Aufnahme: 2014
Erinnerungen an die Vorweihnachtszeit
„Drunten im Hause rumorte und polterte es. Wir hörten die Schelle im Flur und von Zeit zu Zeit die lauten Befehle des Vaters aus dem Nebenzimmer der Offizin, das unter dem Kinderzimmer lag. Dann geschah es, dass schlurfende Schritte die Treppe heraufkamen, und wenn Mutter die Tür öffnete und in den Flur hinausschaute, war niemand dort. Es kam auch vor, dass sich die Tür plötzlich lautlos um eine Handbreit öffnete. Polternd flogen etliche Äpfel herein, Nüsse klapperten dazwischen und einige hartgebackene Plätzchen. Aber niemand stand in der Tür, niemand im Flur, der die Gaben hätte werfen können.
Es fiel uns niemals bei, dass eins von den Kindern selber einmal nachschauen könnte. Das tat immer Mutter oder Maria. Aber ich erinnere mich, dass gerade an solchen Abenden, an denen eine unsichtbare Hand uns mit kleinen Gaben beschenkte, die Mutter unten im Wohnzimmer oder in der Küche zu tun hatte. Zuweilen besuchte sie auch zu dieser Stunde eine Abendandacht in der Kirche. Jedoch wenige Minuten, nachdem wir mit Obst und Gebäck überrascht worden waren, trat sie wie ein zweites Wunder mit freudig geröteten Wangen und strahlenden Augen ins Kinderzimmer, wo wir von Maria behütet wurden.
Beileibe nicht jeder Abend bot eine so frohe und leckere Überraschung. Aber wie der Winter fortschritt, mehrten sich die frohen Vorzeichen unausdenklich schöner Freuden.
Bevor wir abends hinaufgingen, drückten wir uns die Nasen platt an den Fensterscheiben des Wohnzimmers, um links am nordwestlichen Horizont so viel wie möglich von dem glühenden Himmel zu erhaschen, den goldroten Wolken mit den karmesinfarbenen Hintergründen und den kleinen, vom Purpur ins Violette und Blaue spielenden Schäfchenwolken.
'Das bäckt der Heilige Mann! Das ist Sankt Nikolaus’ Backstube', sagte Maria.
Wenn wir dann eines Morgens in den Pantoffeln unter dem Bett oder in den Schuhen vor der Tür ein paar Zuckersterne oder auf dem sonntäglichen Frühstückstisch einen kleinen Weckmann mit Augen und Knöpfen aus Korinthen und einer dünnen Tonpfeife, die ihm vom Mund schräg über den Leib lief, vorfanden, dann wussen wir, dass die Zeit der Feste angebrochen war.“
In seinem Buch "Die Insel", dem der Text entnommen ist und aus dem wir auch an anderer Stelle zitieren, erzählt Werner Heinen von seiner Kindheit in seinem Elternhaus, der früheren Löwen - Apotheke Heinen (s. Link unten).
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