Aufnahme: 1991
Die evangelische Kirche in Oberpleis - Wie es dazu kam, daß in Oberpleis eine evangelische Kirche gebaut wurde.
Ein Chronik-Bericht von Pfarrer Walter Lubrich.
Ein Kirchengebäude wird nur dann errichtet, wenn sich evangelische Christen zusammenfinden und miteinander Gottesdienst halten wollen.
Oberpleis und Umgebung (Stieldorf, Eudenbach, Heisterbacherrott) war früher ein Teil der evangelischen Kirchengemeinde Oberkassel.
Von dort aus hieß das Gebiet: Landgemeinde Oberkassel.
Es war für die evangelische Kirchengemeinde Oberkassel ausgesprochenes Diasporaland.
Vor dem 2. Weltkrieg (1939 – 1945) zählte man (von Amtswegen festgestellt) im Oberpleiser Land 150 evangelische Christen. Das sollen etwa 2 % gewesen sein.
Pfarrer Edgar Boué, seit 1933 Pfarrer von Oberkassel, war eifrig bemüht, die einzelnen Familien zu besuchen und zu sammeln.
Er hielt auch einmal im Monat einen Gottesdienst in Oberpleis.
Kirche war ein Klassenraum im Gebäude der Kath. Volksschule Oberpleis (später Hauptschulgebäude, jetzt Sommer 1978 abgerissen).
Damit legte er den Grundstein für alle weitere Entwicklung, in deren Verlauf und Ende schließlich eine evangelische Kirche in Oberpleis gebaut werden konnte.
Im Verlauf des 2. Weltkrieges (1939 – 1945) fanden sich nach und nach evangelische Familien, die aus den bombengeschädigten Städten des Rheinlandes kamen, im Oberpleiser Ländchen ein. Aber erst in den Jahren 1946 und 1947 setze in wachsendem Maße der Zuzug der Heimatvertriebenen aus den Ostgebieten Deutschlands ein.
Die Zahl der evangelischen Gemeindemitglieder wuchs von 150 im Jahre 1939 auf etwa 1000 im Jahre 1947.
Man verlangte nach einem Gottesdienst am Sonntag.
Pfarrer Boué aus Oberkassel bemühte sich um diese neuen Gemeindemitglieder.
Als Helfer hatte er anfangs Vikar Karl Dusbach (jetzt Pfarrer i.R. in Siegburg,
ab 1. September 1946 Vikar Georg Bräunig (jetzt Pfarrer in Asbach/Ww)
Nun wurden Gottesdienste in den Schulen gehalten in Oberpleis, Stieldorf und Heisterbacherrott. Konfirmanden wurden zum Unterricht gesammelt; Kranke und Alte wurden besucht.
In Stieldorf konnte von September 1947 an auch eine einklassige Evangelische Schule eingerichtet werden. Erster Lehrer dieser Schule war Lehrer Arthur Scheibe, selbst Heimatvertriebener aus Blumendorf (Kreis Lövenberg) in Schlesien.
Im Herbst des Jahrs 1947 kam Pfarrer Baué auf den Gedanken, den Bezirk Oberpleis/Stieldorf von einem Pfarrer, der selbst Heimatvertriebener war, versorgen zu lassen. So wurde ich von der Ev. Kirche des Rheinlandes ab 1. November 1947 als Hilfspfarrer der Gemeinde Oberkassel zugewiesen mit dem Auftrag, die geistliche Versorgung der Evangelischen in Oberpleis wahrzunehmen.
Am 16. Nov. 1047 -Bußtag- hielt in den ersten Gottesdienst in Oberpleis, der in einer Schulklasse der kath. Schule stattfand.
Der Superintendent, Pfarrer Boué und Vikar Georg Bräunig waren anwesend.
Das war also damit die Einführung in den Dienst in Oberpleis.
Am gleichen Tag fand sich endlich eine Wohnung für mich. Frau Elise Breuer in Ruttscheid und deren Schwester, Frau Berta Spiekermann, waren bereit, ein möbliertes Zimmer für mich zu stellen. Im Juni 1948 konnte endlich meine Familie: Ehefrau, 4 Kinder, Schwiegermutter und Nichte, nachkommen, weil in dem Gutshof Kippenhohn vor der Autobahn eine Wohnung angemietet werden konnte.
Neben dem Pfarrer stand für den kirchgemeindlichen Dienst auch eine Gemeindeschwester zur Verfügung, die aber in Oberkassel wohnte. Nacheinander waren es die Schwestern: Helene Kiefer, Luise Rebusch und Wilhelmine Büteführ (aber erst seit April 1950).
Gemäß einem vorhandenen Bild hatten wir damals schon eine Jugendgruppe, die etwas aus 10 Jugendlichen bestand. Wir hatten uns dem CVJM angeschlossen.
Unser Versammlungsraum war ein Schulzimmer der kath. Schule Oberpleis.
Es gab auch einen Kreis junger Mädchen, der von meiner Frau geleitet wurde.
Für unsere Gottesdienste wurde es uns im Schulzimmer allmählich zu eng. Wir suchten nach einem Ausweg und fanden schließlich eine Bleibe im Kinosaal. Herr Heinrich Bellinghausen war so freundlich, uns am Sonntagvormittag im alten Kinosaal unseren Gottesdienst halten zu lassen. Auch eine Trauung fand hier einmal statt; selbstverständlich auch Taufen.
An dieser Stelle möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß das Ev. Hilfswerk in Brüngsberg ein ev. Kinderheim einrichtete, das wohlwollend vom Hilfswerk der Ev. Kirchen der Schweiz (HEKS) in großem Maße unterstützt wurde. Am 28. Febr. 1949 traf der erste Kindertransport in Brüngsberg ein. Fräulein Ruth von Wild wurde als Leiterin des Heimes von dem Schweizer Hilfswerk eingesetzt (1961 wurde sie wieder zur Leiterin eines Altenheimes in der Schweiz zurückberufen).
Ab März 1949 begannen nun die ersten Überlegungen zur Errichtung eines eigenen Kirchengebäudes.
Wie wir dann endlich zu unserer Kirche kamen, lesen wir in den folgenden Berichten:
Das Hilfswerk der Ev. Kirchen in der Schweiz (HEKS) unter der Leitung von Pfarrer Dr. Hellstern fand sich bereit, die besonderen Nöte der Heimatvertriebenen in Deutschland mitzutragen, nicht nur in leiblicher Hinsicht sondern auch in geistlich-seelsorgerlicher.
Man wollte denen, die ihre Kirche in ihrer alten Heimat zurückgelassen hatten, zu einem neuen kirchlichen Mittelpunkt verhelfen.
Das Evangelische Hilfswerk im Rheinland, unter der Geschäftsführung von Herrn Dr. C. Rößler, übergab dem Architekten Herrn Prof. D. Otto Bartning in Neckarsteinach den Auftrag, für die Heimatvertriebenen in der Diaspora ein „Diaspora-Flüchtlingsgemeinde-zentrum“ zu entwerfen.
So kam es zu dem Plan unserer Kirche mit der Errichtung eines Mehrzweckkirchenraumes mit einem Anbau als Wohnung des Pfarrers.
Die Nähe des Kinderheimes in Brüngsberg trug dazu bei, daß die erste Kirche dieser Art für Oberpleis bestimmt wurde. Ein Grundstück wurde uns schließlich nach langem Suchen, wobei auch der kath. Pfarrer Hans Wichert half, durch die Vermittlung der Familien Blut-Nitschky von Frau Anna Bornheim geb. Reuter angeboten. Es lag recht weit von dem Ortskern Oberpleis (an der Ittenbacher Straße) entfernt und gehörte zum Ort Boseroth.
Durch schnelles Handeln des Kirchmeisters, Herrn Karl Duwe – Inhaber der Papierfabrik in Oberkassel – wurde der Kaufvertrag abgeschlossen. Die Kirchengemeinde Oberkassel/Oberpleis übernahm für diesen Kirchenbau die Kosten für das Fundament.
Das HEKS kam für die weiteren Kosten des Baues durch eine großzügige Spende (DM 75.000 auf. Wir konnten hierfür nicht dankbar genug sein.
Im Juli 1949 wurde mit den Ausschachtungsarbeiten begonnen. Freiwillige Helfer aus den Jugendkreisen und der sonstigen Gemeinde fanden sich neben den Bauarbeitern der Baufirma Nolden in Oberdollendorf hierzu bereit.
Der Bau der evangelischen Kirche in Oberpleis wurde in den Monaten August und September 1949 zügig weitergeführt.
Am 14. Oktober 1949 fand die Grundsteinlegung statt. Anwesend war allerdings nur die Schule, die am 23. Mai 1949 als evangelische Schule in Oberpleis gegründet wurde.
Der erste Lehrer dieser Schule war Herr Werner Schulze aus Königswinter, jetzt auch noch wohnhaft in Alt-Königswinter.
Nach dem Aufbau des Holzwerkes konnte alsbald das Richtfest gefeiert werden. Die Feier wurde zu einem besonderen Ereignis dadurch, daß eine Delegation des Hilfswerkes der Ev. Kirchen in der Schweiz (HEKS) mit dem Leiter des Hilfswerkes, Herrn Pfarrer Hellstern, daran teilnahm.
Im Namen der Schweizer Delegation sprach Herr Pfarrer Wohlpfender. Er sagte u.a.: Es ist uns eine große Freude vor allem eine Pflicht der Dankbarkeit, wenn wir aus schwachen Kräften etwas tun können für jene Menschen, die aus der Not heraus zu uns gerufen haben. Wir wissen uns mit euch verbunden aus dem Geiste Jesu Christi heraus. Es soll das ein Bekenntnis sein dafür, daß wir als Christen in der dienenden Liebe keine Landesgrenzen kennen, sondern daß wir uns mit den leidenden Brüdern und Schwestern ganz besonders verbunden wissen.“
Die Feierstunde wurde mit Gebet und Fürbitte für die Wohltäter und auch für die Kriegsgefangenen unter freiem herrlichem Abendhimmel in dem Holzgerüst des werdenden Gotteshauses beschlossen.
Für die Schweizer Pfarrer war es eine besondere Freude, mit dem damaligen, soeben ernannten Bundesminister, Herrn Dr. Gustav Heinemann, über Zeitfragen zu sprechen.
Das Gespräch fand in einem Königswinterer Hotel statt.
Indessen ging der Ausbau des Gemeindezentrums in den Monaten Oktober/November schnell voran. Die Einweihung sollte am 3. Advent 1949 stattfinden.
Ich will nur noch einige Erläuterungen zum Bau des Gemeindezentrums hinzufügen:
Das Gemeindezentrum besteht aus dem Kirchensaal, der Sakristei, Teeküche, WC und einem Anbau, in dem die Wohnung liegt. Es ist keine Baracke, sondern ein dauerhafter Montagebau in endgültiger Ausführung.
Der Kirchensaal hat 200 Sitzplätze bzw. nach Aufstellung von Klapptischen 168 Tischplätze. Die Altarnische mit Altar ist durch zwei Türflügel vom Kirchensaal abtrennbar. Der Wohnbau besteht aus 1 Schlafzimmer, 1 großen Wohnzimmer, das evtl. teilbar ist. Als Arbeitszimmer ist zugleich die Sakristei gedacht. Ein Zimmer ist für die Gemeindeschwester vorgesehen.
Im Laufe des November 1949, nachdem der Aufbau weiter zügig vorangegangen war, stellte es sich heraus, daß die Einweihung der Kirche am Sonntag, dem 11. Dezember 1949 – am 3. Advent- stattfinden könnte.
Die eigentliche Bezeichnung für diesen Bau lautete damals:
„Flüchtlings-Diaspora-Gemeindezentrum“
Die Einweihungsfeier begann schon am Samstag, dem 10. Dezember 1949 auf dem Schulplatz in Oberpleis mit Chorblasen des kleinen Chores der Posaunenmission Bethel bei Bielefeld unter Leitung von Herrn Walter Duwe in Bethel.
Am Sonntag, dem 11. Dezember war Festgottesdienst in der ev. Kirche in Oberkassel mit Festpredigt von Herrn Oberkirchenrat Edgar Boué, früher Pfarrer in Oberkassel und Oberpleis.
In einem Bericht von damals wird die Einweihung als Fest der Bruderliebe bezeichnet. Christen beider Konfessionen und Auslandsvertreter feierten die Oberpleiser Kirchweihe, die am Sonntagnachmittag stattfand.
Nach einer Andacht im Kinosaal von Oberpleis, in dem der Gottesdienst bisher gehalten werden mußte, zogen die Festteilnehmer in einem langen Zug auf der alten Ittenbacher Straße auf die Höhe vor Boseroth, wo die neue Kirche mit einem herrlichen Blick auf den Oelberg ihren Platz gefunden hatte.
Nach dem erstmaligen Läuten der Glocke übergab Kirchenbaumeister Professor D. Otto Bartning die Schlüssel an Präses D. Held, der auch die Festpredigt hielt.
Bei der Nachfeier sprachen: Oberkirchenrat Boué, Superintendent Weißer und Pfarrer Hedequist, der die Grüße und Glückwünsche der Schweizer Glaubensbrüder überbrachte.
Weitere Ansprachen hielten Prof. D. Bartning, Dr. Rössler (Leiter des Ev. Hilfswerkes im Rheinland), Pfarrer Ufer aus Siegburg, Pastor Bräunig aus Oberkassel, Pfarrer Hillert aus Bonn, Dozent Scherer von der Universität Bonn, Oberregierungsrat Otto vom Kultusministerium, Landrat Etzenbach, Gemeindebürgermeister Frau Reg-Rat Vurthmann und Amtsbürgermeister Horn.
Für die katholische Pfarrgemeinde Oberpleis und im Namen der übrigen anwesenden katholischen Geistlichen der Nachbargemeinden sprach Pfarrer Wichert, Oberpleis.
Er sprach von dem Verhältnis der beiden christlichen Konfessionen und sagte:
„Es sei für alle, die an den alleinigen Herrn glaubten, eine schwere Last, daß wir nicht eine Herde unter einem Hirten sein könnten. Aber es sei nicht den Menschen gegeben, das zu erreichen, was nur Werk des Heiligen Geistes sein könne. Doch es sei ihnen als Verpflichtung auferlegt, ich echter Liebe miteinander zu diesem Herrn und in wahrer Bruderliebe zueinander zu stehen.“
Abschließend sei erinnert an das Wort auf unserer kleinen, feinen Glocke:
„ O Land, Land, Land höre des Herrn Wort“
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