Aufnahme: 1996
Gewitterwolken über der Bergregion
Hitze, Dürre, Sturm und Wolkenbruch
Von Willi Schmidt
Es mag ja sein, daß viele Naturkatastrophen in heutiger Zeit auf ökologische Sünden der Menschheit zurückzuführen sind. Aber wohl nicht nur. Denn seit alters her hat es Hitze-, Dürre- und katastrophal verregnete Jahre gegeben, die damals den Menschen sogar erheblich mehr zusetzten als heute, gar ihre Existenz bedrohten. Denken wir nur an die Hungerjahre in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, hervorgerufen durch mehrere verdorbene Ernten, die viele Einwohner unserer Gegend aus ihrer angestammten Heimat trieben. Sie wanderten aus ins gelobte Land Amerika, dort auf ein besseres Leben hoffend. In meinem Buch „Die Strüch- Eine Chronik von Thomasberg" habe ich eine Reihe dieser Auswanderer namentlich aufgeführt. Im genannten Buch habe ich mehrere Naturkatastrophen erwähnt, die unsere Heimat getroffen haben, seit es Aufzeichnungen hierüber gibt. Ich mußte mich dabei weitgehend auf Notizen von Frau Symnofsky, der Ehefrau des langjährigen Thomasberger Hauptlehrers, verlassen, weil andere Quellen hierüber nicht zur Verfügung standen. Da jedoch die Angaben von Frau Symnofsky, die ich überprüfen konnte, sich als überraschend zuverlässig erwiesen, hatte ich auch hier keine Bedenken, sie in die Chronik zu übernehmen.
Nunmehr habe ich die Bestätigung dafür gefunden, daß die Angaben von Frau Symnofsky auch in diesen Fällen gar nicht so schlecht waren. Eine Leserin meines Buches aus Lahr bei lttenbach, Frau Leni Leven, die langjährige dortige Posthalterin, ließ mich in das „Familienarchiv" der Levens blicken, und da fand ich so manches. So z.B. die Geschichte vom schrecklichen Dürrejahr 1893 (im Buch ist irrtümlich 1894 angegeben). In der Familienchronik der Familie Leven steht hierüber Folgendes: „... Die Ernte 1892 war seit vielen Jahren die reichste gewesen, doch mit Weihnachten begann zunächst ein kalter und schneereicher Winter. Bis Ende Januar schneite es fast täglich, und es herrschte strenger Frost. Das neue Jahr brachte auch weiter nichts Gutes. Vom 20. Februar an hat es nicht mehr ernstlich oder vielmehr gar nicht geregnet bis Mitte Juli. An Viehfutter war nichts vorhanden, da die Kleefelder ganz ausgetrocknet waren und das wenige Gras in den Wiesen für Heu für den Winter benötigt wurde. Das Rindvieh wurde morgens in aller Frühe in den Wald getrieben, wo es, da auf dem Boden fast gar nichts zu weiden war, die Blätter von den Bäumen und Sträuchern fraß, so hoch es reichen konnte. Das Futter im Stall bestand aus abgeschnittenem Laub sowie aus alter Spreu und Abfällen von Heu und Stroh, was auf dem Heuboden und in der Scheune seit langen Jahren liegen geblieben war. Es wurde mit Kleie und Wasser vermischt gefüttert. Man muß sich wundern, daß das Vieh überhaupt dabei am Leben geblieben ist. Von Mai bis Dezember wurden fast jede Woche ein bis zwei Kühe im Dorf geschlachtet und sehr viel für Spottgeld verschleudert. Der Preis fürs Pfund betrug im allgemeinen 30 bis 40 Pf. Vieles ist dann noch durch die andauernde Hitze verdorben.So trocken wie das Jahr 1893 war, so naß war das Jahr 1894. und es gab wieder eine schlechte Ernte".
(Diese Schilderung erinnert fatal an das Nachkriegs-Hungerjahr 1947, da war es auch im vorhergehenden Winter so erbärmlich kalt und im Sommer so unendlich heiß und trocken.) Vom fürchterlichen Unwetter im Jahre 1903, von dem die Thomasberger Chronik berichtet, wurde der Vater von Frau Leven auf dem Weg von Königswinter nach lttenbach überrascht, es war am Pfingstdienstag, dem 2. Juni 1903. Der Wolkenbruch dauerte „von 1 Uhr mittags bis 1/2 5 Uhr nachmittags" und muß tatsächlich, wie ein erhalten gebliebener Brief eines Zeitzeugen dramatisch schildert, wie ein Weltuntergang gewesen sein. Frau Leven besitzt sogar noch ein Foto von dieser „Wasserkatastrophe im Siebengebirge", nämlich von der eingestürzten Brücke der früheren Petersberger Basalt-Drahtseil-Bahn. Bei diesem Unwetter war der Lauterbach zu einem brüllenden Fluß angeschwollen, der Bäume, Schober, Scheunen und ganze Häuser wegriß. Und die Heisterbacher Talbahn war eine ganze Woche außer Betrieb. Am besten zitiere ich - mit freundlicher Genehmigung von Frau Rita Larisch, geb. Thomas - einige Stellen aus dem genannten Brief, den ihr Urgroßonkel, der Ölbergwirt August Stauf, am 3. Juni 1903 an seinen Neffen Heinrich schrieb. Er schildert zunächst seine Zufriedenheit mit dem Pfingstgeschäft auf dem Ölberg. 1100 Flaschen Bier und 500 Flaschen Wasser, von Limonade gar nicht zu reden, habe er verkauft und fährt fort: „Es war aber auch in den Pfingsttagen so heiß hier, daß die Krähen japten, und das bringt Durst.
Gestern hatten wir ein fürchterliches Wetter, wie Du und ich es noch nicht erlebt haben. ... Das dabei sehr viele Sachen zugrunde gehen, kannst Du Dir wohl denken. ... Dem Eudenberg sein Fügplatz stand der Straße gleich unter Wasser, so daß sämtliches Holz herumschwamm. In der Döttscheider Mühle ist dem jetzigen Pächter im Schlamm und Geröll eine Ziege umgekommen....In Wintermühlen sieht es noch viel schlimmer aus, da sind Mauern und Hecken fortgeschwemmt worden . ... In Königswinter sieht es noch grausig aus, denn die Eisenbahn konnte nicht mehr fahren, denn die Geleise waren so verschlammt, daß die Räder nicht mehr rund gingen. Post und Telegraph konnten nicht mehr arbeiten, selbst der Zeitungsträger blieb aus. Möbel, die aus der Sonntagsmühle und aus dem Faßbenders Haus fortgetrieben waren, haben sie auf dem Rhein mit Motorbooten wieder aufgefangen. ... Von Königswinter abwärts stehen die Eisenbahnschienen und Schwellen hoch aufgerichtet in der Luft. Der Wallraf hat gesagt, es seien ihm wenigstens für 5 bis 6000 Mark verdorben worden. Dem Thiebes stehen 2 Waggon Kartoffel unter Wasser und auch Kleie und Kunstdünger. Am Petersberg hat der Blitz verschiedene Male eingeschlagen, sogar einmal in die Zahnradbahn. In Königswinter sagt man, sie könnten in 10 Jahren nicht so viel verdienen wie jetzt verdorben wäre."
Aber auch vom gräßlichen Schiffsunglück auf dem Rhein bei Oberkassel am 3. Dezember 1825, bei dem laut Chronik 3 Strücher, 3 lttenbacher und 3 Heisterbacherrotter Bürgerinnen und Bürger zu Tode kamen, findet sich ein Beleg bei Levens. Einer der drei lttenbacher war Leni Levens Ururgroßvater. Im Stammbaum der Familie steht: „Bei Oberkassel / im Rhein ertrunken 3.12.1825". Das Unglück geschah, als bei einer Überfahrt mit einem Nachen von Niederdollendorf zum Nikolausmarkt in Bonn plötzlich ein Sturm aufkam und der überladene Nachen kenterte. Den ersten authentischen Hinweis dazu erhielt ich vom inzwischen verstorbenen Oberpleiser Heimatforscher Wilhelm Weber. Aus etwas späterer Zeit ist der Wolkenbruch in der Nacht vom 11. zum 12. August 1936 zu nennen, bei dem der Auelsbach zu einem reißenden Fluß anschwoll. Hierfür bin ich selbst Zeuge. Ich war damals in der „Weilermühle" bei Röttgens Hermann, dem Mühlenbauern, in Landhilfe und wurde nachts durch heftiges Klopfen und lautes Rufen aus dem Bett geworfen: „Komm runter, der Hof steht unter Wasser!" Als ich fünf Minuten später am Küchenfenster stand, bis zu den Knien im Wasser, und versuchte, bei dem Brodeln und Gurgeln im Hof die vom Stall her gebrüllten Weisungen des Bauern zu verstehen, wurde es mir schon etwas mulmig.
Ich mußte nach hinten raus durch die Mühle, in der mir das Wasser fast bis zum Hals ging (mir kam es jedenfalls so vor), und ins Dorf Hilfe holen. Gott sei Dank gelang es, das Vieh zu retten. Nach Stunden war alles vorbei, und der Auelsbach tat so, als sei nichts gewesen. Bei diesem Wolkenbruch wurde die Ernte in der ganzen Gegend vernichtet. Und ich sehe heute noch, wie Bürgermeister Aretz, in seiner schwarzen SS-Uniform, mit Gefolge auftauchte, die Schäden besichtigend und den Geschädigten Hilfe zusichernd. Im September 1968 wurde unsere Heimat von einem ähnlichen Unwetter heimgesucht. Rinnsale wuchsen zu reißenden Bächen. In Sonderbusch gefährdete ein Erdrutsch die Straße nach Stieldorf, und die Straße von Thomasberg nach lttenbach war dick mit angeschwemmtem Schlamm bedeckt. Das alles ist schon in der Siebengebirgs-Zeitung nachzulesen. Desgleichen die Überschwemmung des Auelsbaches vom 8.7.1970 nach einem Wolkenbruch, bei dem die Wassermassen die Möbelfirma Brune bedrohten. Das zu Hilfe geeilte Löschfahrzeug der Thomasberger Feuerwehr versank in den Fluten. Von den gelegentlichen verheerenden Stürmen nenne ich nur den von 1939, wobei im hiesigen Staatsforst über 1000 Bäume entwurzelt wurden. Also hat die Natur auch damals schon gezeigt, daß mit ihr nicht zu spaßen ist. Und ökologische Sünden wird sie erst recht nicht verzeihen.
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