Aufnahme: 1945

Harte Zeiten - Kriegsende in Berghausen - Erinnerungen von Paul Winterscheidt

Wie in Oberpleis und überall so wurden auch in Berghausen für die Landwirtschaft z.T. unabdingbare Nutztiere konfisziert. Auch dem Landwirt Matthias Klein, Wegenstraße, ist auf diese Art sein einziges Pferd "abhandengekommen". Erst als sich die Nachkriegszeit zu normalisieren begann, bekam er sein Pferd (oder ein Ersatztier) zurück, das er hoch erhobenen Hauptes am Zügel durch den Ort führte, wobei zahlreiche erfreute Zuschauer seinen Weg säumten.

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Geboren wurde ich im Frühjahr 1939, als sich durch aufkommende politische Gewitterwolken bereits die Götterdämmerung über das "Tausendjährige Reich" abzuzeichnen begann. So habe ich dann als unbeschwert heranwachsendes Kind erst zu Beginn des Finales erste Erinnerungen in mein Gedächtnis, dessen Tür sich gerade erst langsam öffnete, gespeichert.

Mein Vater, Jahrgang 1903, wurde erst Mitte 1941 einberufen und einem Baubatallion zugeordnet und dann gleich gegen Osten losgeschickt. Nach anfänglichen Eroberungserfolgen stockte der Vormarsch zur Jahresmitte 1942/43 bei Demjansk/Rußland, und es erfolgte die Rückverlegung nach Lettland.

Anfang Juli 1944 erhielt er für etliche Tage Heimaturlaub, die ich mit meinem erwachenden Verstand erstmals auch erinnerungsmäßig verinnerlichte. Ich habe die Tage mit ihm genossen; wir sind zum Oelberg gewandert und haben Verwandte besucht. Vater war damals guter Hoffnung, nicht mehr an die Front zu müssen, da „etwas im Busch sei“, worüber er aber nicht sprechen dürfe. Aber es kam anders und er musste zurück. Am 20 Dezember 1944 löschte ein Volltreffer auf seinen Unterstand sein Leben aus. Wenige Tage danach, wir waren alle unterm bereits geschmückten Weihnachtsbaum versammelt, die Kerzen brannten und die bescheidenen Geschenke waren ausgebreitet, kamen zwei in Grau gekleidete Soldaten und überbrachten die traurige Nachricht. Ich erinnere mich noch, deren Ansage nicht begriffen und gesagt zu haben, auch ich wäre schon mal gefallen, aber das heile schnell wieder aus. Die Familie, Mama, meine drei Geschwister sowie Opa und Oma saßen dann in Tränen aufgelöst im Wohnzimmer, und nur ich freute mich noch kindlich über die Schönheiten des Weihnachtsfestes.

Danach jedoch war es mit dem ländlichen Frieden auch in Berghausen vorbei, und es gab häufiger durch Sirenen angekündigten Fliegeralarm. Da unser Haus nicht unterkellert war, mussten wir dann schleunigst zum 100 Meter entfernten Haus Wicharz laufen, wo wir mit einem Dutzend Menschen eingepfercht in einem kleinen Kellerraum der Dinge harrten, die da noch kommen sollten. Mein neugieriger, damals 15-jähriger Bruder, der wohl auch die Aufgabe hatte, auf mich aufzupassen, nahm mich überall hin mit, wo es durch Kriegshandlungen irgendetwas zu sehen gab. So beobachteten wir nach einem in der Ferne über Aegidienberg zu hörenden Schusswechsel ein Flugzeug, das mit einem kometenhaften Feuerschweif über dem Hühnerberger Wald auftauchte, Berghausen in niedriger Höhe überflog und dann hinter dem Sandscheid-Frohnhardter Wald verschwand. Natürlich waren wir am nächsten Tag an der Stelle in Frohnhardt, wo das Flugzeug abgestürzt war. Es war ausgebrannt, und der Pilot saß noch in seinem Sitz.

Zum weiteren Schutz vor Flugzeugattacken installierte die Wehrmacht dann gegenüber unserem Haus eine Vierlingsflak, direkt neben einem durch Bombenabwurf entstandenen Krater. Letzterer hatte aber im Getreidefeld keine Menschenopfer gefordert und auch nur wenig Gebäudeschäden angerichtet. Anders verhielt es sich bei einem von meiner Mutter als „Luftmine“ bezeichneten Einschlag im freien Feld zwischen unserem Haus und Sandscheid, bei dem durch Splitter, aber auch durch die Druckwelle erhebliche Schäden an unserem Haus auftraten. Bei Gott sei Dank anfangs noch gutem Wetter konnte ich von meinem Bett aus nachts direkt den Sternenhimmel beobachten, bis diese Schäden dann schnellstmöglich provisorisch behoben wurden.

Härter noch traf es die Familie August Scheer, die im Unterdorf, heute Langer Weg genannt,
in ihrem Fachwerkhaus einen Bombenvolltreffer erhielt, worauf die halbe Familie ausgelöscht wurde. Da die Kriegsmaschinerie nun langsam näher rückte, bauten die deutschen Soldaten auf der Kuhwiese vor „Elshohn“ ein schweres Geschütz auf. Ich sehe heute noch den LKW mit der Munition und sonstigen notwendigen Zubehören ankommen, und wir, mein Bruder und ich, halfen bereitwillig, Etliches von der Straße zum Geschützstand zu tragen. Aufgabe der Stellung war, nach Anweisungen, die ein auf dem Oelberg tätiger Richtschütze gab, die auf der gegenüberliegenden Rheinseite, von Remagen auf der B 9 gegen Bonn anrückenden feindlichen Truppen zu beschießen.

Aber die gegnerischen Truppen ließen sich nicht aufhalten und rückten nach schweren Kämpfen jenseits des Oelberges auch von zwei Stoßrichtungen auf unseren Ort vor. Um die motorisierten Truppen an Panzern und sonstigen Fahrzeugen, die über Sandscheid, die Pützgasse (heutige Sandscheider Straße), gegen unseren Ort zu erwarten waren, aufzuhalten, fällten die Soldaten unter Mithilfe noch verpflichteter alter Männer im Bereich der Senke „Am Üelich“ mehrere große, dicke uralte Eichen. Wir, zu diesem Zeitpunkt wieder in Wicharz Keller einquartiert, beobachteten dann einen Trupp Soldaten in Wicharz Hof, die Richtung Hühnerberg (Büchels Berg) die dort erwarteten Feinde zu beobachten hatten.

Nach erstem Schusswechsel wurde ein junger Soldat zu uns in den Keller gebracht, der angab, einen Oberschenkelschuss erhalten zu haben. Dieser wurde ins einzig hier vorhandene Bett gelegt, und es wurde ein Sanitäter gerufen. Bis zu dessen Eintreffen hatte der Soldat wohl starke Schmerzen, denn er schrie laut und rief nach seiner Mutter. Heute noch höre ich seine Schreie. Als der Sani kam und ihn untersuchte, bekam auch ich mit, dass die Kugel das Gedärm durchschlagen hatte und der Soldat keine Überlebenschance mehr hatte. Er wurde daraufhin, vermutlich um uns von den Ereignissen zu befreien, nach draußen verbracht, wo er dann wohl verstarb. Kurz danach wurde die Kellertür aufgerissen, und amerikanische und belgische Soldaten forderten uns auf, herauszukommen. Sie behandelten uns aber, soweit ich das noch in Einzelheiten weiß, anständig und angemessen. Einer der schweren die Pützgasse befahrenden Panzer, der die gefällten Eichen umkurvte, blieb in der Senke im Bach hängen und konnte sich nicht wieder befreien. Ob Treffer oder Motorschaden, weiß ich nicht, jedenfalls stand der lädierte Panzer wie auf Hinterbeinen stehend mehrere Tage fast senkrecht im Bach, das Geschütz gegen Himmel gerichtet.

Das schwere Geschütz vom „Elshohn“ war in der Zwischenzeit weggeholt und in den tieferen Westerwald verfrachtet worden. Wir erlebten und empfingen dann als neugierige Kinder die soldatischen Neuankömmlinge bei ihrem Einzug in unser Dorf, so wie wir später beim Erntedankfest Spalier gestanden haben. Bernhard Winterscheid von der Pützgasse wurde als eine Art Dorfältester, Ortsvorsteher oder Bürgermeister bestimmt, die Einquartierung der Besatzer „sozialverträglich“ zu bestimmen. Gefangen genommene Soldaten waren im Saal der Gaststätte Müllers Marie untergebracht, und der Saal war mit einem meterhohen Baustellen-zaun abgesperrt.

Wir als Kinder haben keine unangenehmen Erfahrungen mit den fremden, auch schwarz-häutigen Soldaten gemacht, denn sie waren freundlich und gaben uns auch schon mal etwas vom Ihrigen ab. Ein Festtag war dann zum Beispiel eine Tafel Schokolade oder eine Büchse Roastbeef, was wir bis dahin gar nicht kannten und vor der die Großen warnten, es könnte der NSDAP-gemäßen Warnung nach vergiftet sein. Sicherlich wurde der Eine oder Andere auch mal mit vorgehaltenem Gewehr zu bestimmten Handlungen gezwungen, so meine Schwester Änni wegen der Herausgabe eines Huhns, aber zu Schaden gekommen ist dadurch kein Berghausener, soviel ich weiß.

Der Platz, wo das große Geschütz gestanden hatte, war natürlich einbezogen in unseren Spielbereich. Und so fanden wir dort, als wir wieder Kühe hüten durften, eine Menge von in Kartuschen befindlichem Schwarzpulver, welches in gepresster Form aussah wie Spaghettistangen, 40 cm lang, aber etwas dicker. Diese haben wir dann abends in leichte, durch Granatbeschuss entstandene Vertiefungen, in die wir uns setzten, rundum aufgestellt und angezündet, worauf sie ähnlich Wunderkerzen langsam abbrannten.

Im Frühjahr 1946 begann dann für mich die Schulzeit. Im Igelsbach, kurz vor Sandscheid, entdeckten wir Kinder auf unserem täglichen Weg zur Schule mehrere geflügelte Granaten, die nicht explodiert waren. In kindlich-jugendlichem Leichtsinn bewarfen wir diese gefährlichen Hinterlassenschaften mit Steinen. Gott sei Dank explodierten sie nicht. Unsere Meldung an den Schulleiter hatte keine Folgen, und die Dinger blieben im Bach. Jahre später erinnerte ich mich an diese Granaten, habe sie – wie kann man nur so leichtsinnig sein, sage ich mir heute - vorsichtig von Schlamm und Kiesel befreit, herausgehoben und an einen mir sicher erscheinenden Ort verbracht. Dann, als ich unseren Dorfsheriff Willi Heidkamp informierte, ging alles ganz schnell. Es kam ein Entschärfungsteam und entfernte die Zünder.

Aus Angst vor Plünderungen, insbesondere durch marodierende, freigelassene ehemalige Zwangsarbeiter, wurden vielfach Messingkartuschen als Gong aufgehängt, um durch deren Schlagen Nachbarn und Helfer zu mobilisieren. Einige Männer und Jugendliche halfen bei der Wiederherstellung der Stromversorgung, indem sie die Masten wieder provisorisch aufgerichtet oder ersetzt und mittels Kupferdraht, der z. T. im stillliegenden Steinbruch Quirrenbach (Meisbruch) illegal entwendet wurde und mit dem die gerissenen Stromleitungen unter fachkundiger Anleitung wieder zusammengerödelt und verbunden wurden. Mein Bruder Willi, wie auch andere Jungmänner des Dorfes, halfen, tote Soldaten aufzufinden und im neu angelegten Soldatenfriedhof Ittenbach beizusetzen.

Über Hungerzeiten nach dem Krieg will ich hier nicht weiter berichten – das ist ein anderes Thema.

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Anno Bellinghausen (Bild) "Tausendjähriges Reich"
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