Aufnahme: 1952

Der Kirmeskerl (Paias)

Jährlich zur Kirmes der Pfarre Sankt Pankratius, Oberpleis, spielte sich im Ort Berghausen eine  zur Tradition gewordene Tragödie ab, die bis in die 1950-er Jahre zelebriert wurde. Wie in jedem anderen kleinen Ort, so gab es auch in Berghausen im Laufe eines Jahres Geschehnisse, Unliebsamkeiten, Familien- und Nachbarschaftsstreitigkeiten und kleine Ereignisse, die im ganzen Ort diskutiert wurden und die ein jeder kannte. Außer dass man früher kleinere Zwistigkeiten, Beleidigungen bis zu Handgreiflichkeiten nicht ganz so persönlich und ernst nahm, dass sie vor Gericht ausgetragen werden mussten, suchte man doch immer wieder eine ortsspezifische Möglichkeit, sich damit vor und mit allen Mitbewohnern zu befassen und ggf. reinzuwaschen.

Dies führte dann bereits in der Vorkriegszeit dazu, dass man den mittelalterlichen Überlieferungen folgend so eine Art kleines Gericht einführte. Da dieses jedoch von der Obrigkeit nicht gewollt und geduldet ward, wandelte es sich zu einer Persiflage, zu einem nicht ernst zu nehmenden Volksschauspiel, bei dem ein Einzelner, ein Prügelknabe, für alle innerhalb eines Jahres offenbar gewordenen Verfehlungen die Schuld und Sühne auf sich zu nehmen hatte. Hierzu bastelten meist die Junggesellen des Ortes wenige Tage vor der Oberpleiser Kirmes aus Lumpen einen an eine Vogelscheuche erinnernden Kirmeskerl, einen Paias. Dieser wurde dann an den noch stehenden Maibaum in luftiger Höhe befestigt, wo er der Dinge harren musste, die als Ausklang des Kirchweihfestes am Dienstag auf ihn zukamen.

Die ganze Dorfbevölkerung war dann an der Gaststätte „Müllers Marie“ anwesend, um einer „ordentlichen“ Gerichtsverhandlung beizuwohnen, die etwa wie folgt ablief: Ein einzelner Richter in Robe andeutender Bekleidung auf einem erhöhten Podest stehend und selbstverständlich mit Zylinderhut (ich erinnere mich hier besonders an den diese Aufgabe mit Bravour, Herzblut, Humor und überzeugender Theatralik erfüllenden Johann Fischer (Fischers Scheng) eröffnete die Verhandlung zur Beratung der gegen den Paias erhobenen Klagen. Dieser hatte die Junggesellen des Ortes als geborene Verteidiger zur Seite. Dem Delinquenten wurden öffentlich alle Unregel-mäßigkeiten des Ortes zur Last gelegt, auch solche, die tief in (heute) geschützte Persönlichkeitsrechte von Mitbürgern eingegriffen hatten.

Er wurde zum Beispiel angeklagt, Schuld zu sein, dass sich ein Paar hat scheiden lassen, dass es eine kleine Über-schwemmung gegeben hatte, weil die Gemeinde die Straßengräben nicht im notwendigen Maße gereinigt hatte, dass es irgendwo wegen Kleinigkeiten Streit gegeben hatte, dass eine hübsche Dorfschöne statt von einem Dorfverehrer von einem Burschen aus einem Nachbardorf zur Braut entführt und zur Ehe verleitet wurde usw. Es gab immer wieder ausreichende Vorgänge, die dem Paias als Dorfbösen zur Last gelegt werden konnten und die schlussendlich dazu führten, dass trotz intensiver Verteidigung durch die Junggesellen der Richter sein Urteil verkündete: Tod durch Verbrennen.

Dem Paias wurde dann noch die Gelegenheit gegeben, in der Gaststube von Müllers Marie seine Henkersmahlzeit und insbesondere Hochprozentiges zur Steigerung der Brennbarkeit in sich aufzunehmen. Unter großem Wehklagen der mit dem Paias „befreundeten“ Junggesellen wurde dieser dann unter Anteilnahme der gesamten Dorfbe-völkerung auf ein Müllplatzgrundstück in der Pützgasse (heute Sandscheider Straße) verbracht und unter lautem Weinen und Wehklagen verbrannt. Und so war der Dorffriede bis zum nächsten Jahr wieder hergestellt. 

Wikipedia- Paias

Zur Verfügung gestellt von
Paul Winterscheidt
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