staatspolizei Berlin hin festgenommen wurden.

David Cohn und sein ältester Sohn Hugo, der zu diesem Zeitpunkt erst 19 Jahre alt war, wurden an die Staatspolizeistelle Köln überführt und sollten von dort weiter in ein Konzentrationslager abgeschoben werden. Allerdings besaß dieses nicht die Kapazität, um die insgesamt 35.000 festgenommenen Juden unterzubringen. Da sich Hugo dazu bereit erklärte, auszuwandern, wurde er am 19.06.1939 aus der Haft entlassen. Das Freilassungsdatum seines Vaters David ist unbekannt.

Neben den Festnahmen fand auch die Ausweisung aller jüdischen Schüler aus den allgemeinen Schulen statt. Was es bedeutet, nicht mehr in die Schule gehen zu dürfen, können wir uns nicht vorstellen. Für die Kinder der Cohns bedeutete das eine Isolierung von den anderen Kindern. Frieda besuchte in ihrem kurzen Leben nie die Schule.

Alfred hatte durch die fehlende schulische Ausbildung keine Lehrstelle bekommen. Allerdings wurde er bei den Eltern seines besten Freundes Karl-Hermann Uhlenbroch gegen Kosten, Kleidung und ein geringes Entgelt beschäftigt. Seinem Vater David, der den von ihm erlernten Beruf des Metzgers nicht ausüben durfte und der deswegen bis dato mit Lumpen, Altmetall und Porzellan gehandelt hatte, wurde der Gewerbeschein entzogen, sodass er auch dieser Tätigkeit nicht mehr nachgehen durfte. Er wurde im Steinbruch Hühnerberg zwangsverpflichtet.

Dort wurde er mit niedrigsten Arbeiten beauftragt und schikaniert. Er durfte nicht mit den anderen Arbeitern im Aufenthaltsraum essen, da ihm der Zugang verboten war, sondern musste bei jeder Witterung draußen essen. Da die Familie Cohn auf Grund der schlechten Arbeitssituation Davids unvermögend war, konnte sich dieser kein festes Schuhwerk leisten, was seine Arbeitsbedingungen noch mehr verschlechterte.

Hugo, der versprochen hatte auszuwandern, tat dies 1939 kurz vor Kriegsbeginn mit einem der letzten Auswandererschiffe. Er wanderte nach England aus. Dorthin war bereit 1938 seine Schwester Toni ausgewandert. Die Älteste der Cohnkinder, Rosa, wanderte im selben Jahr in die USA aus. Beide Schwestern lebten ab 1956 in Chicago. Rosa unter dem Namen Rosa Berney und Toni unter dem Namen Toni Tabaczewski.

Aber nicht nur das Leben der Familie Cohn wurde schwerer. Ab 1939 litten die Juden in der Region unter den Einschränkungen ihrer persönlichen Bewegungsfreiheit und unter der Zuweisung von bestimmten Lebensmitteln. Die Familie Cohn war allerdings von letzterem nicht betroffen, da sie sich durch ihre Ziegen und Schafe, den Garten und den eigenen Brunnen weitgehend selbst versorgen konnten. Außerdem hatten sie die Möglichkeit, in einem Lebensmittelladen in Quirrenbach alles Notwendige zu kaufen, da sie dort als Menschen akzeptiert wurden.

1940 wurde das Ausgehverbot zu bestimmten Zeiten festgelegt. Von April bis September war es den Juden nicht erlaubt, von 21 bis 5 Uhr das Haus zu verlassen, von Oktober bis März galt dieses Ausgehverbot von 20 bis 6 Uhr. 1941 wurde das Ausgehverbot noch verschärft. Nun war es nicht mehr erlaubt, die Wohngemeinde zu verlassen. Des Weiteren wurde auch die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel eingeschränkt.

Zeitgleich fand wie überall in Deutschland die Zusammenlegung der Juden statt. Darunter ist zu verstehen, dass alle von Juden bewohnten arischen Häuser geräumt werden mussten. Auch die Familie Cohn sollte ihr Haus verlassen und nach Flamersheim oder Euskirchen ziehen. Allerdings wurde diese Anordnung nie vollzogen.

Aus einer Verfügung des Landrats des Siegkreises wissen wir, dass im Amtsbezirk Oberpleis keine jüdischen Häuser vorhanden waren und dass das Haus der Cohns so klein und in einem so schlechten Zustand war, dass es für Arier erst nach einer Wiederinstandsetzung bewohnbar gewesen wäre. Deshalb durfte die Familie Cohn in Quirrenbach wohnen bleiben.

Ab März 1942 mussten die Cohns einen Judenstern aus Papier an ihrem Haus anbringen. Auch zum Tragen eines schwarzen Judensterns auf gelben Grund wurden sie gezwungen. Von fortan mussten sie zur Kennzeichnung den Beinamen „Israel“ bzw. „Sara“ tragen.

Bereits am 20.1.1942 war bei der Wannseekonferenz die Endlösung der Judenfrage diskutiert worden. Diese bestand in der Deportierung in Konzentrationslager wie Theresienstadt, Auschwitz oder Minsk, auf die die Ermordung der Juden folgte.

Meine Oma konnte sich noch daran erinnern, wie die Familie Cohn damals abgeholt wurde. Sie standen an der Straße, dick eingepackt in all ihre Kleidung, mit Lebensmitteln für die Tage des Transports – und, besonders makaber, mit 50 Reichsmark, mit denen sie den Transport bezahlen mussten.

Aus unseren Nachforschungen wissen wir, dass mit dem Transport der Cohns eigentlich ein ortsansässiges NSDAP - Parteimitglied beauftragt worden war. Dieses weigerte sich allerdings, den Befehl auszuführen. Deshalb wurde ein Parteimitglied aus dem Nachbardorf Berghausen mit dem Abtransport beauftragt. Die Cohns und auch die Dorfbewohner ließ man in dem Glauben, sie würden in ein Arbeiterlager gebracht. Alfred wusste wohl von seinem Schicksal, als er seinem besten Freund beim Abschied mitteilte: „Ich komme nicht wieder.“

Der Abtransport erfolgte über die Rheinsiegbahn nach Köln-Deutz und von dort aus weiter nach Minsk in das Konzentrationslager Trostinec. Dort wurde die Familie Cohn am 24.07.1942 ermordet.

Zu diesem Zeitpunkt waren die Kinder der Cohns in unserem Alter und noch jünger:
Alfred: 17
Egon: 15
Benno Balduin: 13
Aloys Leo: 12
Paul Max: 11
Frieda: 9

Das Schicksal der Familie Cohn zeigt, dass es auch im 3. Reich Menschen gab, die sich wie die Familie Uhlenbroch, der Landrat, der Geschäftsführer des Lebensmittelladens oder das NSDAP- Parteimitglied, welches den Abtransport nicht durchführen wollte, über den Antisemitismus und die darin inbegriffene Abwertung der Juden hinwegsetzten.

Dies sind Menschen, die in einer menschrechtsfeindlichen Zeit Mut und Zivilcourage bewiesen haben.

Das Haus der Cohns steht heute nicht mehr. Nachdem die Cohns ermordet worden waren, zog die Familie Baum in das Haus. Im Zuge der Flurbereinigung wurde das ehemalige Haus der Cohns abgerissen. Das Grundstück wurde zu Weidefläche. Bis heute erinnerte hier nichts an die Existenz der Cohns, außer den Erinnerungen derer, die zur Zeit der Cohns hier lebten.

Ab heute werden die Stolpersteine an das Schicksal der Familie Cohn erinnern.

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