Rückblick Fastnacht 1977 - von Hans Robert Mies

Aufnahme: 1977

Rückblick Fastnacht 1977 - von Hans Robert Mies

Wenn auch alle Jahre eigentlich alles wiederkehrt, glaubt man mitunter, dies müsse irgendwann von selbst gehen. Sehr bald stellt man fest, daß immer wieder vorbereitet und umorganisiert werden muß, daß, kaum ist der Fastelovend vorbei, die Arbeit wieder beginnt. Mit einem Blick in den Kalender stellt man z.B. fest, daß die nächste Session recht kurz sein wird. Natürlich ist es dann schwerer, gute Musik zu bekommen, die Proben und Vorbereitungen der Aktiven müssen entsprechend früher beginnen, damit das Programm rechtzeitig steht.

Doch möchte ich jetzt damit anfangen, eine Rückschau zu halten, um das Erlebte in's Gedächtnis zurückzurufen. Der Kartenvorverkauf begann am 8. Januar in gewohnter Weise beim Post-Mattes-Hein in der Kinokasse. Am 22.1. fand unsere I. Sitzung mit Prinzenproklamation statt. Dem staunenden und erwartungsvollen Volk präsentierte sich Bernd I. (Pickel) und seine Ehefrau als Elisabeth II. Prinz Bernd, früher aktiv im Pleeser Fastelovend gewesen, beruflich in St. Augustin tätig, den Pleesern hierdurch etwas fremd geworden, hielt seine Thronrede gekonnt und witzig in Versen. Einen Dichter-Prinzen haben wir noch nicht gehabt und waren erstaunt, daß unser Prinz Bernd sich von Rede zu Rede steigerte und manchmal sogar aus dem Stegreif zünftige Ansprachen reimte.

Der eigentliche Knüller in dieser Sitzung war eigentlich jedoch unser Herr Pastor, der einen gekonnten und ausgefeilten Vortrag über die Erschaffung der Welt und die Vertreibung aus dem Paradiese hielt. Er bekam verdient tosenden Beifall, hatte er nicht nur eine echte Leistung gebracht, sondern auch bewiesen, daß ein Pastor über die Sonntagspredigt hinaus, für die er nie Beifall erhält, mit Humor eine Gemeinde zu begeistern vermag. Einen Orden hatte er sich selbstverständlich verdient, aber was bekam er? Vom Tanzmariechen ein Bützchen und - einen Appel und ein Ei! Die Orden waren trotz äußerster Anstrengung nicht rechtzeitig fertig geworden und wir saßen mit dummen Gesichtern zusammen, bis unser Präsident Helmut Reuter mit folgendem Vorschlag kam: Da alle Aktiven ohne Bezahlung, also wie man so sagt, für einen Appel und ein Ei auftreten, könne man doch vorerst den so oft zitierten Appel und das dazugehörende Ei überreichen. Bei Reuters wurden nun große Mengen Eier gekocht, mit Äpfeln in Plastiktüten verpackt und mit dem Ordensband verziert. Dieser nun greifbar und sichtbar gewordene volkstümliche Ausdruck half uns aus der Klemme und wurde mit Begeisterung aufgenommen und getragen.

Am 29. Januar feierte Rot-Blau-Auelgau sein 11jähriges Bestehen. Selbstverständlich waren wir auch dort, um zu gratulieren. Prinz Bernd, Senator bei den Auelern, wurde begeistert empfangen. Wir konnten eine ausgezeichnete Jubiläumssitzung unter Leitung des altbewährten Präsidenten Matthias Müllenholz miterleben. Am folgenden Sonntag hatten wir unsere II. Sitzung, die wie erwartet einen guten Verlauf nahm. Die Orden waren mittlerweilen fertig und wir waren stolz, weil sie so schön aussahen. Als Gäste begrüßten wir das Eudenbacher Prinzenpaar mit Gefolge. "Remm-Flemm-Uckerath" trat erstmalig bei uns auf und half, die Stimmung noch weiter zu steigern. Eine Nachsitzung fand im Auel bei Göbbels statt, wo die Freundschaft mit den Rot-Blauen weiter vertieft wurde.

Dann kam der 5. Februar mit dem traditionellen Ball des Bundes der Heimatvertriebenen, wo der Empfang wie immer überaus herzlich war. Zwischendurch fuhren wir nach Eudenbach, um dort einen Gegenbesuch abzustatten. Anschließend wurde dann mit den Heimatvertriebenen in gewohnter Weise bis zum Morgen weitergefeiert. Da unser Herr Pastor sich so gut als Nachwuchsbüttenredner eingeführt hatte, fanden wir es für richtig und gut, ihm am nächsten Tag, dem 6. Februar, nach einem Festhochamt in den Tannenhof zu einem Empfang zu folgen. Der Tannenhof war herrlich geschmückt und so festlich, wie es zu einem 40jährigen Priesterjubiläum gehört. Nach dem Aufmarsch der zahlreichen Gratulanten, vielen Ansprachen und Ehrungen wurden alle Anwesenden fürstlich bewirtet und blieben deshalb, und weil es sehr gemütlich war, noch lange.

Am Dienstag, dem 8. Februar und Donnerstag, dem 10. Februar fanden unsere Kindersitzungen statt. Die erste war etwas schwach, die zweite wieder sehr gut besucht, was beweist, daß unser bewährter Präsident Herr Merten die Kinder immer wieder zu begeistern vermag. Auf beiden Sitzungen erschien das Prinzenpaar mit Gefolge, und auch das Uthweiler Kinderprinzenpaar war anwesend. Viele Spiele, Vorführungen und Preise begeisterten die Kinder wieder so, daß alle spät und hochbefriedigt nachhause gingen.

Unsere III. und letzte Sitzung fand am Samstag, dem 3. Februar statt. Diesmal war der Saal so voll, daß nicht ein Stuhl mehr untergebracht werden konnte. Als auswärtige Gruppe begeisterten diesmal die Kölner Ratsbläser mit schmissiger und gekonnter Musik. Nach der Sitzung traf man sich mit dem Prinzenpaar im Hotel Bramkamp, um sich dort bei einem kühlen Bier abzukühlen.

Für die Weiberfastnacht war der Saal wie immer viel zu klein. Die Zunftfrauen brachten wie immer ein hervorragendes Programm und waren damit noch längst nicht fertig, als der Einlaß der Männer erfolgen sollte. Schließlich war es so weit, und nun wurde der volle Saal noch voller. Es schien, als ob der altehrwürdige Saal seine Wände nach außen biegen würde, um so viel Platz wie möglich zu machen, denn er steckte schon voller Ahnungen. Einunddreißig Jahre hat er ohne Unterbrechung Jahr für Jahr die Narrenzunft beherbergt und an allem, was sich in seinem großen Bauch ereignete, Anteil genommen. Wenn ihm etwas mißfiel, ließ er seinen alten Ofen qualmen, daß allen die Augen tränten. War er richtig begeistert, trennte er sich uneigennützig vom Kalk seiner Decke und ließ diesen herniederrieseln, daß die Bühne in eine herrliche Schneelandschaft verwandelt wurde. Mancher Trompeter blies da ob dieses Wunders falsche Töne!

Das Publikum dankte Saal und Musikern mit begeistertem Beifall, ohne zu ahnen, daß so ein altes Gebäude eine Seele haben muß. Als die Stimmung ihren Höhepunkt erreichte, als auf der Tanzfläche keiner mehr seine Füße sehen konnte, geschah etwas eigenartiges: Mir fiel ein Tropfen auf den Kopf. Geregnet hatte es nicht, wo sollte also Wasser her kommen? Nach dem 2. und 3. Tropfen wurde ich nachdenklich. Hatte nicht dieser altehrwürdige Saal schon öfters seine Teilnahme bewiesen? Nun hatte ich`s begriffen, der Saal weinte! Freudentränen, weil die Stimmung einen solchen Höhepunkt erreicht hatte? Oder war es Trauer, weil er bald kein lustiges Treiben, sondern nur noch das eintönige Ticken der Holzwürmer erleben sollte? Er hat es mir nicht sagen können, aber wenn ich an ihm vorbeigeschaut, er mir aus seinen leeren, dunklen Fenstern ruhig und traurig nachsah, als ob er sagen wollte: "Ich habe immer mein Bestes gegeben und was habt Ihr aus mir gemacht.“

Am folgenden Freitag zogen wir nach Westerhausen zur Weiberfastnacht und anschließend nach Jüngsfeld in die Festhalle Dahs, wo der Uthweiler Bürgerverein feierte. Die Sitzung, in der auch die "Krageknöppche" aus Köln auftraten, war sehr gut, die Stimmung auch beim anschließenden Tanz so, daß viele von uns sehr lange aushielten. Der TuS O5 hatte am Fastnachtssamstag wieder seinen traditionellen Maskenball, der wie immer gut besucht war und ein buntes Bild bot. Prinzenpaar und Gefolge wurden herzlich begrüßt. Nach der Prinzenansprache und dem Funkentanz beteiligte sich jeder so gut er konnte an dem fröhlichen Treiben.

Das Wetter am Fastnachtssonntag war nicht so gut wie in den letzten Jahren, trotzdem war die Beteiligung und auch die Zuschauerzahl beim Fastnachtszug groß. Die Wagenbauer hatten sich viel einfallen lassen und entsprechend prächtige Wagen gebaut. Weil es zwischendurch etwas regnete, litt natürlich die Dekoration, aber nicht die Stimmung.

Der Fastnachtsball des TuS O5 am selben Abend war wegen der vielen Anstrengungen etwas schwächer besucht, aber schön. Zur Rathauserstürmung am Rosenmontag gab es kühles, aber sonniges Wetter. Die Rathausbesatzung hatte sich auf einen harten Kampf vorbereitet und von der Kreisverwaltung Landrat und Vizelandrat als Verstärkung geholt. Möglicherweise hierdurch, vielleicht auch weil unsere Funken eine neue Taktik verfolgten, sie griffen von hinten an, wo die Bierfässer lagerten, dauerte der Sturm etwas länger. Als endlich ein Funke die weiße Fahne als Zeichen der Übergabe schwenkte, schien dieser zu schunkeln, obwohl keine Musik zu hören war. In der Zwischenzeit hatten die Prinzenpaare aus Eudenbach, Bockeroth, Heisterbacherrott, Oberpleis, sowie die Kinderprinzenpaare aus Uthweiler, Römlinghoven und Eudenbach das Podium vor dem Rathaus betreten und wurden dem Volk vorgestellt. Dann erfolgte die Schlüsselübergabe durch Herrn Bürgermeister Hank an den Oberpleiser Prinzen. 

Die Prinzenpaare folgten nun dem Stadtoberhaupt zu einem Umtrunk in das Rathaus und machten das Podium für Musik- und Tanzdarbietungen frei. Hier zeigten nun ihr Können: Das Fanfarencorps Rot Blau Auelgau, das Damentanzcorps Oelinghoven, der Fanfarenzug Drachenfels Königswinter, das Reitercorps Grün Orange Römlinghoven, das Fanfarencorps der freiwilligen Feuerwehr Eudenbach, die Rheingarde Königswinter, das Tanzcorps Eudenbach und das Tanzcorps Bockeroth "Sternschnuppen". Ein solches Aufgebot findet man nicht oft. Alle boten ihr bestes Programm und erhielten vom zahlreichen Publikum begeisterten Beifall.

Inzwischen wirkten still und emsig im Hintergrund die Leute, welche für das leibliche Wohl der Zuschauer und Gäste sorgten. Daß keiner lange auf sein Bier oder die Erbsensuppe warten mußte, ist dem unermüdlichen und selbstlosen Einsatz dieser stillen Helfer zu verdanken. Zum Rosenmontagsball der Narrenzunft war der Saal wie immer nicht ganz gefüllt, doch die Stimmung schlug hohe Wellen. Es gab noch einmal Gelegenheit, ausgelassen zu sein. Es konnte noch einmal versucht werden, allen, die unseren Fastelovend gestalten und verschönern halfen, zu danken, denn alle taten es wie schon vorhin gesagt: "Für einen Appel und ein Ei".

Hans Robert Mies

Quelle
Pfarrfamilie St. Pankratius Oberpleis Nr. 5 / Okt. / Nov. 1977
Zur Verfügung gestellt von
Edith Jarzombek / Pfarrbüro St. Pankratius Oberpleis Zur Galerie: Der Müllenholz Matthias
Räume & Galerien
Aus den Dörfern ringsum Karneval Katholische Kirche Oberpleis
Aufrufe
67

Etwas zu ergänzen?

Kennen Sie abgebildete Personen, das Jahr oder Hintergründe zu diesem Bild? Schicken Sie uns einen Hinweis – wir prüfen ihn und ergänzen das Objekt.