Aufnahme: 1973

Mauern, nichts als Mauern

Am 3. Advent, dem 17. Dezember 1972, wurde in der Oberpleiser evangelischen Kirche ein zeitgenössisches Problemstück aufgeführt. Schon der Titel: „Herbergssuche 72 - Kein Krippenspiel in drei Akten" gab Aufschluß über die Thematik des Stückes: Menschliche Konfliktsituationen entstehen durch „Mauern", Trennwände, die die Menschen untereinander und gegeneinander zur Tarnung, vorgeblich zum Schutz, errichtet haben. Daß dies dann auf Kosten der Mitmenschen geschieht, wurde im Stück deutlich demonstriert; vor allem geschieht es auf Kosten der Mitmenschlichkeit: Man verschanzt sich hinter Phrasen - religiösen, politischen u. a. -, um den anderen Menschen ja nicht in den eigenen abgetrennten Intimbereich eindringen zu lassen.

Die Mauern sind undurchlässig, die Menschen kapseln sich immer mehr ab. Herbergssuche - es ist kein Platz da, Ideologien werden aufgebaut: Zwei junge Menschen stoßen sich an diesen Mauern; sie werden getreten, geschlagen, gestoßen. Sie stellen fest, daß die Menschen hinter ihren Mauern nach Hilfe rufen, aber jeden, der ihnen helfen will, vertreiben: „Warum ruft man, wenn man nicht will, daß man gehört wird, daß einer über die Mauer klettert oder sie einreißt?" Herbergssuche, Suche nach Glück, Geborgenheit, Liebe - gerade heute spricht das Lukasevangelium in unsere Welt. Freilich, es handelte sich nicht um ein Krippenspiel üblicher Machart und Süßlichkeit. Aber dennoch ein Krippenspiel, in heutige Verhältnisse transponiert, ernüchternd und erschreckend zugleich.

Eine Lösung wurde nicht angeboten. Vielleicht hält man das für ein Manko. Aber nach Angaben der Spieler und des Autors, N. Hubrich, sollte auch keine Lösung angeboten werden, sondern den Zuschauer zum Nachdenken motivieren. Die Laienspieler wußten zu überzeugen und spielten mit ganzer Hingabe. Dietmar Schöler und Fides Matzdorf, die Hauptdarsteller, Reinhold Kurenbach und Brigitte Wulfram als Vater und Mutter, Irene Wind und Horst­ Theo Buchholz als Rocker-Freunde spielten engagiert und verdienen ein hohes Lob. Frau Herrmann in der Rolle der Oma muß für ihre schauspielerische Leistung besonders hervorgehoben werden. Die Kirche war fast voll besetzt, was die Spieler auch verdient hatten. Von dem Erlös wurde Spielzeug für den Propsthof angeschafft. Alles in allem: Ein Achtungserfolg. kl.

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 1 vom 05.01.1973; Fotograf unbekannt; Bericht: kl.
Zur Verfügung gestellt von
Rudolf Pieper (SZ)
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Evangelische Kirche Oberpleis Presseberichte Presseberichte 1 (bis 1989)
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