Die Quirrenbacher Mühle

Aufnahme: 1978

Die Quirrenbacher Mühle

Quirrenbach - Die Geschichte eines Dorfes

von Peter Anders

4. Teil

Am 28. Juni 1891 wurde von Köln aus eine übliche Visitation des Rektorats Eudenbach vorgenommen. Hierbei wurde festgestellt, daß die Kapelle in Quirrenbach in „einem leidlichen Zustande sich befinde". Was taten die Quirrenbacher? Sie hatten Mut und Opfergeist genug, einen Neubau der Kapelle zu beschließen. Sie gründeten nach ihrer Väter Vorbild einen neuen Bauverein. Jede Familie der Kapellengemeinde, zu der auch die umliegenden Ortschaften gehörten, gab monatlich aus freien Stücken je Vermögen und Können einen Obolus für einen Neubau, der dann auch im Jahre 1894 in Angriff genommen wurde. Es war Aufgabe der Junggesellen der Kapellengemeinde, den alten Bau abzureißen, um den Handwerkern für einen neuen Bau, diesmal aus Stein, Platz zu machen. Wie in den früheren Jahren beim Bau der ersten Kapelle leisteten die Bewohner unentgeltlich Hand- und Spanndienste. Wer Waldungen besaß und über einen Eichen-, Fichten- oder Tannenbestand verfügte, schenkte zu Gottes Ehre das notwendige Holz. Ein Limbach aus Rostingen war in der Lage, als Geschenk Steine für das Fundament beizusteuern. Sand wurde in Sassenberg geholt, Kalk beschaffte man aus Niederdollendorf.

Diese neue Kapelle hat 60 Sitzplätze für Erwachsene, eine Laienraumfläche von 80 qm, eine Grundfläche von 100 qm, und das ganze Kapellenareal beträgt 3,5 Ar. Die Kapelle hat eine Empore, wo sich die Schränke für die Paramente, die Meßbücher und das Harmonium befinden. Hier wird auch das Glöcklein bedient, das übrigens bis in die jüngste Zeit jedem Verstorbenen des Ortes das letzte Geleit gab. Für eine Sakristei war kein Raum, so daß der Priester vor dem Altar seine Gewänder anlegen mußte. Der Hauptaltar, ein mächtiger Kreuzaltar aus der alten Kapelle, also aus dem 18. Jahrhundert, sowie die beiden Seitenaltäre wurden in die neue Kapelle übernommen. Hier behaupteten die Väter der Kapelle ihren Willen gegen die Auffassung ihres Rektors von der inzwischen entstandenen Mutterkirche in Eudenbach. Dieses Durchsetzungsvermögen hat die jetzige Generation leider vermissen lassen. Der scheinbar nicht mehr zeitgemäße Altaraufbau wurde geändert, und damit büßte die schöne Kapelle einen Teil ihrer Altertümlichkeit ein. Schade!

Inzwischen mußte der Verputz der Kapelle abermals erneuert werden, weil der alte Kalk den Witterungseinflüssen mit der Zeit nicht standhielt. Auch das Glockentürmchen wurde durch ein neues ersetzt. Die Glocke selbst behauptete sich trotz aller Wirren der Zeit.

So hatte Quirrenbach schon viele Jahre vor Eudenbach ein eigenes Gotteshaus. Diese Tatsache wirkt sich noch heute aus. Die Kirche in Eudenbach ist Mariae Himmelfahrt geweiht, hat mithin am 15. August ihr Patronatsfest, müßte also auch an diesem Tage Kirmes (Kirchweih, Jahrmarkt) feiern. Das ist nicht der Fall. Die Kapelle in Quirrenbach steht, wie bereits erwähnt, unter dem Patronat „Exaltio Sanctae Crucis", Kreuzerhöhung. Nach dem Ursprung der Kapelle aus der Aufrichtung eines Missionskreuzes bot sich dieses Patronat geradezu an. Das Fest Kreuzerhöhung wird am 14. September gefeiert. Es ist ein sehr altes Fest, das bereits im vierten Jahrhundert in Jerusalem begangen wurde zum Gedächtnis der feierlichen Aufstellung des Kreuzes in der Auferstehungskirche Konstantin. Dieses Fest hat sich dann über den ganzen Osten und seit Ende des 7. Jahrhunderts auch im Westen ausgebreitet. In Quirrenbach hat sich der 14. September als einmal eingebürgerte Kirchweih erhalten, auch dann, als Eudenbach der Mittelpunkt des religiösen Lebens dieses Kirchspiels geworden war und seine eigene Kirche und ein Pfarramt hatte. Und so feiert die ganze Pfarrgemeinde Eudenbach noch heute mit der Kapellengemeinde Quirrenbach die weltliche Kirmes. Es ist festgelegt, daß am Tage des 14. September in der Kapelle in Quirrenbach ein Festgottesdienst gehalten werden muß. Für diese Feier wird die Kapelle besonders geschmückt. In Blumenpracht erstrahlt die Kapelle auch im Monat Mai. In diesem Monat halten die Quirrenbacher alljährlich aus Liebe und Anhänglichkeit an ihre Kapelle jeden Abend eine Maiandacht. Das hat sich seit Jahren nicht geändert. Die Verbundenheit der Quirrenbacher mit ihrer Kapelle ist tief verwurzelt; die Tradition gilt als geheiligtes Vermächtnis.

Daß Quirrenbach schon immer eine gewisse Eigenständigkeit besaß, geht auch aus der Entwicklung des Gesundheitswesens hervor. Quirrenbach hatte die erste Hebamme des Bezirks. Wann und wo sie ausgebildet wurde, besagt ihr heute noch vorhandenes Prüfungszeugnis. Es lautet: „Die Christoffel Catharina alt 30 Jahr, geboren aus Hühnerberg Kreis Sieg Reg. Bez. Coeln wohnhaft in Eudenbach Kreis Sieg Reg. Bez. Coeln in der Provinzial-Hebammenanstalt hierselbst ausgebildet auf Kosten der Gemeinde Eudenbach Kreis Sieg Regierungsbezirk Coeln hat unter heutigem Datum vor der unterzeichneten Prüfungs-Kommission die vorschriftsmäßige Prüfung für Hebammen abgelegt und dabei das Prädikat „gut" erhalten. Cöln, d, 21 Maerz 1872. Die Hebammen-Prüfungs-Kommission. Die Inhaberin ist heute von mir in Eid und Pflicht genommen worden. — Siegburg, den 22. Mai 1872. — Der Landrat."

Fräulein Christoffel war nicht verheiratet und wohnte in Quirrenbach, nicht in Eudenbach, wie es im Zeugnis heißt. Sie wurde auch in Quirrenbach im Jahre 1842 geboren. Fräulein Christoffel war im ganzen Oberhau unter dem Namen „Ditzchestant" bekannt. „Ditzche" ist ein mundartlicher Ausdruck für Säugling. Im Kölner Stadtarchiv ist in einer alten Chronik nachzulesen, daß dieser Hebamme in einer Niederschrift über eine Visitation der kirchlichen Verhältnisse in Eudenbach im Jahre 1891 ein besonderes Lob ausgesprochen wird. Es heißt dort: „Die Hebamme ist über die Taufe gut unterrichtet. Eudenbach, 27. 4. 1891“.

Später wurde dieser Helferin der Frauen in schwerster Stunde in Siegburg die goldene Ehrennadel für 40-jährige treue Dienste und Pflichterfüllung überreicht. Diese Ditzchestant starb im Jahre 1921, nachdem sie fast noch bis an ihr Lebensende ihrem Beruf nachgegangen war. Überaus zahlreich war die Schar ihrer „Kinder", die ihr das letzte Geleit gaben. Sie fand eine würdige Nachfolgerin in der Frau ihres Neffen. Im Zuge der jüngsten Ortszusammenlegung kam Quirrenbach zur Stadt Königswinter. Nach über tausend Jahren hat Quirrenbach es geschafft, Stadtteil zu werden. Quirrenbach darf sich stolz Königswinter, Stadtteil Quirrenbach, nennen. 

Mit der Stadtwerdung bekam das Dorf Quirrenbach auch Straßennamen, die mitunter große Verwirrung brachten und bringen. Wenn ein Ortskundiger in Königswinter die Humperdinckstraße oder Fahrenheitstraße sucht, so kann ihm niemand sagen, wo diese Straßen zu finden sind. Es kann vorkommen, daß ein Fremder sich in Oberpleis nach dem Weg nach Königswinter erkundigt, um dann in Königswinter zu erfahren, daß die Straße, die er sucht, in Oberpleis oder Quirrenbach liegt. Das hätte vermieden werden können, wenn man anstelle der hochtrabenden Namen ortsgebundene Bezeichnungen gewählt hätte. Die Humperdinckstraße hätte Mühlenstraße oder Kapellenstraße heißen können. Dann hätte man schon gewußt, daß diese Straße nur dort sein kann, wo eine Kapelle steht. Was stellt sich ein Laie unter Humperdinckstraße vor? Was hat Humperdinck, der 1854 in Siegburg geboren wurde, mit Quirrenbach zu tun? Was hat Fahrenheit, der 1686 in Danzig das Licht der Welt erblickte, für Oberpleis getan? Verdiente Leute aber, an die man an erster Stelle hätte denken müssen, um sie mit einem Straßennamen zu ehren, hat man vergessen. Als im Jahre 1923, am 16. November, die Separatisten zur „Befreiung" des Rheinlandes gegen Aegidienberg vorrückten, ließ aus dem Oberhau der 18-jährige Peter Staffel als einziger im Kampf sein junges Leben. Es wäre die Pflicht der Stadt Königswinter gewesen, diesem Helden durch einen Straßennamen ein Denkmal zu setzen und ihm dadurch zu danken. Jeden verdienten Politiker, jeden beliebten und geschätzten Menschen ehrt man, indem man eine Straße nach ihm benennt. Was kann ein Mensch mehr für seine Heimat gegeben als sein Leben. Darum bemüht sich der Verfasser schon seit Jahren um eine kleine Anerkennung für die mutige Tat von Peter Staffel. Im letzten Briefwechsel wurde der Verfasser von der Stadt Königswinter darauf hingewiesen, daß es ja bereits in Aegidienberg eine Peter-Staffel-Straße gebe. Das dürfte doch wohl eine etwas billige Entschuldigung für eine Stadt sein, sich damit zu begnügen, daß andere Orte an ihrer Stadt die einfachsten Verpflichtungen erfüllen. Danach könnte sich die Stadt Königswinter auch damit zufriedengeben, daß es in Siegburg eine Humperdinckstraße gibt, ja sogar ein Humperdinck-Gymnasium. Wie gehen hier die Auffassungen auseinander. Es sei daher noch einmal ein Appell an die Stadt Königswinter gerichtet, die Angelegenheit gründlich überdenken, um eine Möglichkeit zu finden, diesen Unterlassungsfehler zu beseitigen. Der ganze Oberhau wird es seiner Stadt zu danken wissen.

ENDE

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 8 vom 24.02.1978; Fotograf unbekannt; Bericht: Peter Anders.
Zur Verfügung gestellt von
Rudolf Pieper (SZ)
Räume & Galerien
Quirrenbacher Dorfgeschichte Aus den Dörfern ringsum Presseberichte Presseberichte 1 (bis 1989) Schulen
Aufrufe
235

Etwas zu ergänzen?

Kennen Sie abgebildete Personen, das Jahr oder Hintergründe zu diesem Bild? Schicken Sie uns einen Hinweis – wir prüfen ihn und ergänzen das Objekt.