Aufnahme: 1964
Die Kammersprengung im Steinbruch Hühnerberg
Schwarz, mit hüben einem bläulichen, drüben einem braunen Schimmer, starrten die Wände aus Basalt um die gewaltige Arena des Steinbruches auf dem Hühnerberg im Siebengebirge.
Ich hatte ihn schon als Junge gekannt, vor dreißig und mehr Jahren. Damals gab es da vor allem noch die schlanken Säulen. Einmal habe ich im kleinen Kessel gestanden, den eine Art von Hohlweg mit der festen Straße verband. Hoch an der Wand hing ein Mann. Man konnte das Seil nicht erkennen, mit dem er festgehalten wurde und dessen Ende sich oben über der Bruchkante um ein Birkenstämmchen wand, wie man mir sagte. Ich sah nur den Mann, wie er die schweren Schuhe mit gespreizten Beinen gegen den senkrechten Berg stemmte und mit einem Pickel ein Basaltstück aus dem Verband löste, der wie die Pfeifen eines unendlichen düsteren Orgelwerkes das südliche Halbrund des Bruches umfing.
Ich weiß nicht mehr, wie er es fertigbrachte, die blaue Säule ungefährdet hinabgleiten zu lassen, und ob er noch weitere Säulen losbrach; ich fühle aber heute noch die Spannung in meinem Herzen und etwas von Hoffnung oder Angst, wie das wohl auf die Dauer ausgehen möge. Den Steinbruch habe ich in langen Jahren nicht mehr betreten. Denn eben jener Mann wurde ein paar Tage später auf einem WägeIchen ins Dorf gebracht, wo er nach wenigen Stunden starb. Das Seil hatte sich an der Felsenkante durchgescheuert, der Mann war abgestürzt. Der mehrfache Schädelbruch hatte ihn nicht mehr zum Bewußtsein kommen lassen.
Und nun, nach dreißig Jahren, stand ich zum ersten Male im gleichen Steinbruch: „Sie müssen mit zum Berg", hatte ein Freund gesagt. „Eine Kammersprengung sieht man nicht alle Tage." Wir waren in den Wagen gestiegen, der uns in wenigen Minuten bis zum Steinbruch brachte. Es hatte dort eine erstaunliche Entwicklung gegeben. Man hatte einen Brecher gebaut, der mit Maschinenkraft auch die kleineren und nicht säulenförmigen Steine mit gewaltigem Getöse zertrümmerte, der eine sich stur- und langweilig drehende Trommel besaß, die die Steintrümmer vom groben Schotter bis zum feinsten Splitt sortierte. Eine Seilbahn spannte über den Berg bis hinab zur Eisenbahn. Nun standen die wuchtigen Brecher und die polternde Trommel still.
Die Seilbahn ließ ihre Wägelchen verlassen über den Talschluchten hängen. Die täglich früher einfallende Septemberdämmerung kündete sich bereits an, und eine kleine Gruppe von Menschen stand wartend um einen Werkzeugschuppen am nördlichen Ende des Steinbruches. Wir traten hinzu, begrüßten alte Bekannte, sprachen irgend etwas miteinander; aber ich war doch nicht so ganz bei der Sache. Der Berg hatte mich vielmehr in seiner Art eingefangen. Ich sah wieder die steile Wand des kleinen Kessels vor mir wie vor dreißig Jahren. Und nun weitete sich der alte kleine Bruch, der nur ein Loch im Berg gewesen war, zum gewaltigen Rund eines ungeheuren Kraters. Aber es war eine Ordnung in dem mächtigen Kreis. Zwei Terrassen schoben sich übereinander. Dreißig Meter hoch ragte die untere, blaugraue Wand über einer ovalen Fläche im Grund. Zwanzig Meter breit war die Plattform der Terrasse, und fast vierzig Meter ragte die zweite braunschwarze Wand darüber. Locker schichtete sich ein schmaler Streifen Erde mit gelbem Sand und weißen Kieseln über das Gefels, und ein ganz dünner Saum dumpfgrauen Waldbodens bildete mit einigen Heidebüschen den Abschluß.
All dieser blauschwarze Stein dort war einst eine glühende, heiße, zähflüssig rote Masse gewesen, die die Erde von innen her meilenweit zum Erbeben gebracht hatte. Dieses Feuer war nun zwar erloschen, und ich dachte, daß es vielleicht nur einmal einen Anstoß zu geben brauche, er müsse nur stark genug sein, um die Glut ebenso gewaltig wieder zu entfachen. Wir standen auf der mittleren Terrasse. Zu unseren Füßen ging ein Bremsberg zur Sohle. Der Rand der Steilwand drüben war fast vierhundert Meter entfernt. Zumal nun der Himmel sich mit goldenen und purpurnen Wolken zu färben begann, erschien der Grund noch düsterer. Drüben unter der Wand machten sich einige Leute zu schaffen. Man sah aber nur bewegliche Punkte. Nun rückten die winzigen Wesen aus dem Schatten heraus, sie wurden zu grauem Gnomen vom Berg, und die Gnomen entpuppten sich, als sie den Bremsweg heraufkamen, als blondköpfige Steinbrucharbeiter.
Ich hörte: „In fünf Minuten kommt der Schießmeister, in einer Viertelstunde wird gesprengt.“ Ich hörte noch anderes, was gesprochen wurde, aber ich vernahm es nur mit halbem Ohr. Ich trat aus dem Schutz der Hütte heraus und ging langsam gegen den Bremsberg hin. Ein Beamter der Steinbruchverwaltung sagte den aufmerksamen Gästen; „Wir haben da unten einen Stollen in den Berg getrieben mit Gesteinsbohrer und Dynamitpatronen. Der Stollen hat die Form eines lateinischen T. Er ist noch nicht ein Meter hoch und breit, und es war eine mühsame Arbeit. Vierzehn Meter tief geht der Stichstollen waagerecht in die Wand und zu beiden Seiten dann der Querstollen je zehn Meter weit. Wir haben zwei Tonnen Sprengstoff in die Querstollen verstaut, und was noch offen war, zumal den Zugangsstollen haben wir wieder fest mit Gestein verbaut.“ „Und wieviel Basalt soll gesprengt werden?" fragte jemand. . Achtzig tausend Tonnen. „Achtzig Millionen Kilogramm härtester Stein mit einem Schuß!"
In diesem Augenblick erst sah ich das kleine schwarze Loch fern am Rande der Sohle. Es kam mir vor, als ob es auf mich zu rücke, und mußte an die feine, kleine Mündung eines Geschützes denken. Zwei Tonnen Sprengstoff lauerten dahinter in der steinernen Kammer. Wenn der Schuß sich hier einen Weg ins Freie bahnte? Unter den wenigen zugelassenen Gästen - die Wege zum zum Bruch waren im Umkreise von mehreren hundert Metern gesperrt – mochte ein ähnlicher Gedanke laut geworden sein. Der Ingenieur sagte: "Die Richtung des Stichstollens geht etwa drüben zwanzig Meter links am Brecher vorbei. Immerhin, der Stollen ist kein Kanonenlauf. Dort kommt der Schießmeister. Bitte, gehen Sie in Deckung." Auf diese Worte des Ingenieurs mußte ich wohl nur halb gehört haben. Ich stand zwar nun nicht mehr am Rand des tiefen Bruches, jedoch unmittelbar an der Holzbaracke und gegen deren Wand gelehnt, so daß ich die dunkle Mündung drüben genau im Auge hatte, Und doch dachte ich mehr an den glühenden Berg, und ich hatte die Empfindung, auf einem zitternden Vulkan zu stehen, Obwohl doch soeben der Schießmeister ruhig und gelassen, so, als ob gar nichts Besonderes geschehe, über dem Ende des Bremsberges auftauchte und langsam auf den Ingenieur zukam.
In diesem Augenblick rief mich jemand an. Wahrscheinlich sollte ich in Deckung kommen, aber im gleichen Augenblick — ich hatte den Kopf gewandt und sah nicht auf die Steilwand, - spürte ich die Erde, nein, den ganzen Berg unter mir erzittern, Nein, auch das ist nicht richtig. Nicht allein der Berg bebte, ein Sausen erfüllte die Luft, die Bäume, die Menschen, ein Grollen stieß in Wellen nach allen Richtungen des Raumes und meine Augen wurden wie von Magneten hinüber zum Herd des seltsamen Geschehens gezogen. Wirklich, es gab keinen Knall und keinen Schlag, nur dieses Zittern. Und im gleichen Augenblick war der rostige Schimmer der Wolken verschwunden und die mächtige Basaltwand war einfach nicht mehr da! Stöhnend hob sich der Berg wie eine gewaltig atmende Brust, und dann brach er zusammen. Züngelnde rote Flammen entquollen klaffenden Rissen. Wo noch vor einer Sekunde der Fels gestanden hatte, wie für Ewigkeiten gebaut, trat aus düsterem Rauchnebel ein glühender Kegel hervor. Ja, die Steine selber brannten. Aus ihrer unverglühbaren Masse schlugen zuckend und bebend Flammen hervor. Purpur leckten sie nach oben, geil schwebten sie hinab, so, als ob sie neue Herde zur Zündung suchten. Dann wieder war die Glut der Steine so, als ob sie doch nicht selber entzündet wären, sondern sie glühten, wie unsere Finger glühen, wenn in völliger Finsternis eine kleine Lampe oder eine einzige Kerzenflamme dahinter brennt, so von innen heraus und doch von fremder Kraft.
Das Blut der Steine war für diesen Augenblick aufgewacht, denn es stieg überhaupt kein Dampf und kein Rauch mehr auf nach dem ersten Schlag, und es war ein Geheimnis, wie aus der rein mineralischen Masse fast eine Viertelstunde die tiefroten Flammen schlugen. Aber die Kraft der Entzündung hatte doch nicht genügt, den Vulkan aus seiner zehntausend Jahre alten Ruhe zu erwecken. Die Flammen krochen zurück, ein ungeheurer Trümmerhaufen lag nur noch da und bis zum anderen Morgen würde er sich soweit abgekühlt haben. daß seine Stücke in den Brecher wandern konnten, der sie kaltblütig zermalmte. Nur auf die größten Klötze mußte man Dynamitpatronen legen, die sie wie mit brutalem Hammerschlag noch in Stücke rissen. Der Himmel blühte wieder und es war, als ob es nun viel heller würde als in der ganzen Zeit der Vorbereitung des großen Sprengungsschlages.
Inzwischen waren alle Teilnehmer dieses Ereignisses aus dem kümmerlichen Schatten des Schuppens herausgetreten. Auf den Gesichtern der meisten lag ein merkwürdig lustiger und belustigender Zug, so, als ob niemand wahrhaben wollte, daß ein gefährlicher Augenblick vorüber sei, so, als ob man sagen wollte: Gewiß, es hätte aus dem Stollen eine verderbliche Kanonade kommen können! Aber unsere Technik! Unsere Sicherheit! Wahrhaftig, wie bändigen sie, die Elemente, und wenn wir sie loslassen, stecken wir ihnen ganz genau den Zaun! Der Ingenieur erzählte noch: „Ja, genau vor einem Jahr, da ging der Schuß fehl. Zum Glück hatten wir nur eine Tonne Sprengstoff. Der Berg riß unmittelbar neben dem Stollen auf und die Brocken flogen fast zweitausend Meter weit und über das Dorf Altenscheid hinweg. Es ist weiter kein Unglück geschehen. Wenn heute der Schuß in den Stichstollen gegangen wäre - - -“ Er sagte nichts weiter, und merkwürdigerweise war die Gesellschaft ebenso schnell wieder zersprengt, wie sie sich gefunden hatte. Meine Freunde riefen schon vom Wagen her. Wir fuhren rund um die herrlichen Vulkankegel des Siebengebirges, die gelassen in den Abendhimmel ragten, wir tauchten in die Wälder der alten Täler und tranken zu Unkel den roten Wein.
Aber mochten alle an die Gefahr des Fehlschusses denken, mir schoben sich die Ereignisse des Kindheitserlebens mit diesem zusammen. Und ich mußte an den Mann denken, den man in den letzten Zuckungen seines arbeitsreichen Lebens hoffnungslos im Wägelchen zu den Seinen brachte. Es war kein äußerer Zusammenhang da, aber mir schien ein innerer. Wir waren Zeugen, wie Menschenkraft in der Form des künstlich geballten Dynamits an die Tiefen der Felsen tastete. Ob man sie mit der Hacke löst, ob man ihnen mit Feuer zu Leibe geht, unten schläft der Vulkan, und heute zeigte er, daß es im Grunde seine eigene Gewalt ist, die die Steine zum Glühen zu bringen vermag.
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