Aufnahme: 1998
Pastor Willi Müller: Berghausener sind etwas Besonderes!
Die „Republik Berghausen" feiert den 150. Jahrestag des legendären Marsches nach Stieldorf und später nach Siegburg. (Davon unten mehr!) Aber es gibt auch ein viel älteres Zeugnis für das Besondere an Berghausen.
Zu den Gründungsgütern der Abtei Siegburg (Urkunde um 1065) gehörten Oberpleis und „Berengershuson". Daraus ergibt sich, daß Berghausen zu dieser Zeit schon besiedelt war. Aber warum wird es eigens genannt? Offenbar gehörte es nicht zu den vom Oberpleiser Fronhof abhängigen Siedlungen (z. B. Boseroth, Bellinghausen, Weiler, Wahlfeld). Dann darf man annehmen, daß Berghausen von freien Bauern begründet worden war, und nicht, wie vermutlich die anderen Siedlungsplätze von Leibeigenen des Herrn von Oberpleis. Nur so läßt sich die besondere Erwähnung von Berghausen verstehen.
Nun aber zu den Ereignissen von 1848.
Der äußere Anlaß der Berghausener „Revolution" war eigentlich ganz geringfügig: Preußen hatte das neu erworbene Rheinland in Bürgermeistereien eingeteilt; zur Bürgermeisterei Oberpleis gehörten die Gemeinden Oberpleis und Stieldorf. Der Bürgermeister wurde übrigens nicht gewählt, er war königlicher Beamter. Im Jahre 1840 mußte der Bürgermeister Franz Gottfried Fröhlich wegen einiger Mißhelligkeiten sein Amt niederlegen, sein Nachfolger, der Gutsbesitzer Peter Heuser aus Stieldorf richtete wie sein Vorgänger die Amtsstube in seinem Hause ein. Wie hätte er auch sonst private Tätigkeit und Amtsgeschäfte miteinander verbinden können?
Aber er hatte wohl nicht bedacht, daß nun für viele Bürger ein Besuch im Amt zu e'einer mehrstündigen Reise geworden war. Also war in Oberpleis der Ärger groß, und die Berghausener waren besonders betroffen. Bei ihrem Marsch ging es also vordergründig darum, daß Heuser die Amtsräume wieder nach Oberpleis zurückverlegen solle. Heute würde man sagen: die lautstarke, aber doch wohl harmlose Demo einer Bürgerinitiative.
Aber es war das Revolutionsjahr 1848, mancherorts in Deutschland hatte es erbitterte und blutige Kämpfe gegeben. Die Menschen erinnerten sich an die Ideale der französischen Revolution von 1789, an Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, sie wollten den Obrigkeitsstaat nicht länger ertragen und forderten ihre demokratischen Grundrechte ein.
Dieses Aufbegehren war offenbar bis in die Dörfer vorgedrungen und stand wohl auch hinter der Berghausener Aktion. Wahrscheinlich ging es doch um mehr als die Behebung einer kommunalen Mißhelligkeit. Es heißt, es seien in Stieldorf auch noch andere Forderungen erhoben worden. Wir kennen ihren Inhalt nicht, die Zeitgenossen hatten ja auch gute Gründe, die Sache herunterzuspielen.
Jedenfalls setzten die Berghausener, nachdem sie beim Bürgermeister vorerst erfolglos geblieben waren, ihren Marsch fort zum Landrat in Siegburg. Der ließ sie kurzerhand ins Gefängnis sperren. Das läßt vermuten, daß dieser den revolutionären Hintergrund des Protestes erkannte oder zumindest ahnte und die Sache im Keim er sticken wollte. Am nächsten Tag gingen dann auch alle friedlich nach Hause.
Und die „Republik Berghausen"?
Es ist eigentlich nicht vorstellbar, daß die Berghausener damals so weltfremd waren, ernsthaft eine Republik auszurufen. Eher kann man sich denken, daß dieser Ausdruck eine halb anerkennende, halb ironische Deutung der Aktion war. Aber gleichwohl; damals haben Menschen der Obrigkeit die Stirn geboten und sind mutig für ihre Rechte eingetreten. Und darum ist es sicher richtig, dieses Wort lebendig zu halten und auch im Jahr 1998 die Republik Berghausen zu feiern.
Pastor Willi Müller
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