Aufnahme: 1978
Kapelle Kreuzerhöhung in Quirrenbach
Quirrenbach – Die Geschichte eines Dorfes
2. Teil
Engelbert der Heilige, der von 1216 bis 1225 Erzbischof von Köln und Graf von Berg war, bezeugt uns ein Gut in Quirrenbach. Erzbischof Engelbert nimmt in einem Schutzbrief die Propstei in Oberpleis in seinen besonderen Schutz und erwähnt dabei einen Hof in Quirrenbach.
„Im Namen der heiligen und unzerteilten Dreifaltigkeit. Da das Kloster des hl. Pankratius, Pleysa benannt, uns durch vorzügliche Liebe und Sorgfalt verbunden ist, so nehmen wir die Güter desselben, die in verschiedenen Orten unserer Diözese zerstreut liegen und welche unser geliebter Propst Gerhard und seine Vorgänger zu ihrer Präsenz besessen haben, unter den Schutz des hl. Petrus und unseren eigenen Schutz. Von diesen sind neu erworben: Zwei Mansen gekauft von Ludwig Limersdorf, der eine in der Pfarre Uckerath, der andere in Geistingen gelegen, ein Hof zu Kurscheid, gekauft von Erhelm von Hanef, ein Hof gekauft von Friedrich Hain in Ulenberg, ein Gut gekauft von Gottfried Lerse in Derenbach, ein Gut von Heinrich von Busch, ein Hof in Boseroth, gekauft von Ritter Dudo von Menden, ein Höfchen zu Gratzfeld, ein kleines Hofgut zu Berghausen, gekauft von Heinrich von Pleis, ein Hofgut gekauft von Heribord v. Weiler und dessen Bruder Heinrich, der Hof Konrads von Quirrenbach (zahlt drei Schillinge), ein Hof zu Honnef, Güter des Sebert von Pleis gekauft, der Hof zu Bellinghausen, gekauft von Arnold von Eitorf. Alle diese Güter sind frei von Steuerauflagen und Vogteirecht und sollen es nach des Erzbischofs Willen auf ewige Zeiten bleiben“.
Im 12. oder 13. Jahrhundert wurde Aegidienberg von Oberpleis abgetrennt. Und so geschah es, daß man wieder einen Bach als Grenze nahm, den Quirrenbach. Dabei blieb die „Mühle am Bach", die dem Ort den Namen gegeben hatte, nicht bei dem Ort, sondern wurde Aegidenberg zugeteilt, weil sie ja auf der anderen, linken Seite des Baches lag. Trotzdem blieb es die „Quirrenbacher Mühle". Von dem Vorhandensein der Mühle, die ja von ihrem Betrieb eine Familie ernähren mußte, kann man schließen, daß die Menschen in der Hauptsache Ackerbau und Viehzucht betrieben. Daß sie aber auch nach Erz geschürft haben, bezeugen bis in die jüngste Zeit die Grubenhalden. Die Menschen waren also, wie wir gesehen haben, seßhaft geworden. Ihre Familien wurden dadurch nicht kleiner. Der Schluß liegt nahe, daß sie bei Nahrungsmangel weitere Wälder rodeten und in Ackerland umwandelten. Man kann diese Rodungen in und um Quirrenbach bis in die heutige Zeit verfolgen. Einige Beispiele mögen dies erhärten. Vor dem Dorf Rostingen lag noch vor 50 Jahren eine Waldparzelle. Sie wurde gerodet. Am Zusammenfluß des Quirrenbacher und Rostocker Weges lag ein Waldstück. Es ist verschwunden. Man hat Bauplätze daraus gemacht. Am Quirrenbacher Kirchweg war kurz vor der Höhe ein größeres Waldstück. Es wurde zu Ackerland. Überall auf den Feldern sah man Steinwälle mit Baum- und Strauchbestand.
Erinnert sei an das vielleicht 150 qm große Steinwäldchen auf dem Neuenhof auf der anderen Straßenseite des heutigen Hauses Zeika. Anschließend an dieses Wäldchen befand sich noch eine Steinhecke mit Gestrüpp. Fast der ganze Feldweg vom Hause Christoffel bis zur Kapelle in Quirrenbach war eine Steinhecke. Im Quirrenbacher Feld lagen mehrere größere und kleinere Steinhecken. Eine derartige Hecke ist heute noch hinter dem Hause Zabel auf dem Neuenhof zu sehen. Dort ist auch im Zuge der Rodungen eine Straße verlegt worden. Alle diese Steinhecken weisen auf Rodungen hin. Weitere Beispiele könnten aufgezählt werden. Es möge genügen, um zu zeigen, daß die Nachkommen der alten Germanen in den Zeiten ihrer Entwicklung das Roden nicht verlernt und eingestellt haben, um immer neues Acker- und Bauland zu gewinnen. Inwieweit sich aber die Struktur des Dorfes doch sehr verändert hat, soll einem anderen Aufsatz vorbehalten bleiben.
So wurde Quirrenbach im Laufe seiner Entwicklung zum Mittelpunkt eines auswärtigen Bezirkes der Pfarrgemeinde Oberpleis. des "Oberhau", wie es im Volksmunde genannt wurde. Seine Impulse zum kulturellen Fortschritt bekam der „Oberhau" nach wie vor von Oberpleis. In Oberpleis konnte schon im Jahre 1785 ein erster Schulbetrieb verzeichnet werden. Ein Pater Constantinus wird um 1790 erwähnt, der sich um den Schulunterricht gekümmert haben soll. Es ist anzunehmen, daß es sich um einen Pater aus der Propstei gehandelt hat. Daß auch der Oberhau von dem Segen eines Schulunterrichts profitierte, dafür sorgte der Pastor von Oberpleis. Nach der Chronik hat der Pfarrer Matthias Meis, der von 1773 bis 1813 in Oberpleis tätig war, den Landwirt Christian Quink aus Hühnerberg zum Lehrer ausgebildet, und die Chronik sagt, "daß Christian Quink aus Hühnerberg um 1790 Schulunterricht während des Winters im Gilgen'schen Hause erteilt habe“. Pastor Meis gebührt also das Verdienst, in Quirrenbach das Analphabetentum beseitigt zu haben. Der Lehrer Christian Quink mußte im Sommer seinem Berufe als Landwirt nachgehen und hatte nur im Winter Zeit, sich mit dem Schulunterricht zu beschäftigen. Den ersten Schulraum stellte das Haus Gilgen in Quirrenbach. Bei dem Hause Gilgen kann es sich nur um das Haus Gilgen im Unterdorf von Quirrenbach gehandelt haben, welches später von einer Familie Johann Pinnen bewohnt wurde und heute noch als Ruine steht. Dies zu erwähnen ist darum wichtig, weil es noch ein zweites Haus Gilgen in Quirrenbach gab, nämlich das Haus Gilgen in Neuenhof.
Zur Geschichte dieses Hauses sei gesagt, daß es sich hier um das ursprünglich von der Familie Graf erbaute Haus handelt, d. h. das Haus der Gebrüder Martin und Wilhelm Graf. Wilhelm, dem das Haus gehörte, verkaufte sein Eigentum an einen Herrn Zabel, vermutlich an Reinhard Zabel oder an dessen Vater. Die Nachforschung ist heute schwer, weil niemand mehr sagen kann, ob Reinhard Zabel jemals das Haus bewohnt hat, weil man den Reinhard Zabel nur in dem Haus gekannt hat, das 1859 in unmittelbarer Nähe erbaut wurde. Jedenfalls überließ Reinhard Zabel das von Wilhelm Graf gekaufte Haus seiner Tochter Helene, als diese den Heinrich Gilgen heiratete. Da diese Ereignisse zeitlich viel später liegen, könnte es sein, daß der Heinrich Gilgen ein Sproß aus dem Hause Gilgen im Unterdorf war. Reinhard Zabel war der einzige evangelische Christ in Quirrenbach. Seine vier Kinder (ein Junge, drei Mädchen) waren katholisch, weil er eine kath. Christin geheiratet hatte, eine kirchliche Notwendigkeit, die damals noch streng beachtet wurde. Damit wäre es wohl klar, daß der erste Schulsaal oder besser das erste Schulzimmer im Unterdorf von Quirrenbach war. Natürlich war die Teilnahme am Schulunterricht freiwillig und wurde auch privat honoriert.
Nach Christian Quink führte Peter Quink den Schulbetrieb fort „mit 146 Thalern Gehalt". Von diesen ersten Lehrern, im Volksmund „Liehrer" hat sich der Name „Lieresch" bis auf den heutigen Tag erhalten, so daß die Nachkommen dieser Urväter immer noch mit „Lieresch" bezeichnet werden.
Es muß in dieser ersten Schule in Quirrenbach angenehm gewesen sein, mit Nachsitzen bestraft zu werden. Der Volksmund erzählt folgende Geschichte: Wie überall gibt es bei den Kindern fleißige, strebsame und weniger fleißige. Um auch die unartigen Schüler anzuhalten, bestrafte der Lehrer sie mit Nachsitzen. Nachsitzen heißt aber, länger in der Schule bleiben. Für den Lehrer hätte das bedeutet, auch länger bleiben zu müssen. Er hätte sich selbst bestraft. Das war nicht der Sinn der Sache. Lehrer Quink wollte nicht auch selbst in Mitleidenschaft gezogen werden. Er nahm deshalb die Arrestanten mit Hause, wo er ja einen bäuerlichen Betrieb hatte. Während der Lehrer nun zu Mittag aß, saßen die Faulenzer in seiner Stube und lernten. Nach dem Essen pflegte der Herr Lehrer ein Mittagsschläfchen zu halten. Wenn der gestrenge Herr nun gut schlief, gab die mitleidige Haus- und Lehrersfrau den Kindern schnell etwas Essen und schickte sie nach Hause. Wen soll es da wundern, wenn das Nachsitzen von den Kindern gern in Kauf genommen oder sogar absichtlich verursacht wurde. Die Zeiten waren arm, aber auf dem Bauernhof herrschten immer bessere Verhältnisse, was die Kinder wohl auszunutzen verstanden.
Von Oberpleis ermuntert, scheint man in Quirrenbach die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Der Schulbetrieb nahm zu. Das Haus Gilgen entsprach nicht mehr den Ansprüchen. Man baute 1820 ein erstes Schulhaus. Dieses Schulhaus steht heute noch, und die Leute, die nach der Verlegung des Schulbetriebes von Quirrenbach nach Eudenbach dieses alte Schulgebäude bewohnen, heißen im Volksmund immer noch „ die Scholle". Wenn man heute noch vom Scholle Pitter spricht, weiß jeder, wer gemeint ist. Man sagt sogar, daß die Kinder von Willmeroth über den Berg nach Quirrenbach zur Schuie gekommen seien. Der Schulweg soll der Weg sein, der heute noch an dem Anwesen Graf vorbei auf den Berg führt. Nachweisen läßt sich das nicht. Die mündliche Überlieferung hat diese Behauptung wachgehalten. Jedenfalls stieg die Schülerzahl ganz rapide, als im Jahre 1825 die allgemeine Schulpflicht eingeführt wurde. Waren es im Jahre 1814 nur 52 Schüler und Schülerinnen, so zählte man 1832 bereits 149.
Auf Peter Quink folgte als erster Lehrer mit staatlicher Ausbildung W. Eimermacher. Er erhielt 200 Taler Gehalt im Jahr. 1869 war dann Peter Oswald Reichwein aus Hangenweilingen bei Oberlahnstein Lehrer an der Schule. Ihm folgte im Jahre 1874 Johann Wilhelm Schmal, der aber bereits 1876 in Siegburg-Mülldorf tätig wurde. Die Schule in Quirrenbach reichte nach Lage und Schülerzahl bald nicht mehr aus. Ein zentral gelegenes Schulhaus wurde in Erwägung gezogen und im Jahre 1876 auch in Eudenbach gebaut. Dieses Schulgebäude hatte zwei Schulsäle mit zwei Wohnungen für Lehrer. Somit wurde der ganze Schulbetrieb zum Vorteil der Kinder nach Eudenbach verlegt, einen Ort, der sich allmählich zum Mittelpunkt der Gemeinde entwickelt hatte.
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