Aufnahme: 1979

Oberpleiser Mundart

Unter Mundart versteht man im allgemeinen die althergebrachte, traditionelle Sprache einer Landschaft. Die Mundart ist in einem kleinen überschaubaren Gebiet gebräuchlich. Sie zeichnet sich durch besondere Eigenheiten in der Lautung, der Wortwahl und insbesondere der Wortbedeutung aus. Die Mundart ist bildhaft und sehr direkt.

Dies ist gerade auch für unser hiesiges 'Platt' der Fall. Ein Beispiel soll dies aufzeigen: Von jemandem, der müde und schwerfällig einhergeht, sagt man: „Der hätt ävver Hei en de Knee". Alle, die noch einen Garten haben, werden wissen was 'Hei' bedeutet. Es ist so etwas Ähnliches wie Mehltau auf Pflanzen und Obst und lahmt die Reife.

Wer kennt heute noch den Ausdruck 'Schollescheck'? In vergangenen Zeiten mußten die Schulkinder zur Winterszeit Holzscheite mit in die Schule bringen, damit in der Schulstube der Ofen geheizt werden konnte. Wohl aus der Sprache der Handwerker gibt es den Ausdruck 'kinnes'. Er leitet sich wohl von dem Wort Kienspan ab. Man sagte z.B. wenn man etwas richtig messen oder einpassen wollte, „e kinnes no rächs oder e kinnes no links."

Viele Ausdrücke haben sich noch im Bereich der Landwirtschaft erhalten: Löf; Schlees; Kruckes; Schürreskar. Wenn man in der Ernte war, so sagte man: „Wees on Koen wueten geseech oder mem Seech affgemaach, off einzelne Schobbe jebonge, off Huustere gesatz, dann mohten de Pänz de „einzelnen Halleme" oplässe zu einem „Sänge, wenn et mie wuet, dann hat me en Büet". Mit diesen Redewendungen wird sehr anschaulich und plastisch die Ernte des Getreides geschildert. Weil jeder Halm wertvoll war, mußten die Kinder die liegengebliebenen Halme auflesen und zusammenbinden. Ein wohl ziemlich bekannter Ausdruck gerade unter älteren Leuten ist 'Krockwösch'. Dies war ein Strauß verschiedenster Heilkräuter, die zu Maria Himmelfahrt gesegnet wurden, um bei Gewitter oder sonstigen Unbilden der Natur verbrannt zu werden, damit sie das jeweilige Anwesen vor Gefahren schützen sollten. Dies sollten einmal einige Kostproben der hiesigen Mundart sein.

Nun stellt sich die Frage, wer ist überhaupt noch in der Lage, die Oberpleiser Mundart, das 'Pleeser Platt' zu verstehen, geschweige denn zu sprechen. Unter den älteren Einwohnern und einigen besonders originellen Individualisten mag es den Gebrauch der hiesigen Mundart noch geben; die Mundart verstehen werden wohl noch einige mehr. Doch bei der heutigen allgemeinen Nivellierung, die auch im sprachlichen Bereich um sich greift, darf man davon ausgehen, daß in absehbarer Zeit sprachlich wertvolle ureigenste Dinge dieser Landschaft verloren gehen werden, falls man sich nicht bemüht, die Mundart irgendwie am Leben zu erhalten.

Die heutige Berufs- und Arbeitswelt verlangt von jedem Einzelnen den Gebrauch der Hochsprache, eines mehr oder minder guten Hochdeutschs. Die Schule drängt darauf, nicht die Mundart zu sprechen. Einem ausschließlich mundartsprechenden Kind erwachsen schulische Schwierigkeiten. Bei Karnevalssitzungen freut man sich und ist hellauf begeistert, daß es Gott sei Dank noch Leute gibt, die es verstehen, in ihrem 'Pleeser Platt' eine originelle Büttenrede zu halten.

Doch genügt dies? Man wird sich Gedanken darüber machen müssen, wie man den nachfolgenden Generationen doch einen Sprachschatz erhalten kann, der aus dem Innern des Volkes und der Landschaft kommt, der eigentlich auch immer unsere Hochsprache bereichert hat.

Das 'Pleeser Platt' gehört in die Reihe der kölschähnlichen Mundarten, doch darf man die Nähe des angrenzenden Westerwaldes nicht verkennen. Auf jede Sprache, gerade aber auch auf die Mundart wirken besondere Einflüsse ein, die zum Teil von außen kommen. So hat in unserem Raum der französische Einfluß, bedingt durch die französische Besetzung der Rheinlande, seine Wirkungen auf die hiesige Mundart nicht verfehlt.

Wörter wie 'Schachelir'; 'Paraplü'; Trottowar' sind hierfür Beispiele. Verfolgt man mundartliche Wörter in ihrer Bedeutung sprachgeschichtlich weiter zurück, so stößt man auf ripuarische, fränkisch-germanische und lateinische Einflüsse. Man spricht hierbei von Sprachschüben, die von Zeit zu Zeit auf die Mundart eingewirkt haben.

Ich glaube, es wäre eine lohnende Aufgabe, Ausdrücke und Begriffe des 'Pleeser Platts' zu sammeln und ihre Bedeutung zu erfassen. Besonders reizvoll könnten wohl Tonbandaufnahmen mit heute noch lebenden Mundartsprechern sein, die gleichzeitig den originellen und eigentümlichen Klang der hiesigen Mundart wiedergeben könnten.

Quelle
Festschrift 50 Jahre Kolpingsfamilie Oberpleis 1979, Seiten 109 - 110
Zur Verfügung gestellt von
Willi Joliet Krockwösch
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