Aufnahme: 1968

Johann Bennerscheid aus Eisbach

Zu seinem achtzigsten Geburtstag erschien in der Siebengebirgs-Zeitung folgende Würdigung:

"Am morgigen Samstag, dem 29. Juni 1968, vollendet Herr Johann Bennerscheid aus Eisbach bei Oberpleis sein 80. Lebensjahr. Damit kann das noch recht rüstige 'Geburtstagskind' auf ein langes, bewegtes Leben zurückblicken, auf 8 Jahrzehnte voller Freude, aber auch voller Leid. Unsere Leser haben in den letzten Jahren Herrn Bennerscheid in seiner stillen und schlichten Art kennen und schätzen gelernt. Ohne seine wertvolle Mitarbeit und das bereitwillige Zur-Verfügung-Stellen zahlreicher Dokumente und Unterlagen wäre die Zusammenstellung mancher heimatkundlicher Abhandlung fast unmöglich gewesen. Aber erst seine 'Jugenderinnerungen', mit deren Abdruck wir Anfang des Jahres begannen, haben ihn besonders beliebt und bekannt gemacht. Keiner unserer bisher veröffentlichten Heimatberichte hat so viel Anklang bei unserer Leserschaft gefunden wie die köstlich-heiteren Erlebnisse von Herrn Bennerscheid.

In zahlreichen Leserbriefen aus allen Bevölkerungsschichten (Professoren, Studienräte, Angestellte und Arbeiter) erhielten wir, und damit erst recht der Autor, begeisterte Zustimmung. An dieser Stelle reicht der Raum nicht aus, um alle die vielen Briefe zu veröffentlichen. Wir werden gelegentlich einmal darauf zurückkommen. Anlässlich seines Geburtstages baten wir Herrn Bennerscheid — der zwar gerne sein Wissen um die Heimat mitteilt, aber ansonsten wenn es um seine eigene Person geht, sehr pressescheu ist — uns einige Daten aus seinem langen Leben mitzuteilen. Daraufhin verfasste er für uns, gewürzt mit seinem ihm eigenen Humor, die nachfolgende Lebensgeschichte:

'Ich wurde 1888 auf Peter und Paul geboren. Damals war das noch ein hoher Feiertag, nicht wegen meines Geburtstages, sondern zum Gedenken an die zwei großen Heiligen. Heute, wo die Menschen anscheinend nicht mehr viel zu beten brauchen, ist dieser schöne Feiertag entfallen.

Mein Eintritt in diese Welt wurde durch 'et Nedermicher Stin' erleichtert. Es war dies die Bezirkshebamme, Frau Christine Pütz, aus Oberpleis Niederbach, Mutter der Frau Reuter geb. Pütz, im Volksmund 'et Neddermiche Stin' genannt. Wenn wir Kinder schon mal nach der Herkunft der Kinder fragten, so wurde uns gesagt, die lägen auf dem Ölberge unter den Steinen, wer ein Kind haben wolle, müsse das dem 'Stin' sagen, die hole es dann in ihrem Körbchen und bringe es zu den Leuten. Wenn wir auf unserem Schulwege schon mal der Frau Pütz mit ihrem schwarzen Körbchen begegneten, hatten wir große Ehrfurcht vor ihr und vermeinten schon mal das Weinen der Kinder in dem Körbchen zu hören. Meine Windel- und Feuchtigkeitszeit war wie bei allen kleinen Kindern. Auch die Schulzeit brauche ich nicht zu beschreiben, ich habe dieses schon an anderer Stelle ausführlich getan.

Als ich aus der Schule kam, meinte mein Vater, ich wäre was 'pippig' für körperliche Arbeiten, darauf sagte mein acht Jahre älterer Bruder, ich solle Lehrer werden. Als ich dies hörte, dachte ich an meinen Lehrer Schwindt, und ich wehrte mich trotz meiner 'Pippigkeit' mit Armen und Beinen dagegen. Darauf brachte mich mein Vater zu seinem Schulfreund, dem Gemeinderentmeister Müller in Oberpleis, wo ich drei Jahre 'Kassenstift' war. Nach Ablauf dieser Zeit, kurz vor meiner Versetzung an die Gemeindekasse in Hennef, starb mein einziger Bruder. Nun war Vater allein und wünschte, dass ich zu Hause blieb.

Der Gemeinderentmeister Müller war ein gestrenger Lehrmeister und ein äußerst korrekter, pflichttreuer Beamter, ein Arbeitsmensch echter Güte. Er verwaltete die Finanzen der Gemeinden Oberpleis und Stieldorf, er war Rendant der Kirchenkasse und der Ortskrankenkasse sowie Geschäftsführer der Provinzial-Feuerversicherung, obendrein hatte er auch noch das Amt eines Schiedsmannes inne. Alle diese Arbeiten erledigte er mit mir allein, nur bei besonderen Anlässen nahm er sich eine Hilfe. Die Arbeitszeit war normal von 8 — 12 und nachmittags von 14 — 17 Uhr. Samstags war der Nachmittag frei, aber nur wenn keine dringende Arbeit vorlag. Im Übrigen richtete sich der Feierabend meistens nach der vorliegenden Arbeit. Mit Sprechen war Herr Müller sehr sparsam, und da es damals noch nicht üblich war, dass ein Lehrling auch sprechen durfte, wenn er nicht gefragt wurde, kamen Tage vor, wo fast überhaupt nichts gesprochen wurde. Außerdienstliche Gespräche gab es nicht. Wenn ich heute auf den Ämtern manchmal das überhebliche Benehmen der Herrn Lehrlinge bemerke, so denke ich oft an meine eigene Lehrzeit zurück. Ich habe in den drei Jahren gelernt, dass man auch durch die Welt kommen kann, ohne viel zu reden. Dann habe ich, bis ich 26 Jahre alt war, meinem Vater in der Werkstätte als Stellmacher und Schreiner sowie in unserer kleinen Landwirtschaft und in der Ausführung der Geschäfte für die Gräflich von Spee'sche Verwaltung geholfen.

1914 wurde ich Soldat und machte den Krieg von Anfang bis Schluss mit. Meine große Interesselosigkeit am Militär hat wohl dazu beigetragen, dass wir damals den Krieg verloren haben. Ich habe nie auf einen Menschen geschossen, aus Angst, ich hätte ihn unvorsichtigerweise treffen können. Den Schluss des Krieges habe ich, nachdem ich vier Monate wegen eines Fußleidens im Lazarett gelegen hatte, in Koblenz mitgemacht. Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner wurde ich entlassen. Als ich nach Hause kam, war mein Vater krank und starb wenige Wochen später. Nun war ich mit einer alten Tante allein. Meine Mutter habe ich nie gekannt. Es blieb mir nur die Wahl, entweder mich aufzuhängen oder ins Kloster zu gehen oder zu heiraten. Ich habe mich zum letzteren entschlossen, und wenn ich bedenke, dass mein Heiratszylinder 45 Billionen Mark gekostet hat, so können Sie sich vorstellen, welche Zeit das gewesen ist. Um einigermaßen Hochzeit halten zu können, habe ich gute Leute gefunden, denen ich heute noch dankbar bin. Vom Metzger Josef Lichtenberg habe ich 20 Pfund Fleisch bekommen. Damals eine Kostbarkeit.

Ich musste das Fleisch des Nachts durch die Hintertür hinaustragen. Als ich damit auf die Straße kam, stand dort unglücklicherweise der 'Schmitz Dures' (Wachtmeister Schmitz) auf Posten. Als er mein Paket sah, sagte er: 'Johann, do häsde evver och jett, wat du net hann dasch'. Ich setzte alles auf eine Karte und sagte dummdreist: 'Dat jitt dich doch nix ahn'. Schmitz hätte mich nun gesetzlich ausplündern müssen. Die gute Seele sagte aber: ‚Maach datt du hem küs’. Der gute alte Balensiefen brachte mir 30 Pfund Mehl für die 'Hochzeitsplätz'. Als er dabei erwischt und auch bestraft wurde, sagte er nur: 'Dat ös net schlemm, datt wor irsch et zehnte Mol.' Balensiefen war ein guter Mensch, er half den Leuten in der armen Zeit wo er nur konnte.

Da beim Eintritt in die Ehe — auch der allerbesten — die Selbständigkeit gewissermaßen aufhört, ist es mir weiterhin ergangen wie allen armen Ehemännern, weshalb es auch weiter nichts mehr zu berichten gibt.'

Natürlich gäbe es bei weitem mehr zu berichten, aber das ist so die Einstellung von Herrn Bennerscheid, nicht zuviel 'Puhei', wie er es selbst nennt, um einen alten, 'verkalkten Mann' machen. Wir freuen uns jedenfalls, dass Herr Johann Bennerscheid — braungebrannt von einem längeren Urlaub soeben zurückgekehrt — in voller Rüstigkeit im Kreise seiner Familie seinen Geburtstag feiern kann. Wir bedanken uns für alles, was er bisher für die Siebengebirgs-Zeitung getan hat, wünschen ihm zu seinem Ehrentag alles Gute und für seine Zukunft Gesundheit, Wohlergehen und recht viel Glück."

Heinz Wicharz


Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 26 vom 29. Juni 1968
Zur Verfügung gestellt von
Friedrich Müller Heinz Wicharz - Johann Bennerscheid erinnert sich
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