Aufnahme: 1955
Geschichte von Oberpleis - Urkunden von 944 und 948
Es wäre ein zu einfaches Verfahren, wollte man in einer Geschichte von Oberpleis den von Schwaben mitgeteilten Inhalt zweier Urkunden von 944 und 948 übergehen oder nur in einer Anmerkung erwähnen mit der Begründung, daß diese Angaben Schwabens nicht mehr überprüfbar seien, weil diese Urkunden für uns verloren sind. Wir werden sogar vermuten dürfen, daß diese beiden verlorenen Urkunden in engster Verbindung mit der Urkunde von 948, in der der Kirche von Oberpleis der Novalzehnt verliehen wurde, gestanden haben können.
Bericht über die Propstei Oberpleis
In dem Kapitel „Die Pfarreien und Propsteien der Abtei Siegburg“ in Schwabens „Geschichte der Stadt, Festung und Abtei Siegburg“ heißt es unter Oberpleis (S. 131 ff.): „Diese Stiftung ist viel älter als jene der Abtei. Durch ein Diplom des Erzbischofs Wigfrid, vom 3. Juni Jahres 944, unter Papst Martin dem dritten und Kaiser (!) Otto dem ersten, welches Diplom im abteilichen Archiv verwahrt wird, ist bewiesen, daß Wigfrid allda ein Benediktiner-Institut zu Ehren der Heiligen Primus, Felitianus und Pankratius errichtet hat. Sein Oheim Eberhard de Pleisa, hatte sein Vermögen durch Testament dazu bestimmt; der Erzbischof tat sein eigenes dazu, und besetzte das Kloster mit einigen Ordensmännern aus der Abtei Corvey unter dem desigen Abt Volckmar, nachdem er das Testament seines Oheims in Gegenwart des Domkapitels geöffnet, und dessen Zustimmung zu seinem Plan erhalten hatte. In einer weiteren Urkunde vom Jahr 948 hat der nämliche Erzbischof unter Papst Agapit den zweiten die Besitzungen dieses Klosters genau bezeichnet, welches damals, mithin weit vor dem Entstehen der Abtei Siegburg von einem Probst regiert wurde.
Hundertzwanzig Jahre später hat Anno, der Stifter von Siegburg, diese Probstei durch Verträge erworben und mit Siegburg vereinigt. Er inkorporirte zugleich der Propstei die dortige Pfarrei, welches später die Päpste Luzius der dritte, Innozenz der dritte, und Honorius der dritte, so wie die Erzbischöfe Bruno, Conrad, und Walram durch besondere Urkunden bestätigten. Im Jahr 1218 nahm Erzbischof Engelbert dies Kloster zum hl. Pankratius mit allen Besitzungen in seinen besonderen Schutz. Späterhin hatten die Ordensleute von Siegburg ihr Probejahr zu Oberpleis, welches am stärksten von allen Probsteien besetzt war, weswegen auch noch bis zur Stunde ein Theil des dortigen Gebäudes das Noviziat genannt wird.“ Es folgt noch eine unvollständige Liste der Pröpste von Oberpleis. Diese Angaben Schwabens sind ein Gemisch von wahrheitsgetreuer und stark vereinfachender Darstellung, die nicht befriedigt und fragwürdig bleiben muß. Daß Schwaben Otto d. G. als Kaiser bezeichnet hat und Abt Volkmar von Korvey bereits am 2. Oktober 942 gestorben war, genügt nicht, um seinen Bericht zu verwerfen. Es ist unbedenklich, daß 944 Mönche aus Korvey nach Oberpleis gerufen worden sein sollen, wenn auch in den erhaltenen Quellen des Klosters Korvey nichts davon überliefert ist. Korvey hielt stets seine Beziehungen zum Mutterkloster Corbie in Nordfrankreich aufrecht. Der Ruf und die Bedeutung Korveys waren im 9. und 10. Jh. sicher in Köln bekannt. Seit König Heinrich I. war Sachsen erneut in den Vordergrund gerückt.
Die Patrone Primus und Felicianus und Pankratius
Die Patrone der Klostergründung geben auch keinen Anlaß zu Beanstandungen. Das Martyrerbrüderpaar Primus und Felicianus ist ein altes Patrozinium. Es dürfte aber nicht aus Korvey, sondern aus Prüm übernommen worden sein. Es ist festzustellen, dass eine enge Beziehung zwischen dem Königshaus der Karolinger und der Pankratiusverehrung gab. Die fränkischen Könige sollen ihre Verträge im Namen des hl. Pankratius bestätigt haben. Ludwig der Fromme gründete 822 Neu-Corbie mit Mönchen aus Corbie. In Korvey wurde Pankratius in einer alten Litanei verehrt. Die Verehrung im Kloster Corvey scheint die Gründung von dem Heiligen Pancratius geweihten Klöstern beeinflußt zu haben. Von 18 Klosterweihen im Bistum Paderborn entfielen fünf auf Pankratius. Im Schlußergebnis stellt Huisman die Bedeutung Korveys für die Verbreitung der Pankratiusverehrung in Deutschland erneut heraus. Das ist beachtenswert. Huisman nennt Oberpleis und die 948 erfolgte Novalzehntbezirkfestlegung, die er offenbar in Verbindung mit der Benediktinerpropstei Pankratius bringt, aber er kennt nicht die von Schwaben mitgeteilte Urkunde von 944. Wenn Huismans Ergebnisse als gesichert gelten dürfen, dann stützen sie Schwabens Angaben. Die Patrone sind also in Oberpleis sehr wohl denkbar. Sie stützen die Annahme von Beziehungen, die zwischen Kaiser Lothar I. oder seinen Nachfolgern mittelbar oder unmittelbar über Prüm und vielleicht über Graf Esicho über Korvey nach Oberpleis bestanden haben können.
Eberhard de Pleisa und Erzbischof Wigfrid und ihre angebliche Klostergründung
Die Klostergründung in Oberpleis kann durchaus nach dem von Schwaben mitgeteilten Vorgang erfolgt sein. Erzbischof Wigfrid war der Bruder des Pfalzgrafen Gottfrid (+ vor 950). Eberhard de Pleisa war nach Schwaben beider Onkel. Er war vermutlich der Inhaber des Hauptfronhofes in Oberpleis. Diese Verwandtschaft und der Besitz der Pfalzgrafschaft in dieser Familie passen zu den Ergebnissen unserer Interpretation der Urkunde von 859, nach der der Hauptfronhof in Oberpleis ja auch in engster Beziehung zu einem Grafen Rembald gestanden haben muß. Man wird also vermuten dürfen, daß dieser Hauptfronhof in Oberpleis eben immer im Besitz der gräflich-pfalzgräflichen Familie war. So war es auch 1059. Da also Eberhard der Familie des pfalzgräflichen Hauses verwandt war, war er gewiß begütert genug, um eine Klosterstiftung zu veranlassen. Dasselbe gilt von Wigfrid. Er konnte sehr wohl zu dieser Stiftung seines Oheims beitragen. In seiner Eigenschaft als Erzbischof konnte er diese Klostergründung weiterhin begünstigen und zwar, wie wir vermuten dürfen, mit dem Novalzehnt, den er 948 der Kirche in Oberpleis verlieh und mit der von Schwaben erwähnten Besitzbestätigung von 948.
Die mutmaßlichen Beziehungen zwischen den von Schwaben mitgeteilten Urkunden und der Novalzehnt-Urkunde von 948 (Novalzehnt-Urkunde: s. Link unten)
Die Gründung einer Klosterniederlassung 944 durch die pfalzgräfliche Familie in Oberpleis unter dem von den Mönchen in Korvey erwählten Patron Pankratius hat nichts Unwahrscheinliches an sich. Gerade die Novalzehnt-Urkunde von 948 erhält eine besondere Rechtfertigung, wenn 944 eine Klostergründung erfolgt war und 948 gleichzeitig mit der Novalzehntbezirkfestlegung eine besondere Besitzbestätigung erfolgte. Erzbischof Wigfrid mußte ja an dieser Klostergründung besonders interessiert sein. Es steht nichts im Wege anzunehmen, daß Erzbischof Wigfrid persönlich in Oberpleis die Novalzehntbezirkfestlegung durchgeführt hat. Zehntgrenzbegehungen in feierlichem Umzüge durch Bischöfe sind bezeugt. Kann nicht einer der beiden Pröpste, die als Zeugen in der Novalzehnturkunde genannt sind, Propst der Oberpleiser Klosterniederlassung gewesen sein? Können in der Zeugenreihe nicht auch Mönche dieses Klosters gemeint sein?
Es erregt aber Bedenken, daß in der Novalzehnturkunde von keinem Kloster die Rede ist, sondern nur von einer Kirche, deren Patrone die Märtyrer Primus und Felicianus und der Bekenner Lupianus waren. Kein Wort von Pankratius. Wem war diese Novalzehntverleihung zugedacht? Was darf, kann oder muß gefolgert werden aus den Tatsachen, daß nach Schwaben 944 ein Kloster zu Ehren der hl. Primus und Felicianus und Pankratius gegründet worden sein soll und daß in der erhaltenen Urkunde von 948 der Novalzehnt einer Kirche der hl. Primus, Felicianus und Lupianus verliehen wurde? Gab es in Oberpleis zwei Institutionen? Ist mit beiden dieselbe gemeint? Hat Schwaben etwa den Patron der Siegburger Propstei in Oberpleis, Pankratius, auf die Urkunde von 944 zurückübertragen? Gab es eine oder zwei Kirchen in Oberpleis? Gab es eine Eigenkirche der hl. Primus, Felicianus und Lupianus und daneben ein Kloster zu Ehren der hl. Primus, Felicianus und Pankratius oder - wahrscheinlicher - nur des Pankratius, das durch den Besitz der Eigenkirche deren Patrone übernahm und darum als unter dem Patronat der Primus, Felicianus und Pankratius stehend bezeichnet wurde? Warum nennt Schwaben aber dann Lupianus nicht?
Die mutmaßliche Lösung der kirchlichen Verhältnisse 944 und 948 in Oberpleis
Die Lösung könnte so erdacht werden: Auf dem Hauptfronhof in Oberpleis besaß der Klosterstifter Eberhard de Pleisa eine Eigenkirche zu Ehren der Märtyrer Primus und Felicianus und des Bekenners Lupianus. Diese Patrone sind von Prüm übernommen. Die Gründung dieser Eigenkirche wird in Auswirkung der karolingischen kirchenrechtlichen Anordnungen, z. B. der Synode von Aachen 817, erfolgt sein und kann auf Grund ihrer Patrone in die 2. Hälfte des 9. Jh. datiert werden. Diese Eigenkirche bestimmte er mit anderem Besitz gemäß seinem Testament als Kloster. Die Korveyer Mönche übernahmen diese Kirche, hielten die Patrone bei und erwählten sich für ihr Kloster einen neuen, den hl. Pankratius, der ihrer Herkunft aus Korvey gemäß war. In Prüm lassen sich keine Pankratiusreliquien nachweisen. Wenn man das annimmt und beide Urkunden von 948 - die von Schwaben erwähnte Besitzbestätigung und die Novalzehnturkunde - als zusammengehörend ansieht, dann wäre es erklärbar, daß in der Novalzehnturkunde das Kloster und Pankratius nicht genannt sind. In der uns verlorenen Besitzbestätigungsurkunde von 948 müßte allerdings das Kloster und sein Patron Pankratius genannt gewesen sein. Leider läßt sich aus Schwabens Angaben nicht entnehmen, ob die Klostergründung als eine bischöfliche oder weltliche Eigenklostergründung angesprochen werden müßte. Die von uns aufgeworfenen Fragen können wohl nie mit Sicherheit beantwortet werden.
Die angebliche Erwerbung der Klosterniederlassung in Oberpleis durch die Abtei Michaelsberg 1059
Zweckmäßig gehen wir hier schon auf Schwabens Bemerkung ein, wonach Erzbischof Anno nach 1060 die Klosterniederlassung in Oberpleis „durch Verträge erworben und mit Siegburg vereinigt“ haben soll. Nichts ist uns erhalten, woraus zu schließen wäre, daß 1059 in Oberpleis eine Klosterniederlassung bestanden hat. Hätte diese noch bestanden, so dürfte man erwarten, daß sie in einer der sogenannten Stiftungsurkunden genannt worden wäre. Sollte sie vorher eingegangen sein? Es ist aber bemerkenswert, daß wahrscheinlich keine der erhaltenen Stiftungsurkunden vor Annos Tod ausgestellt ist und wir das Gründungsdatum der Siegburger Propstei in Oberpleis nicht kennen. Die Propstei Oberpleis muß aber die älteste der Siegburger Propsteien gewesen sein. Man muß sich im Ernste fragen, wenn 1059 die Klosterniederlassung in Oberpleis noch bestanden haben sollte, ob es keine Gründe gegeben haben könnte, eine Übernahme dieses Klosters in Oberpleis zu verschweigen oder wenigstens kein Aufsehen davon zu machen.
Robert Flink, Die Geschichte von Oberpleis, Siegburg 1955, Seiten 35-40.
Wappen der Reichsabtei Siegburg aus Wikipedia.
Zum Wappen siehe: Wappenschlusssteine des Kreuzgewölbes im nördlichen Seitenschiff aus dem erstes Viertel des 16. Jahrhunderts, Datensatz 61. Das Geweih ist Teil des Wappens von Anno II. Erzbischof von Köln.
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