Aufnahme: 1966
ADVENT in Geschichte und Brauchtum
Eine vorweihnachtliche Betrachtung zum 1. Adventssonntag
von Kaplan Heribert Bauer, Oberpleis
Ostern war drei Jahrhunderte das einzige Fest, das in der ganzen Kirche gefeiert wurde. Es ist das älteste Fest der Christenheit. Aber im Apostolischen Glaubensbekenntnis ist nicht nur das Bekenntnis enthalten, daß Jesus von den Toten auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist, sondern es wird auch das Geheimnis seiner Menschwerdung umschrieben. So trat schon im 4. Jahrhundert zum Osterfest der weihnachtliche Festkreis.
Die Anregung hierzu ging von der antiken hellenistischen Kultur aus, denn man war im griechisch-römischen Raum gewohnt, Geburtsfeste zu feiern, vor allem von Herrschern, aber auch von anderen bedeutenden Männern und vor allem nicht nur zu Lebzeiten, sondern auch über den Tod hinaus. Dabei wählte man nicht immer den kalendermäßigen Geburtstag, sondern manchmal auch einen anderen symbolisch bedeutsamen Tag. So ist es verständlich, daß auch die Christen das Geburtsfest ihres Herrn feiern wollten, und weil der wirkliche Geburtstag Christi nicht überliefert war, sah man sich genötigt, einen symbolisch bedeutsamen Tag zu wählen. Das war in Rom der 25. Dezember. An diesem Tag feierten die Heiden das Fest des unbesiegbaren Sonnengottes. Nun sagten die Christen: Die wahre Sonne der Gerechtigkeit ist Jesus Christus. Seine Geburt ist der Sonnenaufgang für die ganze Welt." So wie am 25. Dezember die Sonne scheinbar ihre Kraft verloren hat, in Wirklichkeit aber wieder wachsen und erstarken wird und unbesiegbar bleibt, ebenso war die Geburt Christi ein Licht, das in die Finsternis der Welt hineinleuchtet und die Welt hell und warm macht.
Der Orient hatte schon früher ein eigenes Fest am 6. Januar, das man Epiphanie oder Erscheinung nannte. Schon der Name deutet an, daß man mit diesem Fest das Kommen des Herrn in die Welt feiern wollte. Auch bei diesem Fest spielt die Symbolik des Lichtes mit: „Christus ist erschienen als Licht der Welt." Auch am 6. Januar handelte es sich um ein ehemaliges Fest des Sonnengottes. Noch im 4. Jahrhundert ist das Fest der Erscheinung des Herrn am 6. Januar im Abendland übernommen worden, genau so wie das abendländische Weihnachtsfest am 25. Dezember im Orient. Das Osterfest hatte schon früh eine Vorbereitungszeit, die 40-tägige Fastenzeit. So blieb es nicht aus, daß man auch schon bald eine Vorbereitungszeit für das Weihnachtsfest einführte, den Advent. Es dauerte aber lange Zeit, bis überall im Abendland eine einheitliche Regelung herbeigeführt wurde. In Rom kannte man bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts überhaupt keinen Advent, in Spanien und Gallien hatte man eine 40-tägige Vorbereitungszeit eingeführt, ähnlich der Fastenzeit vor Ostern.
In Gallien begann diese 40-tägige Vorbereitungszeit mit dem Gedächtnistag des hl. Martini am 11. November und dauerte bis zum 5. Januar, dem Vortag des Festes der Erscheinung, wobei zu berücksichtigen ist, daß an Samstagen und Sonntagen keine Fasttage waren. So war das Fest des hl. Martin das letzte große Fest vor Beginn dieser Fastenzeit. Der heutige Fackelzug am Vorabend des Martinstages erinnert an die Lichterprozession der Mönche, dem sog. Lucernarium bei der 1. Vesper, die man am Vorabend eines großen Festes besonders feierlich gestaltete, die Martinsgans erinnert daran, daß man vor einer so langen Fastenzeit noch ein mal ein Festessen verzehrte, der heutige 11.11. erinnert daran, daß man damals so etwas wie Karneval vor der beginnenden Fastenzeit feierte. Der Advent ist geprägt von dem Gedanken der Erscheinung des Gottessohnes in großer Macht und Herrlichkeit, das Wort ist Fleisch geworden. Die irischen Mönche, die im 6./7. Jahr hundert in Frankreich und in Gallien missionierten, brachten noch den Gedanken der zweiten Ankunft Christi zum Gericht am Ende der Tage in die Adventsliturgie hinein. Noch heute beginnt das Kirchenjahr am 1. Adventssonntag mit dem Evangelium vom Ende der Welt. Weil der jüngste Tag vor allem als Tag des strengen Gerichtes im Mittelalter gesehen wurde, erhielt der Advent einen strengen und ernsten Bußcharakter.
Das kommt in der Liturgie heute noch zum Ausdruck in der violetten Paramente und im Wegfall des Gloria in der Messe, sowie in den Texten der Liturgie, die die ernsten Bußpredigten Johannes des Täufers enthalten. Seit dem Hochmittelalter setzte sich der heute noch übliche vier wöchentliche Advent fast allgemein im Abendland durch. So ist also der Advent durchzogen von vielfältigen Gedanken: Von der Erscheinung des Gottessohnes im Fleische bei seiner 1. Ankunft und von der Erscheinung am Ende der Tage zum Gericht, von Weihnachtsfreude und Gerichtsernst, von Buße und erwartungsvoller Freude.
Wie zu keiner anderen Zeit im Jahr hat sich in der Adventszeit ein reiches Brauchtum entfalten können. Der Adventskranz, aus Tannenzweigen gewunden und mit vier Kerzen besteckt, stammt aus evangelischen Kreisen Deutschlands, hat sich aber in den letzten Jahrzehnten Heimatrecht in fast allen Familien und fast allen katholischen Kirchen errungen. Im Adventskranz ist aber auch schon viel älteres Brauchtum enthalten. Die Tannenzweige erinnern an andere Zweige, die Barbarazweige, die man am 4. Dezember abschneidet und die dann Weihnachten blühen. Dahinter steckt eine noch ältere biblische Vorstellung. Der Prophet Isaias spricht von einem Reis, das aus dem Wurzelstock Jesse hervorgehen wird.
Mit diesem Zweig ist der Immanuel, der Messias gemeint. Diese Stelle aus dem Propheten Isaias ist im bekannten Kirchenlied „Es ist ein Ros (= Reis) entsprungen" aufgenommen worden. In einem Adventslied singen wir von den „Zweiglein der Gottseligkeit", die auf ähnliche Vorstellungen hinweisen. Das Bild vom Zweig ist ein Sinnbild der Wiederbelebung dessen, was erstorben war. Die Kerzen am Adventskranz, von denen je eine weitere an den vier Sonntagen entzündet wird, symbolisch das Wachsen des Lichtes, das Christus ist. Für den Christen ist der Advent ein freudiges Gedächtnis der ersten Ankunft Christi im Fleische, wodurch der Welt ein neues Licht aufgegangen ist, aber auch eine ernste Mahnung, daß wir bei der zweiten Ankunft Christi beim Gericht am Ende der Tage bereit sind, mit ihm einzugehen in das ewige Licht.
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