Aufnahme: 1909
Peter Buchholz
Aus der Jugendzeit, Jugend- und Schulerinnerungen, erzählt von Johann Bennerscheid
"Mein Freund Peter Buchholz
In meinem Kinderherzen hatte ich damals dem Peter trotz aller Kameradschaft fürchterliche Rache geschworen: Am anderen Morgen wollte ich ihn gründlich verhauen. Peter aber, als besserer Diplomat, bedauerte mich scheinheilig, und als er mir auch noch ein Bildchen aus seinem Gebetbuch schenkte, verzieh ich ihm großmütig, und wir waren wieder gute Freunde, wie wir das immer waren und auch zeitlebens geblieben sind. Es drängt mich, im Andenken an den 1963 verstorbenen Prälaten hier noch Folgendes zu bemerken: Peter war mir als Schulkamerad, Altersgenosse und Nachbar immer ein lieber Freund. Manche vertraute Stunde habe ich mit ihm zusammengesessen, wobei er mir manches erzählte, was er nie in seinen Vorträgen erwähnte. Ich vermisse heute meinen stets hilfsbereiten Freund immer noch schmerzlich: Mit jedem Anliegen durfte ich zu ihm kommen, als kluger und erfahrener Mann wusste er immer Ausweg und Rat.
Eines will ich hier nur herausgreifen:
Im Jahre 1936 konnte Peter Buchholz, damals Gefängnispfarrer in Essen, sein silbernes Priesterjubiäum feiern. Zu diesem Jubiläum wollten wir Eisbachcr unserem Freund und Dorfgenossen auch eine Freude machen. Unser Jubiläumsgeschenk für Peter waren einige Bänke für seine geliebte Muttergotteskapelle in Eisbach, worüber er sich sehr freute. Diese Aktion musste natürlich etwas vorbereitet werden, wozu die Eisbacher in meiner Wohnung zu einer Besprechung zusammenkamen. Es wurde ausdrücklich bemerkt, dass kein Zwang ausgeübt werde, jedem sei freigestellt, ob er was geben könne oder wolle. Es kam mehr Geld ein, wie wir für die Bänke brauchten, und wir konnten darüber hinaus noch den öffentlichen Weg von der Dorfstraße bis zur Kapelle instandsetzen, was doch bestimmt eine gemeinnützige Angelegenheit war.
Bis hierhin alles gut, aber wir hatten nicht mit den Bestimmungen und Tücken des damals schon im Morgenrot aufsteigenden Dritten Reiches gerechnet. Ich wurde angezeigt, in meiner Wohnung eine verbotene Versammlung und eine verbotene Geldsammlung geduldet, bzw. arrangiert zu haben. Nach verschiedenen Vorverhandlungen würde die hochpolitische Klage dem Staatsanwalt übergeben, wobei mir eröffnet wurde, dass ich mit einer Gefängnisstrafe von mindestens drei Monaten zu rechnen hätte. Nun griff Freund Peter Buchholz ein, er suchte in Essen den besten Anwalt auf, der eine glänzende Verteidigungsschrift für mich aufsetzte, worauf der Staatsanwalt seine Klage fallen ließ. Damit war es für mich leider aus, ein Märtyrer des Dritten Reiches zu werden.
Als geborener Eisbacher war Peter dem Dorfe sehr zugetan; an allen Freuden und Leiden des Dorfes nahm er immer Anteil, und kein älterer Einwohner durfte ihn mit 'Prälat' oder 'Herr Pfarrer' ansprechen. Den Eisbacher Dialekt sprach er besser wie mancher Eisbacher selbst, worauf er sehr stolz war. Zusammenfassend: Er war eben unser Peter. Peter hat 1936 in Eisbach sein silbernes Priesterjubiläum und 1961 sein Goldenes Jubiläum gefeiert, jedesmal unter größter Beteiligung des ganzen Dorfes. Morgens war die Feier in der Kapelle und nachmittags war eine Festversammlung auf der Kegelbahn, als dem größten Lokale des Dorfes. Vor mir liegt ein Lebenslauf des Prälaten, den ich 1961 zu Ehren des Goldjubiläums von Peter in Gedichtform verfasst habe.
Sofern es den Leser nicht langweilt, will ich hier einige markante Stellen im Auszug wiedergeben:
'Bei Buchholz kam ein Bübchen an,
ein rosig hübscher kleiner Mann.
Es fanden sich zum Taufschmaus ein
der Onkel, Tanten lange Reihn.
Ein jeder gerne wissen wollte,
was aus dem Bübchen werden sollte.
Ob Schuster, Schreiner, Schornsteinfeger,
Amtsdirektor, Fliesenleger,
ob Bürgermeister,
Advokat, ein jeder wusste guten Rat.
Und als man Vater Buchholz fragte,
was er zu diesen Fragen sagte,
da meinte dieser schlicht und glatt:
'Der kleine Peter wird Prälat!'
Und als dies Machtwort war gefallen,
könnt's Bübchen nur noch Danke lallen.
Dann sog es ruhig und ganz heiter
an seinem lieben Fläschchen weiter.
Und als nun größer ward der Engel,
ward langsam er ein kleiner Bengel.
Kein Hund noch Katz und keine Kuh,
die hatten vor dem Lümmel Ruh.
Mit andern Kindern zankt' er sich
und schrie dann immer fürchterlich.
Dem arme Vater notgedrungen
ihm man die Prügel aufgezwungen.
Und eines Tags, da war's soweit,
zum Schulgang macht man ihn bereit.
Der Johann, Wilhelm und der Peter,
die zogen dann mit viel Gezeter
zum erstenmal auf große Reis
zur Schule hin nach Oberpleis.
Dort stand der brave Lehrer Schwind:
'Komm, Bürschchen, komm mal her geschwind.
Auf dich da warte ich schon lange,
komm ruhig näher ohne Bange.
Ich werde dich schon munter machen,
bei mir, da gibt es nichts zu lachen.
Ich kleb dich an die Wand, du Lümmel,
verzichte jetzt schon auf den Himmel.
Denn bei die lieben Engelein,
kommst du ja sowieso nicht rein.
Durchs Fenster fliegst du bei die Leichen,
dort ruhe aus von deinen Streichen.
Der Kreuze Jupp fliegt noch dazu,
dann hab ich endlich wieder Ruh.'
Als Vater Buchholz das vernommen,
da sagte er so ganz beklommen:
'Nein, nein, nein, so ein Bösewicht
ist unser Peter doch noch nicht.
Für Oberpleis ist er zu schad,
beim Schwind, da wird er nie Prälat.
Bevor ihm dieser den Verstand hat ausgepufft,
muss Peter unbedingt in andere Luft.'
Die Leser, die Lehrer Schwind weniger gekannt haben, werden wohl der Auffassung sein, ich hätte ihn nur als unfähigen rabiaten Lehrer schildern wollen. Das ist nicht der Fall. Ich werde in weiteren Folgen auch Beweise dafür anbringen.
Ich kann mich noch gut der Trauer erinnern, die mich erfasste, als Peter und ich getrennt wurden. In dem vorhin genannten Lebenslauf des Prälaten kommt dieses auch an einer Stelle zum Vorschein.
Es heißt dort:
'Als mir Freund Peter ward genommen,
war ich von Trauer ganz beklommen:
Der Vater fragt: 'Was hast du nur?'
'Och, Vatter, loss mech doch och wäeden Pastur!"
Doch Vatter sagt: 'Du ärmer Jong,
Dofür es jo vell ze schwach deng Long.
Du dröcklich klitze kleene Spon,
du wiesch noch net emol Kaplon.
Schlag dir dat mir us dengem Kopp
Spell leever möt dengem Diddeldopp!'
Da wards mir vor den Augen düster:
'Halt', dachte ich, 'jetzt wirst du Küster.
Für zu weilen im schönen Gotteshaus,
reicht deine Lunge doch noch aus.
Ich spiel dann dem Peter ganz feierlich,
bei Weihrauchduft und Kerzenlicht.
Dann läut ich noch zum Angelus,
und dann — dann habe ich ja Schluss.
Ein Küster hat doch ein feines Leben',
doch dieses ging mir auch daneben.
Vielleicht war ich was schwach im Kopf,
drum war und blieb ich nur ein Tropf.'"
Das Foto zeigt Peter Buchholz beim Richtfest der Eisbacher Kegelbahn.
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