Aufnahme: 1969
Jugend- und Schulerinnerungen, erzählt von Johann Bennerscheid XI. Teil
Das alte Kaufhaus Deesen
Im März dieses Jahres schloss nach über 150jährigem Bestehen eines der ältesten Oberpleiser Geschäfte, das Kaufhaus Dresen, seine Pforten. Damit verschwand wieder ein altes Stück Oberpleis. Die Familie Dresen übergab ihre Geschäftsräume, bis zum Heranwachsen der jüngeren Generation, der Siegburger Firma Hohage. Der Werdegang des Hauses Dresen ist mir bekannt und ich möchte ihn hier im Zuge meiner Jugenderinnerungen der Nachwelt überliefern. Im Jahre 1821 gründete der Weißgerber Bernhard Dresen aus der Wahlfeldermühle in Oberpleis eine Weißgerberei mit einem kleinen Haushaltswarengeschäft. Er war verheiratet mit Magdalene Bellinghausen vom Bellinghauserhof. Damals hieß es im Volksmund vielfach: „Im Weißgerbershus" statt Dresen.
In meiner Jugend wurde dieser Name noch viel von den alten Leuten gebraucht. Als Bernhard Dresen starb, erbte und vergrößerte sein Sohn Balthasar das Geschäft. Balthasar war ein urwüchsiger Oberpleiser und allgemein unter dem Namen „Ohm Baltes" bekannt. Baltes hatte auch die Genehmigung zum Schnapsausschank. Da sich diese Genehmigung aber nur auf den Stehausschank bezog, mussten die Gäste die „scharfen" Sachen stehend einnehmen. Beim „Ohm Baltes" ging es immer urgemütlich zu, besonders sonntags nach dem Hochamt, dann standen die Bauern um die große Korbflasche im Laden, diskutierten über Vieh- und Getreidepreise, auch schon mal über Politik und der Baltes schenkte ihnen dabei den Kornbranntwein aus.
Es lag auf der Hand, dass diese Sitzungen, vielmehr „Stehungen" manchmal über Gebühr ausgedehnt wurden. So kam eines Montags eine Frau von Rübhausen in den Laden von Dresen und sagte: „Baltes, dohn mir es ene Schnaps." Nachdem die Frau den Schnaps getrunken hatte, sagte sie: „Jetzt kann ech och begriefen, weshalb menge Mechel gestern esu spät us der Humeß hemkohm, Baltes, schött mer noch enen." Dieser Ausdruck der Frau wurde damals zum geflügelten Wort, immer wieder hieß es: „Baltes, schött mer noch enen." Es war damals eine gemütliche Zeit.
Peter Dresen, der von seinem Vater Balthasar das Geschäft erbte, ist nicht alt geworden; ich habe ihn kaum noch gekannt. Seinen Bruder, den Ohm Bernhard, habe ich aber noch sehr gut in der Erinnerung. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er in der weißen Schürze hinter der Theke stand. Ohm Bernhard hat später in Altenkirchen selbständig ein Geschäft angefangen. Die Frau von Peter Dresen hieß Katharina geb. Thiebes. Sie war eines von den bekannten drei „Thiebesmädchen". Thiebes Griet (Frau Koch), Thiebes Trin (Frau Dresen) und Thiebes Fränz (Frau Müller). Frau Dresen war eine gute Geschäftsfrau. Von ihr erhielten wir Kinder, wenn wir etwas kauften, immer die großen gelben Honigkaramellen, die in einem großen Glas auf der Theke standen und von uns Kindern sehnsüchtig betrachtet wurden. Wenn ich auf dem Schulweg Ware mitbringen musste, teilte ich mir diese in kleine Mengen ein, um möglichst viele Karamellen zu erhalten.
Es war für eine Frau ein sehr großes Wagnis, als Frau Dresen im Jahre 1913 das große Geschäft in der heutigen Form baute, es zeugte von einem geschäftlichen Weitblick und Unternehmungsgeist, der allgemein bewundert wurde. Die letzte Inhaberin war Katharina Dresen geb. Reuter. Über diese brauche ich wohl nicht viel zu schreiben, sie ist noch Jedermann als beliebte, tüchtige und umsichtige Geschäftsfrau bekannt. Leider starb ihr Mann, Peter, ein guter Freund von mir, viel zu zu früh. Aber sie meisterte ihre Aufgabe und führte das große Geschäft in vollendeter Form weiter, wobei ihr „Tante Lena" treulich zur Seite stand.
Wenn es auch einerseits bedauerlich ist, dass mit der Aufgabe des anderthalb Jahrhunderte alten Geschäftes wieder ein Stück Poesie des alten Oberpleis verloren ging, so muss man doch andererseits sagen, Frau Dresen hat richtig gehandelt, wenn sie es auch schweren Herzens getan hat. Man kann es verstehen, sie selbst wird älter, der Konkurrenzkampf wird härter, das Geschäft muss immer auf der Höhe gehalten werden usw., dieses alles ist für eine Frau doch etwas viel. Man kann auch nicht wissen, was später kommen kann, Nachwuchs ist da und damit stehen alle Möglichkeiten offen.
Das 1913 erbaute Geschäftshaus Dresen, heute Kaufhaus Hohage. Photo: Steeg
Der neue Inhaber des Kaufhauses Dresen.
Am 7. März 1969 wurde das Kaufhaus Dresen nach vollkommener Neueinrichtung von der Firma Hohage aus Siegburg wiedereröffnet. Das Sortiment der Firma umfasst im 1. Stock: Haushaltwaren, Glas, Porzellan, Geschenkartikel, Möbel, Spielwaren, Heimwerkerbedarf, Elektrobedarf und Lampen. Außerdem eine groß angelegte Gardinen-Abteilung.
Im Erdgeschoß befindet sich die Textilabteilung einschließlich Damen-Oberbekleidung. Außerdem die Abteilungen Lederwaren, Schuhwaren, Schreibwaren, Uhren, Schmuck, Parfümerie und Sämereien. Der Firmenchef ist bemüht, ein möglichst breites Sortiment unter einem Dach für den Kunden bereit zu halten.
Heinrich Hohage ist gebürtiger Westfale. Er gründete Ende 1945 in Siegburg ein Geschäft für Haushaltswaren. Durch gute Beziehungen zur Industrie konnte immer Ware für den freien Verkauf beschafft werden. Erinnert sei nur an die Tausende von „Kesselchen" die die Firma frei, ohne Bezugsscheine, verkaufen konnte. Durch diese Aktionen kam die Firma Hohage weit über Siegburg hinaus ins Gespräch. Der richtige Aufschwung aber setzte erst nach der Währungsreform unter dem Leitsatz „Gute Ware zu kleinem Preis" ein. Die Geschäftsräume wurden laufend vergrößert und so weit wie möglich modernisiert. Dazu gehörte auch frühzeitige Umstellung auf Freiwahl. Durch die Ehefrau tatkräftig unterstützt erfolgte im Herbst 1963 die Umstellung auf Kaufhausbetrieb. Geführt wurden nun außer Haushaltswaren und Glas - Porzellan - Geschenkartikel auch Kleinmöbel, Polstermöbel, Spielwaren, Uhren, Schmuck, Papier- und Lederwaren. Beschäftigt waren bis zu diesem Zeitpunkt ca. 40 Mitarbeiter.
Durch Tochter und Schwiegersohn unterstützt erfolgte 1966 eine Filialgründung in Waldbröl. Hier wurde das Sortiment wesentlich erweitert und ausgedehnt auf Textilwaren, Schuhwaren, Parfümerie, Rundfunk und Schallplatten. 1967 wurde ein Zentrallager in Niederpleis nach modernsten Erkenntnissen erbaut und Anfang 1968 in Betrieb genommen. An drei Laderampen ist gleichzeitige Abfertigung fremder und eigener LKW's möglich. Im Spätherbst 1968 fiel die Entscheidung, nach Oberpleis zu gehen und das dortige Unternehmen Kaufhaus Dresen zu übernehmen. Zurzeit beschäftigt die Firma Hohage 75 Mitarbeiter. über seine geschäftliche Tätigkeit hinaus findet der Firmenchef immer noch Zeit zur Mitarbeit in den verschiedensten Gremien. So ist er u. a. Handelsrichter beim Landgericht Bonn und Mitglied der Vollversammlung der Industrie und Handelskammer Bonn.
Fortsetzung folgt.
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