Aufnahme: 1999

Pfarrer Walter Lubrich 90 Jahre

Gott hat über sein Leben und das seiner Familie immer schützend die Hand gehalten, auch wenn es besonders durch zwei Weltkriege schwer erschüttert wurde, erinnert sich dankbar Pfarrer Walter Lubrich. In vielen Gesprächen in seinem Haus, zunächst noch zusammen mit seiner Frau und einigen seiner Kinder, erzählt er von seiner Jugend in Schosdorf bei Görlitz, wo er zusammen mit seinen Eltern und seinen drei Geschwistern lebte. Das harmonische Familienleben wurde jäh durch den Tod des Vaters als Soldat im ersten Welt­krieg und den frühen Tod der Mutter auseinandergerissen.

Nach dem Abitur in Görlitz verließ er zum ersten Mal seine schlesische Heimat, um in Tübingen Theologie zu studieren. Nach Abschluss der Studien in Breslau begab sich Vikar Lubrich auf „Wanderschaft" - ähnlich wie Lehrlinge in dieser Zeit - um Erfahrungen in mehreren Gemeinden zu machen. Pfarrer Lubrich wurde am 9. März 1936 in der Elisabeth Kirche in Breslau im Auftrag der Bekennenden Kirche ordiniert. Sofort nach Kriegsausbruch wurde er eingezogen, aber zunächst für zwei Jahre freigestellt. Doch musste er 1942 seine Gemeinde als Soldat verlassen. Seine Frau flüchtete 1945 zusammen mit drei Kindern aus Schlesien nach Sachsen. Aus der Gefangenschaft entlassen, fand seine Familie zusammen mit Schwiegermutter, Tante und Nichte ihren ersten Wohnsitz in Kippenhohn.

1947 richtete die Ev. Gemeinde Oberkassel eine zweite Pfarrstelle in Oberpleis ein. So begann die Arbeit des ersten ev. Pfarrers in Oberpleis mit 86 Ortschaften - aber ohne Kirche. Manche Gemeindeglieder erinnern sich noch gut daran, wo die Gottesdien­ste - zeitweise drei an einem Sonntag - gehalten wurden: Platz dafür boten die Volksschule  und der Kinosaal in Oberpleis, die Schulen in Heisterbacherrott, Stieldorf und Eudenbach sowie die Kapelle in Westerhausen. Für die Bibelstunden und andere Krei­se öffneten sich die beengten Wohnräume der Pfarrwohnung in Kippenhohn. Die weiten Wege zu seinen „Dienststellen" bewältigte Pfarrer Lubrich mit dem vom Ev. Hilfswerk gespendeten Motorroller (100 ccm) englischer Herkunft. Eine kaum vorstellbare Aufgabe! Und dennoch hatte unser Pfarrer auch nachts für seine Gemeinde Zeit. Ein Erlebnis schilderte es anschaulich. Harry Kittelmann war mit einer Gruppe des CVJM mit dem Fahrrad unterwegs durch das Bergische Land. Auf dem Rückweg - es war gegen ein Uhr nachts - riefen sie voller Vertrauen auf ihren Seel­sorger um Hilfe bittend an. Und wirklich, er erreichte die Gruppe nachts gegen zwei Uhr und fuhr den leicht verletzten Radfahrer in seinem VW Käfer nach Hause.

Eine andere Begebenheit aus den Anfängen der Gemeinde er­ zählen sich heute noch die Älteren. Hilfsbereite Frauen nahmen den einzigen Talar nach Hause, um ihn für den nächsten Got­tesdienst zu waschen. Doch was war passiert? Das wertvolle Kleidungsstück hatte das zu heiße Wasser nicht vertragen und war eingelaufen! Ein großes Ereignis für den Pfarrer und die Gemeinde war die Einweihung der heute unter Denkmalschutz stehenden, vom Hilfswerk der Schweizerischen Kirchen gestifteten Kirche aus Holzkonstruktion. Am 11.12.1949 zogen die Gläubigen nach dem letzten Gottesdienst aus dem Kinosaal zur lttenbacher Straße, die zu dieser Zeit noch weit ab vom Zentrum des alten Oberpleis lag. Die Feststellung eines Oberpleisers während der Errichtung der Kirche: „Do witt en Kerch wek op dem Feld jebaut. Dat kann us doch ejal sinn", schildert die Lage recht treffend.

Aus der katholischen Gemeinde erinnert sich Josef Neuhöfer an das segensreiche Tun von Pfarrer Lubrich und an viele Begegnungen mit ihm. Zur Zeit von Pastor Stein begannen die ökumenischen Gespräche zwischen Pfarrgemeinderat und Presbyterium, die häufig im Tannenhof oder Pastorat stattfanden. Auch Mitglieder des damaligen Kirchenvorstandes, zu denen Herr Neuhöfer auch gehörte, und andere katholische Gemeindeglieder sprechen noch immer von der stillen und ausgleichenden Arbeit des ersten evangelischen Pfarrers in Oberpleis.

Wir wünschen ihm, der am 23. November sein 90. Lebensjahr vollendete, Gesundheit und Gottes Segen im Kreise seiner Kinder und Enkel.

Adelheid Siegmann

Quelle
Pfarrfamilie (ökumenische Ausgabe) Nummer 6/ 111, Dez. 98 / Januar 99; Bericht: Adelheid Siegmann
Zur Verfügung gestellt von
Maria Hermes; Fotograf unbekannt Pfarrer Lubrich auf seinem Motorroller
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