Aufnahme: 1996
Auf der Suche nach dem Christkind - eine Weihnachtsgeschichte
In einer Stadt in Österreich wohnte ein kleines Mädchen namens Lisa. Die Mutter war bei der Geburt des Kindes gestorben. Am Tage war Lisa in der Obhut einer Nachbarin, abends unterlag sie der Fürsorge des Vaters. So wuchs das Kind in geordneten Verhältnissen auf, bis eines Tages der Vater der Kleinen bei einem Tunnelbau tödlich verunglückte. Lisa, kaum ein Jahr alt, stand noch sehr unsicher auf ihren Beinchen und wurde aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen.
Man brachte sie zu den Großeltern hoch oben in den Bergen. Dort verlebte sie ein paar wunderschöne Jahre im Kreise ihrer Lieben. Mit ihrem kleinen Kätzchen Pummel spielte sie stundenlang vor der Hütte, wobei Schweinchen Erwin auch manchmal mitmischte. Sie besaßen nur das Nötigste zum Leben, waren aber glücklich und zufrieden.
Inzwischen war Lisa, ein aufgewecktes Kind, fünf Jahre alt geworden und dachte schon über vieles nach. Besonders über Weihnachten und das Christkind, das bald kommen würde. Die Kinder aus der Stadt, die in der Winterzeit dort oben zum Skilaufen kamen, hatten große Wünsche: Pelzmützen, Skier und Lederhandschuhe und vieles mehr. Lisa wünschte sich nur eine neue Hose, ein Paar neue Stiefel und für Großvater warme Unterhosen und Handschuhe, für Großmutter eine neue Schürze, einen Kessel und eine Decke, für Pummel einen Ball und ein Körbchen zum Schlafen und für das Schweinchen Ohrenwärmer.
Die Festtage rückten näher, und die kleine Lisa wurde immer unruhiger. Sie fasste den Entschluss, ihre Wünsche dem Christkind selbst mitzuteilen. Sonst würden sie am Ende — wie im letzten Jahr — wieder vergessen, man müsste am Weihnachtsfest „O du fröhliche" singen, mit Omas selbstgebackenen Plätzchen vorliebnehmen und von all den schönen Sachen träumen.
Am Morgen des Heiligen Abends nahm sie eine alte Decke, ein Stück Brot und packte die Sachen in den Rucksack. Zu dieser Zeit hackte der Großvater Holz und Großmutter melkte die Ziegen. Die Kleine schlich sich aus dem Haus und rannte so schnell sie konnte in den nahegelegenen Wald. Sie lief immer schneller und wusste selbst nicht so recht wohin. Stundenlang irrte sie durch die Gegend, setzte sich auf einen Baumstumpf und knabberte an ihrem Brot. Ein Jäger mit seinem Hund kam des Weges daher und fragte: „Was machst Du denn allein im Wald?" „Ich suche das Christkind", antwortete Lisa. Der Mann im grünen Rock schüttelte verwundert den Kopf und ging weiter. Allmählich wurde es immer dunkler, und Lisa lief und lief, aber das Christkind war nirgends zu finden. Total erschöpft fand sie eine kleine Höhle. Sie schlug die Decke etwas unbeholfen um sich und kauerte sich in eine Ecke. Sie schlief und träumte von blühenden Bäumen, schönen Kleidern und kleinen Schweinchen. Da, ein Geräusch, ein Knacken im Gebüsch. Lisa schreckte hoch, das Christkind! Aber nein, es war nur ein scheues Reh, das durch das Unterholz lief. So irrte das kleine Mädchen etliche Tage durch Wälder und Wiesen, ohne das Christkind zu finden.
Plötzlich sah es an einer Lichtung in der Feme viele Lampen und Lichter. Lisa rannte so schnell sie konnte in diese Richtung. Bunte Fenster, taghelle Straßen, schöne Düfte konnte sie wahrnehmen. Hunger und Durst quälten sie. Ganz traurig setzte Lisa sich auf den Rand des Brunnens auf dem Marktplatz und weinte ganz herzerweichend. Eine liebenswerte Stimme durchbrach die Nacht und fragte die Kleine, warum sie weine und warum sie hier allein so spät sitzen würde. „Das Christkind ... Großvater und Großmutter, die sind ... und ich habe es nicht gefunden. Kalte Füße und Hunger hab ich." Tausend Dinge gingen der Kleinen gleichzeitig durch den Kopf. „Ach Kind, Weihnachten ist doch schon längst vorbei. Aber wenn Du das Christkind suchst, das kann ich Dir zeigen. Komm!" Er nahm sie bei der Hand und führte sie zur Kirche. Der greise Herr holte einen großen Schlüssel aus der Tasche und betrat mit Lisa das Kircheninnere. Er ging mit ihr zur Krippe und zeigte auf das Kind, das im Stalle lag. „Dort liegt das Christkind." Lisa schüttelte den Kopf und meinte: „Das glaube ich Dir nicht. Das ist doch tot wie unsere alte Ziege im letzten Sommer." Ein Schmunzeln ging über das Gesicht des Geistlichen. „Glaube mir, Kind, ich bin der Pfarrer. Ich weiß es ganz genau." Und er erzählte ihr, dass Maria und Josef — genauso wie sie — in der Heiligen Nacht herumirrten, kein warmes Bett hatten und dann im Stall von Bethlehem das Christkind zur Welt kam. „Aber komm, ich bringe dich ins Pfarrhaus“. Bei einer Tasse Kakao und einem Stück Kuchen wurde Lisa immer schläfriger.
Im Gästezimmer des Pfarrhauses wurde Lisa morgens in einem bunt bezogenen Bett wach. Die Zimmertür öffnete sich, und es kam der Pfarrer mit vielen Kindern an ihr Bett. Es hatte sich in Windeseile herumgesprochen dass Lisa ein armes Mädchen aus den Bergen sei. So brachte jedes Kind Spielsachen, Kleidung und Süßigkeiten, und Lischen hüpfte vor Freude, dass die Matratzen quietschten. „Das ist alles für mich vom Christkind?!“. „Ja, vom Christkind," meinte der Pfarrer.
Lisa wurde nu noch am gleichen Tag mit einem großen Pferdeschlitten, vollbepackt, zu den Großeltern gebracht. Und jedes Jahr zu gleichen Zeit darf Lisa mit ihren Großeltern am Heiligen Abend im Pfarrhaus wohnen, die Christmette besuchen und mit vielen Kinder Weihnachten erleben.
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