Aufnahme: 1972
Stadt oder Ortsteil - Hasenboseroth - das ist Heimat
Wie hätten Sie's denn gern? So könnte man angesichts der Tatsache fragen, daß selbst in amtlichen Schriftstücken der Stadt Königswinter einmal von·Stadtteilen und einmal von Ortsteilen zu lesen steht. Daß aber die Dörfer im Stadtgebiet weiter als "Ortsteile" - nämlich auf den Ortsschildern: - ausgewiesen sind, das fuchst manchen, der sich sagt: „Wir sind doch jetzt eine Stadt, da müßte es doch'auch „Stadtteil "heißen!"
Dafür waren jedenfalls ein paar Jecken, die im Oberpleiser- Karnevalszug, ein Schild mit der Aufschrift "Stadt Obeipleis" mitführten. Und das dachten sich auch einige Leute aus Thomasberg und Oberpleis, die zu Karneval 500 Schilder mit dem Aufruck „Stadt“ drucken ließen, genau in der Größe des Aufdrucks „Ort" auf den Ortsschildern. Aber, was ein groß angelegter Karnevalsscherz werden sollte - in ·einer Nacht- und Nebelaktion sollten die Ortsschilder im Stadtgebiet entsprechend „umgerüstet" werden - klappte nicht ganz. Warum, blieb bis zur Stunde ungeklärt. Vielleicht, ja wahrscheinlich, bekam man in letzter Minute Bedenken, weil die Aktion nicht ganz rechtmäßig gewesen wäre. Das Bekleben öffentlicher Schilder, so auch der Ortsschilder, nämlich ist gesetzlich verboten.
Obwohl die Mitarbeiter der Siebengebirgs-Zeitung, die von der Sache "Wind" bekommen hatten, sich anstrengten, um ein überklebtes Schild auszumachen, gelang es ihnen nicht. Schriftleiter Heinz Wicharz fuhr sogar ein halbes hundert Ortsschilder ab. Ohne Erfolg. Aber hartnäckig wie Presseleute sind: Er blieb auf der Spur und wurde fündig, allerdings mit Hilfe des Ordnungsamtes, das tatsächlich in Hasenboseroth (siehe Bild) ein entsprechend überklebtes Ortsschild zu entdecken vermochte.
Nun ist ein bißchen in die Hose gegangen, was erst ein Karnevalsscherz werden sollte, über den die ganze Stadt gelacht und sich gewiß viele Leute gefreut hätten. Gibt es da eh auch jetzt noch - viele „Stadt"-Bewohner, die sagen: „Das einzige, was wir von Königswinter bis heute Besonderes bekamen, ist das Bewußtsein, eine Stadt zu sein. Wenn wir aber doch weiter „Ortsteile" sind, wissen wir ja gar nicht, warum wir überhaupt den Namen Königswinter tragen sollten!"
Aber schließlich, und das sollte man nicht vergessen, liegt ein Ratsbeschluß vor, der besagt und bestimmt, daß die Dörfer „Ortsteile" sind. Ob man sich genierte, Sonderbusch als edlen „Stadtteil.'' zu bezeichnen? Gewiß, es mag in manchen Ohren etwas seltsam klingen, ein.Dorf, rundherum von Feldern umgeben und ohne den geringsten städtischen Anschein, als "Stadtteil" zu bezeichnen. Und so sieht es auch der Gesetzgeber - in diesem Falle der Königswinterer Stadtrat. Aber daß man auch anders entscheiden kann, zeigt die Stadt Bad Honnef, die auch Aegidienberg oder gar Orscheid als „Stadtteile" anerkennt und dies auf den Ortsschildern dokumentieren läßt.
Vielleicht überlegt sich der Königswinterer Stadtrat die Sache noch einmal und läßt die Schilder umrüsten auf „Stadt Königswinter, Stadtteil Oberpleis". Oder aber die alten Dörfer müssen erst einmal „städtisch" werden. Und hier tut sich doch wohl etwas. Man hört von Wolkenkratzern in Niederdollendorf. In den Siebengebirgsorten entstehen immer mehr Hochhäuser, große „städtische Wohnblocks". Lasset uns hoffen! Bald ändert sich das Bild, und mit dem städtischen Aussehen wird man auch die „Ortsteile" in echte „Stadtteile" verwandelt haben - vielleicht dann auch auf den Ortsschildern. Hoffentlich wird dann nur nicht die gefräßige Bundeshauptstadt eines Tages kommen und sagen: „Ach, ihr da am Siebengebirge seid schon so schön städtisch, wie wäre es, wenn ihr gleich Bonner würdet." Und dann können wohl auch - endlich - von kapitalkräftigen Leuten Hochhäuser gebaut werden, die den Ölberg um einiges überragen. Ja, das Stadtsein ist nicht leicht, ob man da nicht doch lieber mit seinem „Dorf" oder auch „Ortsteil" zufrieden sein sollte - wenn auch sonst alles beim Alten bliebe? Wilhelm Scheffen
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