Aufnahme: 1957
Zum Eisbacher Kapellenfest
„Meine lieben Oberpleiser!
Am heutigen Sonntag kann Eisbach unter freudiger Anteilnahme der Nachbardörfer und wohl auch der ganzen Pfarrgemeinde Oberpleis seine ‚Kapellenkirmes‘ in der vergrößerten und verschönerten Kapelle festlich begehen. Da liegt es wohl nahe, etwas darüber zu erzählen, wie die Kapelle entstanden ist und welche Schicksale sie und mit ihr die Dorfgemeinde erlebt haben und wodurch sie miteinander verbunden sind. Die Geschichte der Eisbacher Kapelle ist ein ergreifender Beweis für die Macht des Gebetes und die nie versagende Hilfe der Gottesmutter. An der Stelle, wo sich oberhalb des Dorfes an einer Wegegabelung jetzt die Kapelle erhebt, stand schon vor mehreren hundert Jahren zwischen zwei mächtigen Kastanienbäumen ein Heiligenhäuschen mit einem Bild der Gottesmutter. Alte Leute berichten, daß neben dem Bilde Krücken hingen zur Erinnerung an Gottes und seiner heiligen Mutter Hilfe in mancher Not.
So fand auch - es war im Jahre 1844 - Peter Kirschbaum aus Eisbach in einem schweren Anliegen den Weg hierhin zur Gottesmutter. Seine Frau erwartete das erste Kind und es stand bedenklich um Mutter und Kind. Da gelobte er der Gottesmutter, wenn seine Frau ihre schwere Stunde gut überstehen würde, wolle er hier zum Dank eine Kapelle bauen. Und wenn Gott ihm einen Sohn schenke und er brav und fromm bliebe und Neigung zum geistlichen Stande zeige, dann solle ihm kein Opfer zu schwer sein, um ihm das Studium zu ermöglichen und ihn als Priester Gott und seiner heiligen Mutter zuzuführen. Sein Beten wurde erhört! Seine Frau überstand wider Erwarten glücklich die schwere Stunde und Gott schenkte ihm einen Sohn, der schon in frühen Kinderjahren durch seine Frömmigkeit alle erbaute und, wie in einer alten Familienchronik zu lesen ist, bereits als drei bis vierjähriges Kind seine Großmutter zum Heiligenhäuschen begleitete und dort von ihr Anleitung erhielt, den Rosenkranz zu beten. Als Zwölfjähriger gestand er den Eltern, daß er nichts sehnlicher wünsche, als Priester zu werden und sein Leben Gott und seiner heiligen Mutter ganz zu weihen. Die Eltern waren über diesen Entschluß ihres einzigen Sohnes überglücklich und ermöglichten ihm den Besuch des Apostelgymnasiums in Köln, von wo er nach glänzend bestandenem Abschlußexamen zur Absolvierung seiner philosophischen und theologischen Studien nach Rom ging und dort im Jahre 1869 im Deutschen Kolleg die heilige Priesterweihe empfing.
Unterdessen erstand unter schwersten finanziellen Opfern des alten Vaters Kirschbaum und mit Unterstützung von Nachbarn und Verwandten an Stelle des alten Heiligenhäuschens die Kapelle, die der Rosenkranzkönigin geweiht wurde. Als dann im Jahre 1870 bei Ausbruch des deutsch-französischen Krieges Johannes Kirschbaum als glücklicher Jungpriester von Rom in seine Heimat zurückkehrte, da konnte er zur größten Freude seiner Eltern und der übrigen Dorfbewohner sowie der ganzen Pfarre sein erstes heiliges Meßopfer in der Kapelle feiern, und konnte gleichzeitig die Kapelle ihrem heiligen Dienst geweiht werden. Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie froh und glücklich nun die Eisbacher um ihre Muttergotteskapelle waren und wie viel dort gebetet wurde, besonders auch um gute Priester. So ist es gewiß nicht zuletzt diesem vielen Beten - besonders der guten und frommen Mütter - zuzuschreiben, wenn nach Pfarrer Dr. Kirschbaum noch fünf weitere Priester aus dem kleinen Dorf oder genauer gesagt aus der Verwandtschaft hervorgegangen sind: 1883 wurde dessen Vetter Dr. Peter Gratzfeld zum Priester geweiht, und zwar auch in Rom, wo er ebenso wie sein älterer Vetter seine philosophischen und theologischen Studien mit dem doppelten Doktorgrad abschließen konnte. Nach einem überaus schicksalsreichen und gesegneten Priesterleben starb er 1922 als Oberpfarrer von St. Nikolaus in Aachen.
Ihm folgte 1904 als Sohn eines Vetters P. Johannes Weber aus Eisbach, der während seiner Studien in Theux/Belgien, dem Orden des hl. Vinzenz beitrat und überall da, wohin ihn seine Ordensoberen schickten, heute noch wegen seiner tiefen Frömmigkeit und seines großen Seeleneifers unvergessen ist. Nachdem er als Seelsorger im St. Vinzenzhaus in Köln-Nippes tätig war, starb er 1944 in Belgien. Als nächster durfte der Schreiber dieser Zeilen, Neffe von Msgr. Dr. Gratzfeld, im Jahre 1911 seine Primiz feiern. Nach einem längeren Abstand folgte dann 1949 ein Neffe von P. Weber, Franz Weber, jetzt Kaplan in Wissen, und schließlich 1954 mein Neffe, Peter Buchholz, z. Zt. Kaplan an St. Maria-Rosenkranz in Mönchen-Gladbach.
Die Primiztage waren jedesmal ein großes Dorffest, an das sich alle, die es mit feiern konnten, gewiß noch gerne erinnern - ebenso wie an andere große Kapellenfeste, an die 50-Jahrfeier 1920, an die Bittwallfahrten zur Muttergottes von Eisbach 1935 sowie 1936 bei Gelegenheit meines silbernen Priesterjubiläums, wo als Zeichen der vielen schweren Anliegen jener notvollen Jahre ein Bild der schmerzhaften Mutter auf dem Altare Aufstellung fand. Heute grüßt es aus einer Nische an der Vorderseite der Kapelle die Vorübergehenden und bittet zu schauen, ‚obwohl ein Schmerz gleich sei ihrem Schmerze‘. Leider gehörte die Kapelle auch zu den Kriegsversehrten. Bei einer ersten vorläufigen Restaurierung, die gerade vor der Primizfeier von Franz Weber 1949 ihren Abschluß fand, konnte für die Kapelle ein wundervoller alter Barockaltar erworben werden mit einer kostbaren holzgeschnitzten Figur der Muttergottes, hoheitsvoll thronend wie eine Königin, als ‚Wunderschön prächtige, hohe und mächtige‘, wie wir es im Liede so gerne singen.
Bei der endlichen Weiterführung der Restaurierungsarbeiten konnte Dank großherziger Spenden mancher genannten und ungenannten Wohltäter - nicht zuletzt auch Dank der werktätigen Hilfe aus Dorfgemeinschaft und Nachbarschaft ein lang gehegter Plan verwirklicht werden: Neben der vollständigen Erneuerung des Daches und des Türmchens wurde die Kapelle etwas vergrößert und eine kleine Sakristei angebaut, sowie der Platz um die Kapelle in einer würdigen Weise gärtnerisch umgestaltet und verschönt. Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß die Jüngsfelder Baumschulen der Familie Dahs aus alter Verbundenheit mit der Kapelle hier mitgeholfen haben. Als nächste Erben von Pfarrer Dr. Kirschbaum ging nach dessen Tode die Kapelle in deren Besitz über, die sie dann vor einigen Jahren mir vermacht haben.
Nun grüßt die Kapelle in ihrem neuen leuchtenden Gewande von der Höhe herab weithin das Land hinter den sieben Bergen, unser schönes, gottgesegnetes Heimatland. Und wir feiern wieder das Rosenkranzfest und grüßen die Gottesmutter mit dem Rosenkranz in den Händen, wie St. Dominikus und St. Klara auf dem alten Bild in der Kapelle, (das eigens in Rom für die Kapelle in Eisbach gemalt worden ist) grüßen sie wie unsere Väter und Mütter, die noch den Rosenkranz zu beten wußten. Jahr um Jahr, bis seine Augen fast ganz erblindet waren, hat der ehrwürdige greise Pfarrer Dr. Kirschbaum die weite Reise von Büderich hierhin zum Rosenkranzfest gemacht und hat mit den tiefen Wahrheiten und Geheimnissen des Rosenkranzes seine Hörer für Christus und seine heilige Mutter zu begeistern verstanden. Während der Vorbereitungstage auf sein goldenes Priesterjubiläum berief der gute Hirte ihn in sein ewiges Reich. Nach seinem Tode (1919) habe ich sein Erbe übernommen und werde versuchen, es weiterzuführen, bis Gott auch mich abberuft. Aber ich darf dann wohl die Gewißheit mitnehmen, daß wieder Priester da sind, die nach mir die Tempelwache übernehmen und für das Heiligtum der Gottesmutter sorgen - und daß noch gläubiges Volk da ist, das mitbetet und mitopfert. In diesem Sinne grüßt Euch und betet mit Euch und für Euch, meine lieben Oberpleiser, in heimatlicher Verbundenheit.
Euer
Peter Buchholz
Prälat"
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