Ein Mann, der ein Loch gräbt - Eine total verrückte, aber wahre Geschichte

Aufnahme: 1977

Ein Mann, der ein Loch gräbt - Eine total verrückte, aber wahre Geschichte

Vor wenigen Tagen flatterte unse­rem Mitarbeiter ein Brief folgenden Inhaltes ins Haus:
„Ich unterrichte Sie von einer Aktion, deren Idee heute zwar nicht mehr originell ist, deren Idee jedoch spontan geboren wurde und die ebenso spontan durchgeführt werden soll. Sie hat nicht den Hintergrund der kommerziellen medialen Kunstmaschinerie, sondern sie soll in einer privaten Initiative verwirklicht  werden. Am Sonntag grabe ich in Berghausen bei Bonn ein Loch. Seine Ausmaße sollen durch die Länge meines Armes und die Länge der Ausgrabungszeit, durch einen Acht-Stunden-Arbeitstag festgelegt sein. Die Arbeit wird während eines Sommerfestes getan. Den Ablauf des Arbeitstages halten Fotoapparate, Tonbandgeräte und Filmka­meras fest, die in regelmäßigen zeitlichen Abständen ausgelöst werden. Am Ende der Arbeitszeit wird das Film-Rohmaterial dieser Dokumentation zusammen mit Aufzeichnungen, Notizen und Unterlagen, die diese Aktion bis zu ihrer Vollendung begleiten werden, in das Loch gelegt, und dieses wird wieder zugeschüttet. Damit ist die Aktion beendet.

Ein unbekannter Künstler dokumentiert die Aktion durch ein Zeremoniell der Arbeit an einem Tag der Arbeitsruhe in einer Atmosphäre von Frei­zeit, dargestellt durch schwere Handarbeit, die nicht entlohnt wird, die nicht produktiv ist und deren Ergebnis nach Vollendung vernichtet wird. Die Idee jedoch soll als Dokument überdauern und  in die Zukunft projiziert werden. So beinhaltet die Idee in der Gegenwart ihre Verwirklichung durch die Fortsetzung der Aktion in der Zukunft. Es bleibt der Wunsch, daß spä­tere Generationen diese Dokumente finden mögen. Mein Name ist Detlef Melchior. Ich bin 34 Jahre alt. Nach einer Pause von sechs Jahren und der Aufgabe der Pinselmalerei möchte ich mich mit der Ausgrabung wieder bemerkbar machen. Die Aktion findet in Berghausen bei Oberpleis bei Gunnar Staack, bekannt durch eine Fotoausstellung bei Semikolon, Im Hagen 23, statt. Ich beginne mit der Arbeit um 8 Uhr und be­ende sie um 16.30 Uhr. Während der Arbeit sollen sich die Besucher durch schriftliche Äußerungen und Stellung­nahmen an der Aktion beteiligen. Die Aufzeichnungen werden ebenfalls als Dokumente vergraben. Ich lade Sie herzlich zu meiner Aktion ein und empfehle Ihnen, gegen 16.30 Uhr anwesend zu sein, da etwa zu diesem Zeitpunkt die Dokumente vergraben  werden." Soweit der Brief. Unser  Mitarbeiter folgte der wohl etwas verrückten Einladung und traf pünktlich mit Bleistift und Kamera bewaffnet am „Tatort" ein. Und siehe da: Alles war so wie im  Brief  angekündigt. 

Etwa 50 Som­merfestgäste von Gunnar Staack schauten  zu, wie Detlef  Melchior mit dem Spaten den Dreck aus tiefster Erde hervorholte. Eine Filmkamera hielt das Geschehen in Abständen von zehn Sekunden  fest. Zahlreiche Festgäste und Besucher schrieben ihre Meinung auf ausgelegten  Papieren. 16.29  Uhr: Der „Countdown" steht bevor, und Punkt 16.30 Uhr läßt der „Künstler" seinen Spaten fallen. In acht Stunden, bei nur 30 Minuten Pause, hat Detlef Melchior immerhin ein Loch im Garten von Gunnar Staack von 2,10 Meter geschafft.  „Ich hoffe, daß jemand  im Jahre 2 000  diese Dokumente  wieder ausgräbt." Auf die Frage unseres Reporters, was er denn von Beruf sei, antwortete er: „Noch Student". „Was studieren Sie denn?" „Pädagogik." (Die armen Kinder). Aber Kinder hat der Student schon und zwar vier im Alter von 18 Monaten bis 15 Jahren. Das älteste war dabei, als Vater den letzten Dreckhaufen aus der Tiefe hervorholte. Frage an das Kind: „Was hältst Du denn von den Taten Deines Vaters?" Antwort: „Eine total verrückte Idee. Aber im Urlaub in Österreich will ich das nachmachen." - Na denn viel Spaß. gst.

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 29 vom 22.07.1977; Foto und Text: Günther Steeg
Zur Verfügung gestellt von
Rudolf Pieper (SZ)
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