Aufnahme: 1971
Jugend- und Schulerinnerungen, erzählt von Johann Bennerscheid, XVII. Teil
"Die Dorfgemeinschaft.
Früher war die Dorfgemeinschaft stärker als heute. Wenn zum Beispiel Bohnen, Kappes oder Stielmus zum Einkochen vorbereitet wurden, oder wenn Birnen zum Krautkochen geschält wurden, so war das eine Angelegenheit für die gesamte Nachbarschaft. Auch wenn eine Kuh kalbte, wurden die Nachbarsmänner zu Hilfe gerufen. Wenn sich dann die Kuh Zeit ließ, lagen die Männer hinter der Kuh im Stroh und erzählten sich Geschichten. Wenn die Kuh nicht voran wollte, so hieß es auch schon mal: 'Loß mer en de Köch john, wenn us die Koh he em Strüh lien sitt, ment die, sie hätt at jekallef.'
In alten Zeiten wohnte auch in Eisbach ein Viehhändler namens Lichtenberg. Ich erwähne das nur, weil dieser einmal auf originelle, man könnte auch sagen, auf unredliche Art einen Prozess gewonnen hat. Lichtenberg war ständig in Geldnöten, weshalb er auch nur billiges Vieh kaufen konnte. Einmal kaufte er eine ältere Kuh und im anderen Stall ein kleines Kälbchen, die er auf dem Viehmarkt in Pützchen verkaufen wollte. Ein Junge führte die Kuh am Strick und hinterher trottete Lichtenberg mit dem Kalb. Dem Kälbchen war der Weg zu weit, es legte sich unterwegs öfter hin und ließ erkennen, nicht mehr laufen zu können. Lichtenberg hob dann das arme Tier von der Erde auf, legte es der Kuh auf den Rücken und diese musste das Kälbchen so lange tragen, bis es wieder bei Kräften war.
Auf dem Markt fand Lichtenberg einen Käufer für Kuh und Kalb. Auf die Fragen des Käufers nach der Milchleistung, sagte Lichtenberg wiederholt: 'Die Kuh hat das Kalb getragen.' Jeder Bauer weiß, dass eine Kuh nach dem Kalben mehr Milch gibt als vorher. In diesem Falle blieb aber die Milch aus und der Käufer verklagte Lichtenberg. Dieser beschwor vor Gericht -wahrheitsgemäß-, dass die Kuh das Kalb getragen hätte und kam frei. Wie Lichtenberg das mit seinem Gewissen in Einklang brachte, das musste er selbst wissen.
Da hier von Milch die Rede ist, fällt mir eine Episode ein, die vor langer Zeit im Nachbardorf passiert ist und sich mündlich überliefert hat. Dort hatte ein wohlhabender Bauer eine Magd beschäftigt, die unter anderen Arbeiten auch die Kühe zu melken hatte. Eines Tages trat ihr eine unruhige Kuh in den vollen Eimer. Dieser ging zu Bruch und zehn Liter Milch flossen die Gosse hinunter. Der hartherzige Bauer verklagte die Magd auf Schadenersatz. Die Angelegenheit kam vor Gericht und da die arme Magd kein Geld für einen Anwalt hatte, hielt sie dort folgende Verteidigungsrede: 'Angenommen, Herr Richter, Ihr wäret en Koh un ech dät öch melleken, wenn Ür mir dann en den Eemer dät trädden, könnt ech dann dofür?' Solchen Argumenten war der Richter nicht gewachsen und er sprach die Magd frei.
Der Mann mit dem 'unflätigen' Beruf
Die alten Leute erzählten auch noch von einem anderen 'Handwerker', der vor langer Zeit in Eisbach gelebt hat - seinen Namen habe ich jedoch nie gehört -. Dieser Mann hatte einen 'unflätigen' Beruf, er leerte nämlich für wenig Geld den Leuten, die ihn bestellten, die Abortgrube. Sein Handwerkszeug war eine Schubkarre mit einer kleinen Tonne, einer Schöpfkelle und einem Holzstab mit Einkerbungen. Mit dem Stab stellte der Mann die Dimensionen der Grube fest und las an den Kerben sein 'Honorar' ab. Nach Gebrauch streifte der Mann den Stab mit der Hand ab und rieb ihn an seiner Hose wieder blank, damit die Einkerbungen wieder sichtbar wurden. Anscheinend hatte der Mann Sinn für Reinlichkeit.
Die Tätigkeit dieses Mannes ist daraus zu verstehen, wenn man bedenkt, dass es damals noch keine WC`s gab, auch gab es noch wenige Jauchekeller. Das 'Örtchen' lag wegen des 'Ozongehaltes' möglichst weit vom Hause ab, meistens in der Nähe des Viehstalles. Da die weite Entfernung bei Nacht besonders für alte Leute sehr beschwerlich war, musste der obligate Nachttopf gewissermaßen als 'Kurier' in Tätigkeit treten. Morgens, nach der 'Entrümpelung' wurde das Requisit außen neben dem Schlafkammerfenster an einen Haken gehangen, wo es dann abends wieder eingezogen wurde. Als kleiner Junge habe ich noch alte Bauernhäuser gesehen, wo der Nachttopf in der vorhin angegebenen Art 'offengelegt' war.
Der Reinigungsmann hielt anscheinend sehr auf Standesehre. Einmal beklagte er sich bei der Hausfrau, seine Arbeit wäre 'versaut' worden. Er hatte nämlich in der Grube ein paar alte Kinderschuhe gefunden. Ein andermal fiel von einem überhängenden Ast ein Apfel in die Grube. Der Mann fischte ihn heraus, rieb ihn im Grase und an seiner Hose blank und verzehrte ihn genüsslich. Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich diese 'unsaubere' Geschichte bringe, aber sie gehört ja auch zur Wiedergabe der 'guten alten Zeit'.
Der vorgesehene Bau einer Eisenbahn.
Wäre der Krieg 1870/71 nicht gekommen, so wäre heute Eisbach jedenfalls größer als Oberpleis. In den Jahren 1860 bis 1870 war eine Eisenbahn geplant und zwar im Zuge der Linie Köln-Frankfurt als Verbindungsstrecke zwischen Troisdorf und Limburg zur Entlastung der Sieg- und Rheinstrecke. In Eisbach, unterhalb der Stelle, wo jetzt die Kapelle steht, war das Gelände für den Bahnhof mit Pfählen abgesteckt. Den Bauern waren die Pfähle damals sehr hinderlich bei der Feldbestellung. Es war auch schon eine Straße vom Bahnhof Eisbach nach Oberpleis vermessen. Die Bahnstrecke ging über Pleiserhohn, Eisbach, Frohnhardt, Berghausen usw.
Diese geplante Eisenbahn war damals ein Ereignis für das stille Dorf Eisbach und ein beliebtes Gesprächsthema für die langen Winterabende. Die Bauern saßen dann in der dumpfen Stube des Dorfbarbiers zusammen, wobei der Viehhändler Lichtenberg als 'weitgereister Mann' den Kopf seiner langen Pfeife auf dem Fußboden ausklopfte und in die Asche den andächtig zuschauenden Bauern die Lage der Bahn und des Bahnhofes einzeichnete. An dem Bahnhof war Lichtenberg besonders interessiert. Sein altes, baufälliges Häuschen musste nämlich dabei weichen und Lichtenberg sah sich im Geiste schon als wohlbestallter Bahnhofswirt.
Es fehlte aber auch nicht an Abwehr, besonders bei den alten Leuten, die noch nie eine Eisenbahn gesehen hatten. Diese meinten, das wäre Teufelswerk und man müsse beten, dass Eisbach von diesem Unheil verschont bleibe. Die meisten Leute aber begrüßten die Bahn, besonders die jüngeren witterten dabei Arbeit und Verdienst. Trotz der hohen Vermessungskosten ist der geplante Bahnbau nach dem Kriege 1870/71 nicht wieder aufgegriffen worden, vielleicht war er strategisch nicht mehr so wichtig. Wäre damals die Bahn gebaut worden, so hätte wohl die Rhein-Sieg-Eisenbahn nie das Licht der Welt erblickt."
Fortsetzung folgt
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