Aufnahme: 1960
Sandscheid im Winter - hier steht die alte Schule noch
Der Hungerwinter 1946/47 und die Schulspeisung
Erinnerungen von Paul Winterscheidt
Im Jahre eins nach dem "tausendjährigen Reich", also im Jahre 1946, bin ich in Sandscheid in die Schule gekommen. Damals hatte die Militärregierung im Hinblick auf mangelnde Allgemeinzustände der Schüler eine Gesundheitsuntersuchung angeordnet. Dabei sollte neben dem Allgemeinzustand auch auf Hauterkrankungen, Krätze, Läuse, Nissen sowie die Sauberkeit der Kleidung und der Schuhe geachtet werden. Da war nämlich aus heutiger Sicht sicherlich nicht alles in bester Ordnung. Eine Zentralheizung gab es noch nicht, und dafür musste im Winter der Kanonenofen „jestauch“ werden. Kohlen zum Heizen fehlten oft, und wir Kinder wurden angehalten, wenn möglich Kohlen und Briketts mitzubringen.
Einem Bericht des Schulamtes zur Gegenwartslage in 1946 ist zu entnehmen, dass die Ernährung der Schulkinder mangelhaft, die Bekleidung ergänzungsbedürftig, die Fußkleidung schlecht und nicht wasserdicht sei sowie Heizmaterial fehle. 94 % der Kinder hätten einen schlechten Gesundheitszustand. Anfang 1946 hat deshalb das Schulamt allen Volksschulen eine Anordnung der Militärregierung übermittelt, dass sie direkt mit den Vorbereitungen für eine regelmäßige Schulspeisung beginnen sollten, um den Auswirkungen der zu erwartenden mangelnden Ernährung zuvorzukommen. Die Familie Schoroth, die der Schule gegenüber wohnte, erklärte sich bereit, die Organisation der Schulspeisung zu übernehmen. Eine Lebensmittelfirma aus Hangelar lieferte in großen Säcken das Suppenmaterial in Pulverform an. Gekocht wurde dann in einem großen Apparats-Kessel bzw. in einem Waschbottich. Mal gab es Bohnensuppe, mal Erbsensuppe oder den Sommer über Tomatensuppe.
Daran kann ich mich noch gut erinnern. Die Erbsensuppe gibt es auch heute noch als gepresste Wurst, und die schmeckt auch heute noch so wie damals. Die Bohnensuppe hatte jedoch den Teufel inne, denn davon konnte es einem schlecht werden. Und deshalb hat das Kreisernährungsamt – ja so etwas gab es damals – mit Schreiben vom 26. November 1947 angeordnet, dass die Suppe mindestens eine halbe Stunde lang gekocht werden solle, damit die darin enthaltenen Schadstoffe neutralisiert würden. Und dann sei die Bohnensuppe immer noch bekömmlich. Jedenfalls prägte sich aus diesem Umstand der Begriff „Kotzfeädije Zupp“. Wir hatten ja alle Hunger bis unter die Arme, auch wenn wir im Gegensatz zu den Städtern in einer Gegend wohnten, die aus eigenem Anbau aus ihren Gärten herausholte, was nur möglich war und wir somit in die Gruppe der „Selbstversorger“ eingestuft waren, ohne in Wirklichkeit autark zu sein. Daher war uns Kindern auch das Betteln bei größeren Bauernhöfen und das Nachlesen auf den Weizen- und Kartoffelfeldern nicht fremd. Sich irgendwie ernähren, war die Maxime.
Wir waren alle so weit unter- oder mangelernährt, dass der Hausarzt bei meiner Untersuchung sagte, ich sei ein Spinnenflicker. Er sorgte schließlich dafür, dass meine Mutter ein paar zusätzliche Lebensmittelkarten bekam, um damit Lebertran zu kaufen. Mensch, habe ich mich geschüttelt und gewehrt, wenn meine Mutter mit dem Löffel kam! Meine ältere Schwester hielt mir dann die Nase zu, so dass ich schlucken musste. Einfach ekelhaft, so habe ich das noch in Erinnerung. Die kochfertige Suppe der Schulspeisung dagegen hat irgendwie geschmeckt, bzw. sie musste einfach herunter, wenn auch manchmal widerwillig. Einige Schüler hatten noch von den Soldaten ein Essgeschirr, einen Henkelmann, andere benutzten eine Blechdose mit einem Henkel aus Draht. Das ging auch. Obst gab es im Sommer genug. Soweit nicht eigene Bäume im Garten standen, wurde einfach stibitzt. Man durfte sich nur nicht erwischen lassen. Manchmal gab es auch ein kleines Täfelchen „Kwatta-Schokolade“, dann waren wir Pänz glücklich. Und so sind wir alle groß geworden, sind nicht verhungert und haben heutzutage mehr damit zu kämpfen, dass wir nicht zu dick werden.
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