Quirrenbach mit der Kapelle Kreuzerhöhung und Blick zum Oelberg

Aufnahme: 1974

Quirrenbach mit der Kapelle Kreuzerhöhung und Blick zum Oelberg

Quirrenbach - Die Geschichte eines Dorfes

von Peter Anders

1. Teil

Daß die Gegend um das Siebengebirge in grauer Vorzeit mit großen Wäldern bedeckt war, wer wollte das noch ernsthaft bestreiten! Die Menschen machten im Laufe der Zeit die Wälder urbar, um sich Siedlungsraum und Ackerland zu schaffen. Wie es dazu kam, will dieser Aufsatz zu erläutern versuchen. Im Mittelpunkt steht die Geschichte eines Dorfes, das bis in die jüngste Zeit markante Züge aus jener Zeit aufweist.

In der Vorzeit wohnten gallische Kelten zu beiden Seiten des Rheines. Ihr Dasein auch in hiesiger Gegend wird durch viele keltische Altertümer bestätigt, die im und um das Siebengebirge gefunden wurden. Hier darf auf die Ausgabe der Siebengebirgs-Zeitung vom 22. April 1966 verwiesen werden, die keltische Funde auf der Rostinger Heide bei Eudenbach präsentiert. Es gilt als erwiesen, daß im vierten Jahrtausend vor Christi Geburt von Osten her germanische Stämme nachrückten und somit die Kelten zwangen, ebenfalls zu wandern und neue Wohnsitze zu suchen. Wir finden sie später in Gallien, dem heutigen Frankreich (Frankreich, Rech der Franken), wieder. Diesen Zustand, ganze Volksstämme zu verdrängen und zur Aufgabe ihrer Wohnsitze zu zwingen, änderten die Römer durch ihren Feldherren C. J. Caesar, der in den Jahren 58  -  61 im gallischen Raum Krieg führte und während dieser Zeit auch zweimal eine Brücke über den Rhein baute - übrigens eine enorme Leistung für die damalige Zeit — um auf dem rechten Rheinufer nach dem Rechten zu sehen. Caesar gebot dem weiteren Vordringen der Germanen gegen die Kelten Halt. In seinem Buch „De bello Gallico“ berichtete er, daß die Sigambrer das ihnen gegenüberliegende Gebiet der Eburonen auf der linken Rheinseite verwüstet, bei seinem Erscheinen jedoch schleunigst die Flucht über den Rhein ergriffen hätten. Die Sigambrer wohnten zwischen Ruhr und Sieg (Bellum Gallicum I, V I). Es wäre nicht abwegig anzunehmen, daß die Sigambrer vielleicht ihren Namen von der Sieg ableiten. Um den Volksstamm der Sigambrer zu schwächen, verpflanzte Kaiser Augustus einen großen Teil dieses Stammes auf das linke Rheinufer. Kaiser Tiberius hat sie unterworfen und weitere 40 000 linksrheinisch bei Xanten in unmittelbarer Nähe des Flusses neu angesiedelt. Nur ein Teil der von den Römern gefürchteten Völkerschaft blieb in der alten Heimat, wenn wir dem großen Geographen und Geschichtsschreiber Strabo, einem Zeitgenossen von Kaiser Augustus, folgen dürfen, der schrieb: „Sed et Sicambrorum exigua restat portio". So haben wir Sigambrer auf beiden Seiten des Rheines.

Auch den Ubiern, die ursprünglich am Taunus und in der Wetterau saßen, hatte man auf der linken Rheinseite neue Wohnplätze angewiesen, als sie von Caesar römischen Schutz gegen die Sueben erbaten, und zwar geschah das durch den Schwiegersohn des Augustus, den römischen Feldherrn und Staatsmann Agrippa. Er siedelte die Ubier um Bonn und Köln an mit dem Hauptort Ara Ubiorum, das heutige Köln. Damit war für die nördlichen Nachbarn, die Usipeter und Tenterer, der Weg frei, sich der Gebiete zwischen Sieg und Lahn und noch über die Lahn hinaus zu bemächtigen. Deren östliche Nachbarn waren wiederum die Chatten, die heutigen Hessen, welche bis zur Gegenwart unverdeckt an derselben Stelle haften, wo ihrer in der Geschichte zuerst Erwähnung geschieht. Wenn sich der Volksstamm allzusehr vergrößerte, reichte der heimische Bezirk nicht mehr aus. Da die Germanen aus diesem Grunde in jenen Zeiten Nomaden waren, ist es erklärlich, daß mitunter ein Teil des Stammes die Heimat verließ. So machten es die Chattuarier, ein Teil der Chatten. Sie wanderten weiter, um jenseits des Rheines im Rücken der Bataver zwischen Maas und Rhein neue Wohnsitze zu gründen. Sie zogen durch das Siegtal, und vielleicht sind manche Ortschaften, deren Namen auf „affaa, wie „hannaffa“ Hennef, auf „mar" , wie Lohmar, Eschmar, auf „lar" wie Sieglar, Hangelar usw. chantischen Ursprungs.

Bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts hatten die Römer die Grenzen ihres Reiches den Germanen gegenüber behauptet. Als diese aber zum Angriffskriege gegen die Römer vorgingen, bildeten sich neue Stammesverbindungen, in denen sich die einzelnen kleinen Stämme vereinigten, um mit Erfolg die Römer bekämpfen zu können. So erscheinen um die Mitte des 3. Jahrhunderts die Franken, welche kein neuer germanischer Stamm sind, sondern nur unter dem Namen Franken, d. h. „Freien", die alten Stämme der Sigambrer, Amsivarier, Chatten, Brukterer und Tenkterer, kurz, aller auf dem Rheinufer wohnenden Stämme umfassen.

Mit dem Ende des 5. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts hörten die Einfälle und Wanderungen der germanischen Stämme auf. Damit begannen die Seßhaftigkeit der Völker und ihre innere Entwicklung. Dazu brauchte man aber Lebensquellen. Man begann, die großen Wälder durch Rodungen zu lichten und in Ackerland umzuwandeln. Es entstanden Ansiedlungen, die teils Hofansiedlungen waren, je nachdem bestellbare Gelände in Einzelhufen angebaut oder in größeren Massen zusammen lag. Hier rückten die Wohnungen näher beieinander, so daß eine Ortschaft entstand, die man mit dem Namen Dorf (Anhäufung) bezeichnete. Die Namen dieser Ortschaften deuten auf ihre Entstehung durch Rodungen hin. Dörfer, Namen auf „rott", „rode", „roth” ausgehen, mögen in dieser Zeit entstanden sein. Es wäre durchaus denkbar, daß ein Mann mit Namen Wilhelm oder Willem ein abgelegenes Stück Wald rodete, sich ein Haus baute und man den Wohnplatz nach seinem Besitzer einfach Willemrod oder Willmeroth nannte. (Vergl. Wernigerode = Werners Rodung oder Rothemühl = Rodung an der Mühle). Ein anderes Beispiel: Ein Bungert war eine baumbestandene Wiese — ein Baumgarten — Eine solche Wiese heißt plattdeutsch heute noch so. Nun setzte man zwischen den Baumbestand Kappes (Kohl), um den Boden besser auszunutzen. Der Mann, der sich nun auf diesem Kappesbungert ein Haus baute, wohnte eben in Kappesbungert. Dieser Ort bestand dann, und er besteht heute noch, aus einem einzigen Haus. So gibt es viele Orte, die nur aus einem einziges Haus bestehen. Andere Ortsbezeichnungen wurden von einem Badi, einem Berg abgeleitet, z. B. Quirrenbach, Nonnenberg, um nur zwei Beispiele zu nennen (vergl. auch Königswinter des Königs Weinstock; ter = Baum).

Die Steinzeitmenschen hatten es schon verstanden, aus Korn Mehl zu machen. Da sie alles mit der Hand machten, hatten sie eine „Querne", eine Handmühle, entwickelt. Dieses Wort hat sich bis heute im deutschen Sprachgebrauch erhalten. Querlen, besser quirlen, das Verkleinerungswort von queren, bedeutet wenden, überhaupt schnell im Kreise drehen. Erinnert sei an Quirl = in der Bedeutung von Rührstab, Rührlöffel. Aus Quirl wurde später Kirn, ein Gefäß zum Buttern. Kirnen bedeutet buttern. Eine Kirnmaschine war eine Buttermaschine, die aber im Laufe der Zeit von der Technik verdrängt wurde. In einigen Ortsnamen ist dieses Kirn noch erhalten: Kirnach, Kirnhalde, Kürnach, Querbach, Querfurt und der Ort Quirrenbach. Dieser Handmühlenbetrieb hätte keinesfalls gereicht, größere Mengen Getreide zu mahlen. Wenn das Wort gilt „Not macht erfinderisch", so kann man es hier anwenden. Wo ein Bach vorhanden war, kam man bald auf die Idee, die Mahlsteine mit Wasserkraft zu betreiben. Die Wasserkraft des kleinen Baches war aber nicht imstande, mittels eines großen Mühlrades die Mahlsteine in Bewegung zu setzen. So wurde der Bach angezapft und das Wasser in einem großen Teich gespeichert. Wenn nun genügend Wasser in dem Teich vorhanden war, konnte die Mühle mahlen. Diese Mühle am Bach gab dem Bach den Namen Mühlenbach. Und da Mühle eben Quirn hieß, bekam der Bach den Namen Quirrenbach. Die Menschen, die sich in der Nähe der Mühle ansiedelten, nannten ihr Dörfchen einfach Quirrenbach. So wurde die alte Handmühle von der durch Wasserkraft betriebenen Mühle verdrängt. Aber nicht nur die Handmühle verschwand, sondern auch der Name „Quirn" hatte keinen Bestand. In der Sprachentwicklung kommt es sehr häufig vor, daß Lehnwörter, das sind Wörter, die aus anderen Sprachen eindringen und verdeutscht werden, echte alte deutsche Wörter verdrängen. So geschah es auch hier. Man entlehnte das lat. Wort „molina", genauer dessen Plural molinae, welches Mahlwerk mit mehreren Steinen bedeutet und machte daraus Mühle. Es dürfte nicht schwer sein, aus spätl. molinae, lt. mola ein „Mühle" zu machen, (vergl. auch: moneta Münze), obschon es bis 1800 Pl. Grützquern = Grützmüller gibt (vergl. audi Querfurt Quirn = Mühle)

Aber trotz der Umwandlung von „Quern" zu „Mühle" behielt der Ort seinen Namen bei. Uneingedenk der Bedeutung Quern hieß die Mühle fortan Quirrenbacher Mühle, was im Grunde eine Doppelbezeichnung ausdrückte. Daß der Ort schon sehr alt sein muß. erhellt die Tatsache, daß Erzbischof Wichfried den Namen Quirrenbach erwähnt, als er im Jahre 948 den Umfang des Sprengels und Zehntdistrikts zu Oberpleis bestimmte. Erzbischof Wichfried wollte für den Novalzehnten der Kirche eine feste Grenzlinie schaffen. Diese Grenzlinie richtet, wie wir sehen werden, nach den Höhen sowie den Quellen oder dem Lauf der Bäche.

In nomine sancte et individue trinitatis Wichfridus sancte Coloniensis ecclesie divina favente gratia Archiepiscopus. Noverit omnium sancte dei ecclesie presentium scilicet ac futurorum sollertia. Qualiter nos dei amore pulsati. anno ab incarnatione domini nostri jesu Christi nongentesimo quadragesimo octavo indictione autem sexta anno etiam gloriosissimi Regis ottonis regni XIII determinationem subtus nominatam. perfecimus et ad integrum nostre auctoritatis lagitione ad ecclesiam sanctorum martyrum Primi et Feliciani et sancti Augustini confessoris que constructa est in villa que dicitur Pleis.a in pago Aualgauense sub comitatu Herimanni comitis determinamus in perpetuo habendam ut omnia que antea ad eandem fuerant eparata maneant firma et novalia eidem ecclesie contigua que hucusque existebant interminata illuc respiciant stabilia hoc est a blanconbiedli gespringum ursum in Wellesberg et exinde usque in Sundunberg usque in Hanapham et sicut fluit Hanapha usque in boletrebiechi gespringum et Liwenstein et in de merbiechi gespringum et ita sursum usque in Quirbiechi gespringum et sic usque in thassenberg et inde usque in Hintberg et de Hintberge usque in Hunophore pleisa et sicut fluit pleisa usque in argenbag et inde usque in Wizonstein et sic usque in Blikardaroth usque in Notarbeichi gespringum et sicut fluit Notarberg usque in Watanbrunnon et inde usque in Fulkinesberg usque in Hennisbag et ab Hennisbag usque in pleisam et a blancanbag usque in pleisam.

Danach beginnt die Grenze bei der Quelle des Blankenbaches, steigt nach Wellesberg und von da bis Sonnenberg weiter bis Hanf, zieht den Hanfbach entlang bis zur Quelle des Büllesbach und Lievenstein und zur Quelle des Mierbaches und so hinauf bis zur Quelle des Quirrenbaches über den Thassenberg bis nach Himberg und von Himberg bis nach Honneferpleis mit der Pleis bis Argenbach und von dort nach Wiesenstein (kleiner Ölberg) weiter nach Blikardaroth bis zur Quelle des Lauterbach und geht mit dem Lauterbach bis Wotanbrunnen (Mattepützdien) weiter bis Fulkinesberg (Rotberg oder Scharfenberg) bis nach Hennisbach (Herresbach) urid von Herresbach wieder in die Pleis und über diese hinweg wieder zum Ausgangspunkt des Blankenbaches zurück.

Die meisten der genannten Orte und Bäche, welche den großen Sprengel beschreiben: Blankenbach, Wellesberg — d. i, der Berg Wellesberg, dem heutigen Stuxenberg - Sundunberg (dem heugen Eudenberg), Hanapha = der Bach Hanf, von dem auch Hanfmühle, Hennef, ihre Namen haben, Büllesbach, Mierscheid (vielleicht das heutige Bennerscheid), Quirrenbach, Pleis, Arrenbach usw. liegen in den Bürgermeistereien Uckerath und Oberpleis. Bennerscheid ist die Bannscheide (daher Bannscheid, Bennerscheid) zwischen Uckerath und Oberpleis. Die Grenze stößt bei Kotthausen auf den Hanfbach. Halmshanf gehört zu Uckerath und Dammig zur Asbacher Seite. Seit 1835 ist die Pfarre Buchholz abgetrennt. Daher nennt man diesen Bezirk in Oberpleis noch heute „Kölsch-Buchholz“ .

Liwenstein (auch Lüggestein, Luktenstein) vielleicht „der leuchtende Stein". Davon kommt Lichtenstein und Lag, Loge = Grenzstein. So war der Logestein der Grenzstein, und der Logebach war der Grenzbach. Der Lagshof wäre demnach ein Grenzhof. Von dem Zusammenfluß des Quirrenbach mit dem Logebach oberhalb Nonnenberg heißt der Bach Pleisbach. Die Quellen des Merbaches und des die zwischen Liwenstein und Dacksberg liegen, kann man nicht eindeutig feststellen. Es ist zur vorliegenden Abhandlung auch nicht wichtig. Hier interessiert nur, daß es den Quirrenbach schon gab und mit ihm gewiß auch schon den Ort.

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 35 vom 30.08.1974 und Text: Nr. 1 vom 06.01.1978 Fotograf: Paul Bachem
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Rudolf Pieper (SZ)
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