Aufnahme: 1973
Unsere Heimatsprache ist Sonderklasse
Arme hochdeutsche Ohren, die plötzlich einem Dialekt ausgesetzt sind, von dem sie bestenfalls nur "Bahnhof" verstehen. Aber auch der "plattgeborene" Siebengebirgler weiß manchmal seinen Kauderwelch nicht in die gehobene Sprache zu übersetzen. Ich habe es am eigenen Leibe erfahren und das auch noch am Aschermittwoch beim traditionellen Fischessen, wo jedermann aufatmete, weil der Buhei der verdötschten Tage endlich vorbei war. „Hör mal, Jodokus", sagte eine Bekannte zu mir. „Da habe ich neulich im Rahmen der Sitzung einen Büttenredner namens „Tütenüggel" erlebt. - Du kennst dich doch im „Buure-Platt" aus. Meine dialektfremden Verwandten wollen nämlich den „Tütenüggel" ins Hochdeutsche übersetzt haben."
Da saß ich nun vor meinem gebratenen Seelachs und kaute am Tütenüggel herum. Das Wort „Nüqgel" machte mir kaum Schwierigkeiten, denn wer kennt schließlich keinen Schnuller, das wichtigste Gerät, um ein Kleinkind zu „tüten". Besser gesagt, um dem Köttel die Illusion des Milchtrinkens unterzujubeln. Eigentlich sehr verwerflich, denn damit wird der hilflose Mensch bereits in seinen ersten Lebenswochen scheußlich betrogen. - Im Gegensatz zu später, wo der erwachsene Mann zwar genauso intensiv an der Bierflasche „nüggelt ", aber dank seiner Lebenserfahrung sofort feststellt, wenn nichts mehr hinterher kommt. Das nennt man dann Intelligenz.
Aber zurück zum Tütenüggel, genauer gesagt zum „tüten". Wir Bundesbürger erleben ja täglich, daß wir betütet werden. Man braucht nur an die Wahlen zu denken, an gewisse Sozialversprechen oder gar an den Preisdrachen, der bereits so hoch steht, daß die Kordel kaum noch ausreicht, um ihn festzuhalten. „Tüten" heißt kräftig ins Horn stoßen, um andere, meist bessere Töne zu überlagern. Auch der erwähnte Büttredner „tütet " ohne Hemmungen den Zuhörern seine Kalauer in die Ohren und trägt damit den ersten Teil seines Namens zu Recht. Nur den „ Nüggel " weiß man an ihm nicht einzuordnen. Der Herr hätte besser statt „Nüggel " den „Büggel " ans Pseudo-Ende gesetzt, obwohl „Tütebüggel " auch nicht viel besser klingt. Ein „Höttebüggel" ließe sich dagegen lupenrein ins Hochdeutsche übersetzen - Hüttenbeutel. Aber sagen Sie selbst, liebe Leser, klingt das dann noch wie ein rheinischer Kosename?
„Höttebüggel" oder „Muzepuckel " ist doch dasselbe, nicht wahr", meinte Amanda. „Oh nein, mein Schatz", belehrte ich sie. „Muzepuckel ist ein unausstehlicher Mensch, denn, muzig' heißt soviel wie grantig, knurrig und bitter." „Pfui, schäme dich, Jodokus", fauchte sie mich an. „Das sagst du nur, weil mir neulich die „Muzemändelchen" nicht geraten sind."
Wirklich, Leute, unsere Sprache hat's in sich. Hoffentlich kommt jetzt niemand, der den Muze-Unterschied zwischen Buckeln und mandelähnlichem Gebäck erklärt haben möchte.
Es gibt eben Wörter in unserem Sprachschatz, die durch nichts zu ersetzen, aber auch auf keine Weise zu veredeln sind, z. B. „Roomhäb". Nein, nein, das ist nicht das Flatschbeil des Zimmermannes, Roomhäb ist ein großes Haumesser, mit dem damals vorwiegend Bohnenstangen angespitzt wurden. Gewiß, man könnte Bohnenstangenanspitzgerät sagen, aber damit hätte man die gute, alte „ Roomhäb" regelrecht vergewaltigt.
An der „Roomhäb " sind schon studierte Köpfe gescheitert. Es gibt einfach kein vernünftiges hochdeutsches Wort für das Ding. Auch mit der Auseinanderpiddelogie kommt man nicht viel weiter. Während der „Room" (Pfahl) ein Überbleibsel der Römer ist, stammt die „Häb" aus Urgroßvaters Holzschuppen und dürfte mit Hieb oder Haue der Sache noch am nächsten kommen. Beides zusammen ergibt eben die „Roomhäb" - von mir aus auch Pfahl-Haue.
Eigentlich schade, daß die alten Ausdrücke immer weiter in die Versenkung geraten. Man sollte von Zeit zu Zeit ein paar davon herauskramen und darüber schreiben. -Wenn Sie nichts dagegen haben, liebe Dialektfreunde, werden wir das gelegentlich auch tun.
Genießen Sie derweil den Frühling, aber schneiden Sie keine „Maukätzje" ab, das ist nämlich verboten. Bis zum nächsten Male, mit den besten Wünschen Ihr JODOKUS
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