Aufnahme: 1972
Jugend- und Schulerinnerungen, erzählt von Johann Bennerscheid, XIX. Teil
Bernard Mohr aus Bellinghausen war 50 Jahre Dirigent des Kirchenchores Oberpleis
Im vergangenen Jahr sind es 85 Jahre geworden, dass der kath. Kirchenchor in Oberpleis gegründet wurde. Die Siebengebirgs-Zeitung hat in ihrer Ausgabe Nr. 44/71 kurz darüber berichtet. Ich war ungefähr 50 Jahre Mitglied des Kirchenchores, war mit ihm immer sehr verbunden, und es drängt mich, diesem kurzen Bericht noch folgendes hinzuzufügen, um es der Nachwelt zu erhalten: Im Jahre 1856 wurde in Oberpleis ein Männergesangverein gegründet. Wenn dieser Verein auch wohl mehr weltlichen Charakter hatte, so sang er an hohen Feiertagen doch auch schon mal in der Kirche. Das sonntägliche liturgische Hochamt wurde zu der Zeit von vier oder fünf älteren Männern, den sog. Chorsängern gesungen. Zu diesem Zweck umstanden diese auf der Orgelbühne ein Choralbuch, das auf einem Pulte lag. Zu meiner Zeit lag dieses alte Monstrum noch in einem Schrank auf der Orgelbühne; es wäre interessant, wenn dieses alte Buch als Andenken an frühere Zeiten aufbewahrt würde.
Von verschiedenen Mitgliedern dieses Männergesangvereins wurde der Wunsch laut, einen Verein zu gründen, der in der Hauptsache dem Kirchengesang dienen sollte. Der Initiative der drei Gebrüder Reuter aus Jüngsfeld, sowie deren Halbbruder Bernhard Dahs war es dann zu verdanken, dass 1886 der Kirchenchor, damals Cäcilienverein genannt, gegründet wurde. Der neu gegründete Kirchenchor, zunächst als reiner Männerchor, fand schnell Zuwachs. Als ich 1909 in den Gesangverein kam, war dieser ca. 50 Mann stark. In der ersten Zeit wechselten die Dirigenten verschiedentlich. So wurde der Kirchenchor zeitweise von einem Lehrer Gabriel Flink und dem vorhin genannten Bernhard Dahs aus Jüngsfeld dirigiert.
Zu meiner Schulzeit war der Organist Commer nebenbei Dirigent. Als Organist mag wohl Commer tüchtig gewesen sein, wie die alten Sänger erzählten, als Dirigent sei er aber recht unsicher gewesen. Dieses mag folgende Begebenheit beweisen: In Heisterbach fanden in früherer Zeit traditionelle Sängerfeste statt, zu denen auch regelmäßig der Oberpleiser Kirchenchor eingeladen war. Die Sänger standen bei ihren Vorträgen auf einer erhöhten Tribüne, die dicht an der Klostermauer aufgeschlagen war. Beim Auftritt der Oberpleiser Sänger geschah dann die Panne. Dirigent Commer hatte schon mehrere Male einen völlig falschen Ton vorgegeben, mit dem die Sänger nichts anzufangen wussten. Als er nun das Zeichen zum Einsatz gab, blieben die Sänger verständlicherweise stumm. Commer wiederholte seine Misstöne — wiederum kein Einsatz. Da inzwischen die Zuhörer unruhig wurden und die Oberpleiser Sänger sich unter keinen Umständen blamieren wollten, sprangen sie kurzerhand über die Klostermauer und verschwanden im Gebüsch. Beim vierten vergeblichen Einsatzversuch stand Commer schließlich noch allein auf der Bühne. Verschämt und resigniert musste auch er abtreten.
Nach dem Rücktritt Commer's wurde das damals noch sehr junge Mitglied des Kirchenchores, Bernard Mohr aus Bellinghausen, zum Dirigenten ernannt. Mohr war damals schon sehr musikalisch; die Konzertzither spielte er meisterhaft. Ohne besondere Vorbildung erlernte er von sich aus Harmonielehre und Orgelspiel, beim Gesang war er im Angeben der Einsätze sehr sicher. Herr Pastor Lemmen, selbst ein tüchtiger Musiker, sagte damals schon, dass Mohr ihm im Choralgesang überlegen wäre. Bei diesem außerordentlichen Talent war es schade, dass Mohr keine gründliche Ausbildung bekam. Bernard Mohr aus Bellinghausen. Er war 50 Jahre Dirigent des Kirchenchores. Von Beruf war Mohr ein tüchtiger Schreiner, sein Sohn Johannes hatte ebenfalls das Schreinerhandwerk erlernt und es war ein schwerer Schlag für den Vater, als Johannes aus dem Krieg nicht zurückkam, er starb bei Stalingrad.
Trotzdem war sein Humor unbesiegbar und seine drastischen Redensarten machen heute noch die Runde bei den wenigen alten Sängern, die noch leben. Oft sagte er bei Beginn der Probe: 'Jetz möt ihr schön sengen, den Buch voll Odem un dann dran, un net su, als wenn mer övver en ahl Säg strich'. Ich kann hier diese Redensarten nicht alle wiedergeben, aber einen Vorfall möchte ich doch noch bemerken. Es war während der Abendpredigt einer früheren Mission, die von Franziskanerpatern gehalten wurde. Der Pater predigte an dem Abend laut und eindringlich von den Sündenstrafen, und als er eine kurze Pause machte, hielt alles den Atem an in Erwartung dessen, was nun kommen würde. Und dann geschah es: In diese große Stille hinein entschlüpfte einer Frau in den untersten Bänken der Frauenseite ein Rülpser. Eindringlich stieg der Ton zu der darüber liegenden Brüstung der Orgelbühne und war dort noch deutlich vernehmbar. Ob die Dame sich über die Predigt so erschreckt hatte, oder ob sie sich etwa beim Abendessen übernommen hatte, war natürlich nicht festzustellen. Als wir nach der Predigt die Orgeltreppe hinuntergingen sagte Mohr ganz trocken: 'Der Pater darf net mie esu laut predigen, söns werden die Fraulöck rebellisch'. Ich weiß nicht, ob ich mit der Wiedergabe dieser Begebenheit ein Sakrileg begangen habe, aber schließlich sind wir ja doch alle Menschen.
Der Kirchenchor, früher 45 bis 50 Mann stark, pflegte in der Hauptsache den liturgischen Choralgesang. Dieser war für jeden Sonntag verschieden und musste deshalb in den Proben, die regelmäßig freitags abends stattfanden, neu eingeübt werden. Diese wöchentlichen Proben waren immer gut besucht, trotz der winterlichen Dunkelheit, den weiten und damals schlechten Wegen. Was trotzdem die Sänger an Begeisterung für die gute Sache aufbrachten, kann nur der ermessen, der es selbst mitgemacht hat. Der Kirchenchor bestand früher aus drei Abteilungen: aktive Sänger, Ehrenmitglieder (das waren die früheren Sänger, die alters halber nicht mehr zur Probe kommen konnten) sowie inaktive Mitglieder, das waren Leute, die den Kirchenchor durch einen jährlichen Beitrag unterstützten. Die aktiven Sänger waren beitragsfrei."
Natürlich wurden neben dem kirchlichen Gesang auch weltliche Chöre und Lieder eingeübt. Auch die Geselligkeit wurde gepflegt. So hatten wir immer am zweiten Weihnachtsfeiertag abends einen Gesang- und Theaterabend. Da es damals noch kein Radio und kein Fernsehen gab, waren diese Veranstaltungen immer stark besucht. Cäcilia, als Tag der Schutzheiligen der Kirchenchöre, wurde immer festlich begangen. Morgens Festmesse in der Kirche und abends gemütliche Zusammenkunft im Vereinslokal mit Theater und Gesang, nebst 'Festessen'. Zu letzterem Zwecke schlachtete unser Vereinswirt, der 'Post-Mattes', vorher ein Schwein. Die edlen Teile von diesem Tier wurden dann am Festabend 'zu Ehren der heiligen Cäcilia' verzehrt. Zu diesem Festessen wurden die Geistlichkeit, die Ehrenmitglieder und die inaktiven Mitglieder eingeladen. Ich erinnere mich noch an einen Festabend, wo auch Kaplan Düster eingeladen war. U. a. gab es Bratwürste mit Sauerkraut. Pfarrer Lemmen schmunzelte während des Essens schon immer, und als wir fertig waren sagte der Pfarrer, er hätte soeben festgestellt, dass Kaplan Düster innerhalb zwei Tagen mit größtem Appetit zum vierten Male Sauerkraut gegessen habe. Die Haushälterin von Kaplan Düster war verreist; er war Samstagmittags und -abends an verschiedenen Stellen und sonntagmittags beim Pfarrer eingeladen. An jedem Tisch gab es Sauerkraut und abends bei uns zum Abschluss auch. Aber auch das Sauerkraut bei uns verzehrte Kaplan Düster sichtbar mit gutem Appetit.
Auch der Namenstag unseres Präses, des jeweiligen Pfarrers, wurde entsprechend gefeiert. Wir zogen abends mit einem Blumenstrauß bewaffnet zum Pfarrhaus. Dort wurde eine Ansprache gehalten, die Blumen wurden überreicht und man sang einige Lieder. Ich sehe ihn noch vor mir, den guten Pfarrer Horst mit dem freundlichen Gesicht und den roten Bäckchen. Nach der Gratulation kam bei Pfarrer Horst der obligatorische Griff in die Westentasche, wo ihm vorher seine Schwester ein Geldstück hineingesteckt hatte und dann zogen wir zum Vereinslokal, wo inzwischen der 'Post-Mattes' schon ein Fässchen Bier angeschlagen hatte.
An einem dieser Namenstagsabende hatte sich unser Mitglied, der 'Donnesch Thures' von Uthweiler wohl etwas viel zugetraut. Das Namenstagsbier wollte nicht zu Ende gehen und als es dann endlich alle war, zogen wir nach Hause. Thures hatte sichtlich Schlagseite, er tastete sich an den Häusern vorbei und als er dann bei Bürlings ankam und die Häuser „alle" wurden, stand er auf der Straße und rief: 'Hüser her, Hüser her'. Dieses „Stoßgebet" ist heute noch bekannt. Auch die jährlichen Dekanatsversammlungen der Kirchenchöre, die innerhalb des Dekanates stattfanden, besuchten wir regelmäßig. Eine Blütezeit hatte der Kirchenchor unter den Pfarrern Lemmen und Dick. Es verging fast kein Probeabend, wo diese nicht einmal kurz bei uns vorsprachen. Viele schöne Ausflüge haben wir mit diesen Herren gemacht.
Der Nachfolger von Commer als Organist war Peter Bellinghausen aus Eisbach, vorher Organist in Stieldorf. Ein Bruder von ihm, Wilhelm Bellinghausen aus Eisbach, kann im März seinen 93. Geburtstag feiern; er war über 50 Jahre Vorsitzender des Kirchenchores Oberpleis. Fast die gleiche Zeit waren die verstorbenen Bernhard Otto und Wilhelm Pannenbecker Schriftführer bzw. Kassierer. Als Peter Bellinghausen starb, war der Organistenposten einige Jahre verwaist. Während dieser Zeit wurde die Orgel abwechselnd von Peter Zens aus Weiler, Mitglied des Kirchenchores, und Bernard Mohr gespielt, bis dann der Kirchenvorstand der Ansicht war, dass Küster sowohl wie Organist und Dirigent Ersparnisse halber in eine Hand gelegt werden sollten. Nacheinander fungierten dann als Küster, Organist und Dirigent Hainbuchen, Schenk, Wirz und Clasen. Ich bedaure es heute noch, dass sich damals der Kirchenvorstand nicht entschließen konnte, den vorhin genannten Peter Zens, der jahrelang aushilfsweise die Orgel spielte, als Dirigent und Organist einzustellen, der ewige Wechsel wäre dann unterblieben. Zens ist heute noch Küster, Organist und Dirigent in Heisterbacherrott, außerdem ist er Dirigent einer ganzen Anzahl von Gesangvereinen.
Nach der Neuordnung der Messfeier und dem Wegfall der sonntäglichen lateinischen Liturgie hat der Kirchenchor nicht mehr die Bedeutung wie früher, deshalb soll durch diesen Bericht der Nachwelt vor Augen geführt werden, welchen Zweck früher der Kirchenchor zu erfüllen hatte. Ich muss gestehen, die heutige Messfeier gefällt mir auch ganz gut, sie ist dem Volke näher und verständlicher als die früheren lateinischen Gesänge. Trotzdem hat es mir als altem Kirchenchorsänger wohlgetan, als ich im Sommer bei Gelegenheit einer Reise in einer fremden Kirche war, wo ein Hochamt in alter Form mit Weihwasserausteilung usw. gehalten wurde. Allerdings wurde die Messe länger und ich stellte fest, dass viele Kirchenbesucher die Messe verließen, bevor sie zu Ende war. Von den früheren, älteren Mitgliedern des Kirchenchores leben heute nur noch wenige: Wilhelm Bellinghausen, Eisbach, 92 Jahre, war früher über 50 Jahre Vorsitzender des Kirchenchores. Ferner Peter Otto, Ruttscheid, 84 Jahre. Johann Bennerscheid, Eisbach, 83 Jahre. Toni Bellinghausen, Eisbach, 74 Jahre. Wilhelm Weber, Bellinghausen, 71 Jahre. Wilhelm Gratzfeld, Eisbach, 71 Jahre und Josef Bellinghausen, Eisbach 68 Jahre."
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